Urlaubsziel Deutschland : Denn das Gute liegt so nah

Deutschlands Touristenhochburgen sind noch besser gebucht als üblich. Als Profiteure des Terrors im Ausland will man sich dort aber nicht sehen.

Eva Maria Gerstenlauer
Gut gebucht. Wie hier an der Ostsee erfreuen sich die deutschen Reiseziele dieses Jahr an großer Beliebtheit.
Gut gebucht. Wie hier an der Ostsee erfreuen sich die deutschen Reiseziele dieses Jahr an großer Beliebtheit.Foto: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild

In Schönau scheint die Welt noch in Ordnung. Am Königssee am bayrischen Rande Deutschlands steigen Besucher in die Zweier-Gondeln der Jennerbahn und genießen den Panoramablick vom Watzmann bis zum Hohen Göll. Oder sie Wandern auf steilen Pfaden, verbringen eine Nacht in einer Berghütte. „Viele suchen hier die Nähe zur Natur“, meint Ursula Wischgoll vom Berchtesgadener Land Tourismus. Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) spielt für 55 Prozent der Deutschen der Aufenthalt im Grünen die wichtigste Rolle bei der Wahl des Urlaubsortes. „Die Zahl der Gäste nimmt kontinuierlich zu und selbst die Jungen kommen jetzt zum Wandern“, berichtet Wischgoll aus Bayern.

Rund 900 Kilometer nördlich der bayrischen Provinz, in der Hansestadt Rostock, freut sich auch Tobias Woitendorf vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern über die Gästezahl in seinem Bundesland. „Allein nach der amtlichen Statistik ist die Übernachtungszahl in den letzten Jahren auf hohem Niveau gestiegen. 2015 hatten wir 29,5 Millionen Übernachtungen.“ Das Meer, die weiten Sandstrände, dazwischen die Strandkörbe sind die ersten Zufluchtsstätten der Touristen, das Hinterland lockt mit Schlössern, Wäldern und mehr als 2000 Seen. Während Bayern schon seit Jahrzehnten Touristen aus aller Welt lockt, ist der Standort Mecklenburg-Vorpommern fast ausschließlich bei inländischen Gästen beliebt: 96,5 Prozent der Urlauber in „Meck-Pomm“ reisen aus deutschen Landen an.

An der Krise liegt es nicht

Der Gedanke liegt nahe, dass die deutschen Reiseziele vom Terror, Krieg und Unruhen zwischen der Türkei und Tunesien profitieren. Kaum jemand will sich aber als Krisengewinner vermarkten. „Im Sommer war es hier schon immer voll“, sagt der Tourismusmarketingmann Woitendorf aus Rostock. Auch Jürgen Schmude, Professor für Tourismuswirtschaft an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München, sagt, er glaube nicht an einen starken Zusammenhang zwischen Inlandstourismus und der Angst vor Terror und Krieg im Ausland. Ein Urlaub in Deutschland sei für viele keine Alternative zum Jahresurlaub in der Ferne, eher eine Ergänzung. „Warmwasserziele wie die Türkei oder Ägypten werden meist durch andere Warmwasserziele ersetzt. Das sieht man zum Beispiel an dem Boom von Spanien“, sagt Schmude. Die deutschen Reisegebiete würden eher von den Zweitreisen profitieren. Die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen schreibt in ihren seit 1990 jährlich aktualisierten Reiseanalysen von einer weiterhin gültigen Faustregel: rund ein Drittel der Urlaubsreisen führen ins Inland.

Am liebsten ins Hotel

Laut der Studie „Wirtschaftsfaktor Tourismus“ sichert der Tourismus in Deutschland etwa 2,9 Millionen Arbeitsplätze – das sind sogar mehr als in der Automobilindustrie. Die Bruttowertschöpfung der Tourismusbranche beträgt demnach über 97 Milliarden Euro pro Jahr und macht 4,4 Prozent der Wertschöpfung der Deutschen Wirtschaft aus.

Der Hotelmarkt ist ein Teil davon. Die insgesamt knapp 34 000 deutschen Herbergsbetriebe haben eine durchschnittliche Auslastung von rund 70 Prozent. Viele Inlandstouristen schlafen am liebsten im Hotelbett: 46 Prozent der Urlaubsreisen werden mit einem Aufenthalt im Hotel verknüpft. Ferienwohnungen oder -häuser sind nur bei 23 Prozent der Reisenden die erste Wahl.

The city never sleeps

Neben der Erholung im Norden oder Süden Deutschlands sind auch kurze Städtereisen bei den Deutschen beliebt. Noch höher im Kurs als die Erfahrung mit der Natur sind laut GfK kulturelle oder historische Sehenswürdigkeiten. Von den Kurzurlaubsreisen von zwei bis vier Tagen gingen im Jahr 2015 allein zehn Prozent nach Berlin. Dicht dahinter liegt Hamburg mit neun Prozent und München mit immerhin vier Prozent. Laut Christian Tänzler von VisitBerlin gibt es viele Gründe für die Attraktivität seiner Stadt. „Die Bürger wollen sehen, wo die Politik gemacht wird. Außerdem hat Berlin ein vielseitiges Kulturangebot.“ Hinzu komme die einzigartige Geschichte der Stadt. „Nirgends können sie die Geschichte der Teilung und Wiedervereinigung so erfahren wie in Berlin“, sagt Tänzler.

Doch neben der Hauptstadt haben natürlich auch andere Städte viel zu bieten. Hamburg zum Beispiel überzeugt mit dem Hafen, dem Rotlichtviertel rund um die Reeperbahn und den Musicals. Jens Huwald von der Bayern Tourismus Marketing merkt man im Gespräch die Sorge an, dass die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen zwischen München und Ansbach Folgen fürs Geschäft haben könnten. Doch er wiegelt ab: Er sei kein Hellseher, könne nicht sagen, wie viel Terror die Zukunft bringe oder was das für den Tourismus bedeute. Klar sei, dass wir in einer unsicheren Zeit leben. „Viele Länder leiden unter diesem Gefühl der Bedrohung“, sagt Huwald. Er glaubt aber, dass sich das wieder ändern könne. „Ich glaube, wir werden weiterhin Urlaub machen, auch in diesen schwierigen Zeiten. Und ich glaube auch, dass wir lernen werden, damit umzugehen.“

An die Unsicherheit gewöhnen? Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, das wir an keinem Ort das bekommen, wonach uns in den letzten Tagen der Sinn steht: Sicherheit. Weder an der Strandpromenade in Nizza noch in der bayrischen Provinz.

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