Wirtschaft : URTEIL IM SCHNEIDER-PROZESS

KLAUS DIETER OEHLER

"Ich baue Deutschland wieder auf" / m Betrugsprozeß gegen Immobilienspekulant Jürgen Schneider wird heute das Urteil verkündetKLAUS DIETER OEHLER

FRANKFURT (MAIN). Das Urteil fiel immer noch zwiespältig aus.Als Jürgen Schneider am vergangenen Mittwoch vor dem Frankfurter Landgericht sein Schlußwort gesprochen hatte, waren sich die Beobachter des Prozesses nicht einig.Hatte da jetzt ein Mann gesprochen, der durch seine unbändige Vorliebe für alte Häuser unabsichtlich in einen Riesenschlamassel geraten war? Oder hatte ein gerissener Betrüger auch vor Gericht nur geschickt auf der Klaviatur gespielt? "Ich allein bin schuld", hat Schneider betont ­ und damit vor allem seine Ehefrau Claudia und seinen mitangeklagten ehemaligen Angestellten Karl-Heinrich Küpferle aus der Schußlinie genommen.Er werde jedes Urteil akzeptieren, versprach er dem Vorsitzenden Richter Heinrich Gehrke, "gleichgültig, wie hoch die Strafe ausfällt". Heute, einen Tag vor dem Heiligen Abend, wird Jürgen Schneider wissen, wie lange er für den vermutlich größten Fall von Kreditbetrug in der deutschen Nachkriegsgeschichte büßen muß ­ und ob er, wie von ihm und seinen drei Verteidigern gewünscht, die Weihnachtsgans im Kreis seiner Familie essen darf.Zwischen fünf und sieben Jahren Haft sei alles möglich, meinen die juristischen Experten, die den sechsmonatigen Prozeßverlauf verfolgt haben.Gut zweieinhalb Jahre hat er schon in der Untersuchungshaft verbüßt.In der Haftanstalt in Schwalmstadt, in die Schneider nach einer Verurteilung verlegt werden würde, ist auf jeden Fall für den Königsteiner Ex-Baulöwen ein Zimmer freigehalten worden, auch über die Weihnachtsfeiertage. Sieben Jahre und neun Monate Haft hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft gefordert.Sie hält Schneider nach wie vor des besonders schweren Betrugs in vier Fällen, des Kreditbetrugs und der Urkundenfälschung für schuldig.Auch im Laufe des Verfahrens, so Staatsanwalt Dieter Haike in seinem Schlußplädoyer, habe es keine Anhaltspunkte dafür gegeben, daß sich die Banken im strafrechtlichen Sinne mitschuldig gemacht hätten.Schneider sei vielmehr davon ausgegangen, daß die Geldhäuser "zu dumm und zu faul" waren, um seine Kreditwünsche kritisch zu hinterfragen.Diese Leichtfertigkeit habe er bewußt einkalkuliert, wie ja sogar seine handschriftlichen Aufzeichnungen ("Banken schröpfen, wo es geht") belegen.Und dabei hat die Anklage sich ­ aus Gründen der "Prozeßökonomie" ­ nur auf die Spitze des Eisbergs beschränkt.Nur fünf Fälle wurden behandelt ­ insgesamt aber hatte Schneider bis zu seinem Verschwinden im April 1994 einen Schuldenberg von 5,4 Mrd.DM aufgebaut, der den Banken unterm Strich immerhin einen Gesamtschaden von mehr als 2 Mrd.DM beschert hat.Und viele kleine Handwerker, die den ehrgeizigen Plänen des Baulöwen gefolgt waren, mußten ihre berufliche Existenz aufgeben.Dies alles wurde im Detail gar nicht vor Gericht diskutiert, doch es steckt in den Hinterköpfen aller Beteiligten. So viel Hinterlist wie die Staatsanwaltschaft wollen die Verteidiger Schneiders ihrem Mandanten nicht unterstellt wissen.Ja, Schneider habe betrogen, geben zwar auch sie zu.Aber er sei sich die meiste Zeit gar nicht bewußt gewesen, was er da getan habe.Erst im Lauf des Prozesses habe er sich der Realität gestellt, sagt sein Verteidiger Franz Salditt.Und betont dann: "Wir sind zufrieden mit der persönlichen Entwicklung von Dr.Schneider" ­ ganz so, als ginge es um das Ergebnis einer Therapie.Er habe, wie Schneider selbst während des Prozesses mehrfach, teilweise unter Tränen aussagt, "seine Kinder" einfach zu sehr geliebt.Diese "Kinder" sind nicht die beiden leiblichen aus seiner Ehe, sondern Häuser, die er mit den Milliardenkrediten der Banken zu neuen Schmuckstücken in den Innenstädten von Berlin, Leipzig oder Frankfurt am Main, herausgeputzt hat. Ist dieser Mann übergeschnappt? Kann man Häuser wie eigene Kinder lieben und dafür Banken und Handwerker hintergehen? Was ist so faszinierend etwa an der Leipziger Mädler-Passage gewesen, daß Schneider dafür Baupläne türkte, um an Millionenkredite der Banken zu kommen? Man kann wohl kaum davon sprechen, daß er nicht wußte, was er tat, als er dem Chef der Grundstücksgesellschaft von Brau und Brunnen satte 14,5 Mill.DM Schmiergeld zahlte, um an das Berliner Kurfürsteneck und fünf andere Objekte zu kommen.Schließlich, das muß man nüchtern feststellen, hat er seine Flucht an Ostern 1994 generalstabsmäßig vorbereitet, auf einer Schweizer Bank einen "Notgroschen"von immerhin 245 Mill.DM hinterlegt. "Mein Blick ging in die Zukunft, die Banken wollten immer die aktuellen Tatsachen als Grundlage haben", hatte Schneider Anfang Juli versucht dem Gericht zu erklären, warum er "ein wenig drehen" mußte.Unerklärlich bleibt trotzdem vieles.Natürlich hat er die windigen Kalkulationen den Banken nicht verraten ­ und die haben dies auch gar nicht gemerkt, wie im Laufe des Prozesses zur allgemeinen Erheiterung des Publikums die hochrangigsten Vertreter des deutschen Geldgewerbes immer wieder eingestehen mußten.Weder ein Hilmar Kopper als Chef der Deutschen Bank, noch seine zuständigen Vorstandskollegen oder die führenden Manager der Dresdner oder der Norddeutschen Landesbank waren stutzig geworden.Und dies, obwohl der Königsteiner "Kleinunternehmer" in nur zwei Jahren sein Festgeldkonto von 70 Mill.auf 560 Mill.DM aufstockte, und obwohl die Immobilien, die er besaß, nach objektiven Maßstäben nur 1,3 Mrd.DM wert, aber mit dem vierfachen der Summe beliehen waren. Als die Mauer fiel, hatte der ehrgeizige Schneider nur noch einen Wunsch: "Ich baue Deutschland wieder auf." Soviel Größenwahn hätte die Kreditgeber schon stutzig machen können.Doch auch bei ihnen ging es vorrangig ums Geschäft."Wenn wir ihm das Geld nicht gegeben hätten, hätte es eine andere Bank getan", meinte ein Sachbearbeiter vor Gericht.In der Tat, wie wäre die Reaktion in den Vorstandsetagen gewesen, wenn das Spiel aufgegangen wäre? Exemplarisch hat der Fall Schneider dieses Dilemma aufgezeigt.

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