Wirtschaft : Ursula Kurth

(Geb. 1945)||Nein, entschied sie, ein sinnloses Leben kommt nicht in Frage.

Tatjana Wulfert

Nein, entschied sie, ein sinnloses Leben kommt nicht in Frage. Der Clown ist ein Störenfried, kein Tölpel. Er ist von doppelter Natur: klar und düster, lebendig und ermattet, froh und hoffnungslos schwermütig. Deshalb kann der Clown Regeln brechen, Machtspiele durchschauen, Autoritäten demaskieren.

„Und wenn mir das hier nicht mehr passt, werde ich Clown“, sagte Ursula Kurth. Sie stellte sich als Pierrot vor, den weiß geschminkten, in weiße wallende Gewänder gehüllten, melancholischen Clown. Sie dachte an einen Satz aus dem Neuen Testament: „Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde.“ Und sie hatte Jesus vor Augen, der, gleich einem Clown, Verwirrung stiftet, indem er Dinge tut, die nicht getan werden dürfen.

Ursula Kurth hat es sich nicht leicht gemacht. Jemand, der Theologie, Philosophie und Psychologie studiert, macht es sich nicht leicht, nicht mit der menschlichen Existenz, nicht mit der eigenen.

Es läutet zum Unterricht an der St.-Marien-Schule in Neukölln, katholisch, privat, 1948 von Nonnen gegründet. Aus dem Klassenzimmer dringen lautstark die Stimmen der Schüler. Ursula Kurth, klein und schmal, betritt stumm den Raum, wartet, schaut. Sekunden später herrscht Stille. Sie beginnt zu sprechen, mit gedämpfter Stimme, über Jesus, den Seinsbegriff bei Heidegger, eine Passage aus den Brüdern Karamasow. Die Stille hält an, eine Stunde, zwei. Manche Schüler wollen mehr hören, treffen sich mit der Religionslehrerin nach dem Unterricht. „Was bedeutet dir Gott?“ – mit dieser Frage schickte sie ihre Schüler auf die Karl-Marx-Straße. Was heißt Freiheit der Religionen – hier versteht man das besser als im Klassenraum.

Ursula Kurth erzählte auch über sich. Und brachte so die Schüler dazu, ihrerseits zu erzählen, nicht nur Wissen zu reproduzieren. Besonders jenen, deren Leben einen Grad von der Regel abwich, wandte sie sich zu. Die Gründe für die Anteilnahme lagen in ihrem eigenen Leben: Sie zweifelte an Gott, den Institutionen, an sich selbst.

Sie hatte sich entschieden, Katholikin zu sein. Bloße Tradition hatte für sie nichts mit Glauben zu tun. Sie kämpfte, widersetzte sich, suchte. Ende der sechziger Jahre, in den Gemeinden geriet man ebenso aneinander wie andernorts, verfolgte Ursula Kurth einen umstrittenen Vortrag zur Rolle der Kirche während der NS-Zeit. Ernste, erhitzte Gesichter im Saal, Stimmen schwollen an, Redner fielen sich ins Wort. Die Debattierenden zogen weiter in eine Kneipe. Plötzlich öffnete sich die Tür und eine junge, aufgebrachte Frau betrat den Raum, begann zu sprechen. Stille. Staunen. Staunen über diese Beharrlichkeit, die strukturierte Argumentation, das Wissen.

Bei Schulkonferenzen unterbrach sie langes, nutzloses Gerede mit einigen überlegten Sätzen, begleitet von der Verstimmungen einiger Kollegen. Aber die Sache war zu wichtig. Es ging um die Schüler.

Sie misstraute, grundsätzlich, jeder Form von Macht, von Manipulation. Als Ursula Kurth krank wurde, schwer, bekam dieses Misstrauen eine neue Färbung. Die Ärzte bestimmten nun über ihren entkräfteten Körper, ihren Geist. Der aber war nicht matt. Standen die Ärzte vor ihrem Bett und stellten mit seriösen Mienen ihre Kompetenz zur Schau, richtete sie sich auf, schüttelte den Kopf und bemerkte, dass man so nicht mit Patienten umgehen könne. Niemals trug sie diese blassgrünen verwaschenen Krankenhauskittel, in ihrem Zimmer standen Früchte und Blumen, an den Wänden hingen Zeichnungen der Schüler, selbst gemalte Ikonen, das Kreuz aus ihrer Wohnung. Wurde der Schmerz stark, versuchte sie, so lange es ging, ohne das Opium auszuhalten, bei klarem Verstand zu bleiben. Man schlug ihr die Möglichkeit einer Lebensverlängerung vor, ein halbes Jahr, mit chemischen Krücken. Nein, entschied sie, ein sinnloses Leben kommt nicht infrage.

Der Krebs fraß sich immer tiefer in die Knochen. Ihre größte Angst war, zu zerbrechen vor dem Tod. Eines Morgens fiel ihr eine Bibelstelle ein: „Sie brachen seine Gebeine nicht.“ Ein tröstlicher Satz. Ihre Knochen brachen nicht.

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