Wirtschaft : Urlaub in Spanien - Sparen in Luxemburg

ANDREAS KUNZE

Der Countdown läuft: Noch neun Monate, dann beginnen harte Zeiten für Deutschlands Sparer.Die Steuerfreibeträge sinken um die Hälfte, und Vater Staat schaut jedem einzelnen genau in die Tasche.Ab 1999 sind deutsche Banken verpflichtet, alle Kapitalerträge ihrer Kunden zu melden.Was sich Steuerfahnder bislang mühsam bei Razzien besorgen mußten, können sie künftig am Computer abrufen.Da packt den ein oder anderen das Fernweh nach Ländern, wo das Bankgeheimnis noch etwas gilt und der Fiskus mehr Zinsen und Dividenden übrigläßt.

Alles schon mal dagewesen: Als der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel im November 1991 eine Zinsabschlagssteuer ankündigte, schwappte eine gewaltige Fluchtwelle des Geldes über die Grenzen auf Konten in Luxemburg, der Schweiz und Liechtenstein.So ein Finanztourismus ist grundsätzlich erlaubt, allerdings muß der deutsche Anleger wissen, daß er Zuhause sein gesamtes Welteinkommen zu versteuern hat.

In der Praxis unterblieb das aber häufig, sodaß Anleger und Banken Ärger mit der Steuerfahndung bekamen.Die Anleger, weil sie ausländische Kapitalerträge nicht angegeben hatten; die Banken, weil sie ihren Kunden bei der Steuerhinterziehung geholfen haben sollen.Die Auswirkungen reichen bis in die Gegenwart.Einige Banken haben Strafbefehle in Millionenhöhe akzeptiert, vor kurzem auch die Dresdner Bank.Für viele Anleger kommt das dicke Ende noch.

Als der Gesetzgeber 1993 die bis heute gültigen Freibeträge einführte (6000 DM für Ledige, 12 000 DM für Verheiratete), verlor die Geldflucht an Reiz.Immerhin 80 Prozent der Bundesbürger, so berechnete der Ex-Finanzminister, mußten aufgrund der Freibeträge keine Steuern für Kapitalerträge zahlen.Wie das nach der Halbierung im nächsten Jahr aussieht, vermag im Ministerium noch niemand zu sagen.Für die meisten würde sich aber wohl nichts ändern, mutmaßt ein Sprecher, "schließlich hat sich der Marktzins seit 1993 mehr als halbiert".

So gesehen hat der deutsche Sparer keinen Grund zu maulen.Vor einigen Jahren konnte ein Lediger rund 80 000 DM zu 7,5 Prozent anlegen und blieb innerhalb des steuerfreien Betrages; erzielt er heute 3,5 Prozent Rendite, bleibt immer noch eine Anlage von rund 80 000 DM vom Fiskus verschont."Allerdings braucht keiner zu glauben, daß die Freibeträge wieder erhöht werden, wenn die Zinsen steigen sollten", hält der Düsseldorfer Steuerberater Hans-Otto Hüser entgegen.Er registriert wie viele Kollegen zunehmend Anfragen, wie Gelder steuerlich optimal angelegt werden sollen.

Daß sich Steuerfrust weiter ausbreitet, bestätigen zahlreiche Banker derzeit hinter vorgehaltener Hand."Was in den nächsten zwei Jahren an Geld ins Ausland rollt, wird alle bisherigen Transaktionen in den Schatten stellen", prophezeit ein Frankfurter Anlageberater.Zum Urlaub nach Spanien, zum Geldanlegen nach Luxemburg - dies könne eine typische Reiseplanung werden.Das liege weniger an den halbierten Freibeträgen, sondern an der verschärften Meldepflicht der Banken.

Bislang nahmen Spitzenverdiener gerne in Kauf, daß ihnen die pauschale Quellensteuer von 30 Prozent in Deutschland abgeknöpft wurde - schließlich war das immer noch weit weniger, als wenn sie die Kapitalerträge in der Steuererklärung angegeben hätten.Denn dann wäre bei einem Spitzenverdiener inklusive Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer ein Abzug von über 60 Prozent fällig.Durch die Meldepflicht ist künftig leicht überprüfbar, ob jemand in seiner Steuererklärung zu schweigsam war.

Wer deshalb sein Vermögen einer im Ausland ansässigen Bank anvertrauen möchte, hat den deutschen Fiskus trotzdem ständig im Nacken.Selbst wenn Überweisungen kunstvoll von einem Konto zum anderen Konto geschoben werden, bleibt die Geldspur dank Computertechnologie nachvollziehbar.Zumal Überweisungen über 5000 DM der Bundesbank gemeldet werden müssen.Der Transport bar im Köfferchen bringt ebenso Probleme: Bargelder über 5000 DM sind beim deutschen Zoll zu deklarieren.Im Kampf gegen die Geldwäsche schauen die mobilen Zolltrupps schon mal im Gepäck nach.Die französischen Kollegen - besonders auf der Transitstrecke nach Luxemburg umtriebig - achten wiederum sehr darauf, ob pflichtgemäß Devisenbeträge über 15 000 DM angemeldet wurden.

Luxemburg ist deshalb so beliebt, weil eine Quellensteuer im Großherzogtum unbekannt ist.Über 200 Banken haben sich dort angesiedelt, 63 davon sind Töchter deutscher Institute.Sie bieten die ganze Palette der üblichen Dienstleistungen und verdienen ordentlich daran.Beispiel Investmentfonds: Die jährliche Verwaltungsgebühr beträgt meist happige 1,5 Prozent - gut das Doppelte von dem, was deutsche Fonds in der Regel kassieren.Zusatzdienste schlagen ebenfalls kräftig zu Buche, etwa die sogenannte Bleibepost.Die ist für jene Anleger gedacht, die sich ihre Kontoauszüge lieber persönlich abholen möchten.

Teuer, aber ebenfalls von Quellensteuer unbelastet sind auch Geldanlagen auf den Kanalinseln, etwa auf Jersey.Sie sind von London aus in 40 Flugminuten erreichbar und gelten als Steueroase der Zukunft.Obwohl der britischen Krone zugehörig, sind die Kanalinseln keine Mitglieder der Europäischen Union.Eine steuerliche Harmonisierung, wie sie die EU besonders im Hinblick auf Luxemburg schaffen will, bleibt in der Normandie also folgenlos.

Wer diskrete Anlagen in seiner Nähe sucht, der reist mitunter gerne in den Süden, Richtung Bayern.Zwischen dem Freistaat und Österreich liegen die Gemeinden Jungholz/Tirol und Mittelberg/Voralberg (Kleines Walsertal).Die Gemeinden gehören zum österreichischen Staatsgebiet.Allerdings ist gesetzliches Zahlungsmittel die D-Mark, und zwar noch bis zur endgültigen Euro-Einführung im Jahr 2002.Jeder Bundesbürger kann dort ein auf D-Mark lautendes Sparbuch eröffnen, anonym und mit dem strengen österreichischen Bankgeheimnis umgeben.Eine Überweisung in diese Enklaven gilt als Inlandsüberweisung und unterliegt keiner Meldepflicht, ebenso kann Bargeld undeklariert eingezahlt werden.Die Diskretion sollte freilich nicht so weit gehen, daß der Anleger die Zinsen in seiner Einkommenssteuererklärung vergißt.

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