US-Autoindustrie : Armes Detroit

Im US-Automekka stehen immer mehr Bänder still. Die Tradition, dass sich die sogenannten "big three" Amerikas in der Sparte "größter Verlierer" reihum abwechseln, hat sich auch 2007 fortgesetzt. Ein weiteres Verlustjahr droht.

Matthias Eberle (HB)
GM Detroit
Glanz und Elend: Die Konzernzentrale von General Motors in Detroit. -Foto: AFP

New York - Die Armutsquote in Detroit liegt bei 28,5 Prozent. Es ist die höchste in den Vereinigten Staaten. Die Tageszeitung „Detroit Free Press“ hat für den Bezirk Wayne County im November mehr als 18 000 Immobilien in Zwangsvollstreckung aufgelistet. Dabei leben in Detroit, der Heimat von General Motors, Ford und Chrysler, nur noch halb so viele Menschen wie in den 50er Jahren, der goldenen Zeit der US-Autoindustrie. Mit der Arbeit wandern auch die Arbeiter ab: In den vergangenen zwei Jahren wurden rund um Detroit wieder knapp 100 000 Jobs gestrichen.

Die Zahlen lügen nicht. Monat für Monat belegen die Verkaufsstatistiken von Autodata den schier unaufhaltsamen Niedergang der drei großen US-Autobauer. Die Tradition, dass sich die sogenannten „big three“ Amerikas in der Sparte „größter Verlierer“ reihum abwechseln, hat sich auch 2007 fortgesetzt. Ein typisches Beispiel: Den schärfsten Einbruch im Monat November verzeichnete der Pick-up- Lastwagen Chevrolet Silverado aus dem Hause GM mit einem Verkaufsminus von gut 14 Prozent. Ähnlich schwach schnitten nur der bullige Dodge Ram von Chrysler und die F-Serie von Ford ab, die angesichts der hohen Spritpreise trotz großer Rabatte immer weniger Käufer finden. Derweil haben sich die Absatzzahlen des Toyota Prius im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt.

Die jüngste Statistik von Autodata unterstreicht mit einem Schlag zwei Trends, die katastrophale Wirkung haben für das marode Automekka Detroit. Zum einen bleiben spritschluckende Geländewagen und Kleinlaster auf den Höfen der Händler stehen, seit die Hausneubauten zurückgehen und Benzin an der Tankstelle mehr als drei Dollar pro Gallone (3,8 Liter) kostet. Zum anderen hält der Durchmarsch japanischer Autohersteller, die inzwischen bald 40 Prozent des US-Marktes erobert haben, wegen der deutlich besseren Position im Kleinwagensegment unvermindert an. Mit Blick auf das darbende Detroit-Trio betont George Magliano, Autoexperte des Prognoseinstituts Global Insight: „Die Dinge haben sich drastisch zum Schlechten gewandelt.“ Die Autoverkäufe würden insbesondere in der ersten Jahreshälfte 2008 durch die Immobilienkrise, anhaltende Schwierigkeiten im Kreditmarkt sowie durch hohe Ölpreise belastet, sagt Magliano.

Ob die Talsohle damit erreicht ist und danach bessere Zeiten anbrechen, ist nicht ausgemacht. Hinter vorgehaltener Hand gibt es unter den gleichfalls notleidenden Zulieferern skeptische Stimmen, die für das Gesamtjahr 2008 einen Markteinbruch auf bis zu 14,5 Millionen verkaufter Fahrzeuge für möglich halten – 2,5 Millionen Autos weniger als in Boomzeiten. Die Prognosen von Global Insight, Goldman Sachs, Deutsche Bank oder der Ratingagentur Fitch liegen in einer Spanne zwischen 15,5 und 15,75 Millionen Einheiten. Damit erwarten alle renommierten Autoexperten den schlechtesten US-Autoabsatz seit Mitte der 90er Jahre.

Für GM, Ford und Chrysler stirbt die Hoffnung zuletzt. Die aktuelle Lage sei von hoher Unsicherheit geprägt, sagte Ford-Verkaufsanalyst George Pipas der „Detroit News“. „Wird es eine Rezession geben oder nicht? Wann wird der Immobilienmarkt zurückkommen? Wie entwickelt sich der Ölpreis weiter?“ Fragezeichen, wohin das Auge blickt. Klar ist bisher nur, dass auch Ford kein Licht am Ende des Tunnels sieht. Nach dem Abbau von mehr als 38 000 Arbeitsplätzen im Vorjahr wird der Sparkurs noch einmal verschärft, das Personal weiter gestutzt. Zudem drosselt Ford seine Fahrzeugproduktion: In den Werken Dearborn (Michigan) und Louisville (Kentucky), die Pick- up-Trucks und schwere Geländewagen herstellen, wurden bereits zwei Wochen vor den offiziellen Weihnachtsferien die Lichter ausgemacht. Der zweitgrößte US- Autobauer will im ersten Quartal 2008 nur noch 685 000 Autos bauen, sieben Prozent weniger als bisher. Damit werde die Produktion an die schwächere Nachfrage angepasst, sagte Ford-Konzernchef Alan Mulally. GM wird die Produktion zwischen Januar und März 2008 um elf Prozent drosseln und so erstmals seit Jahren weniger als eine Million Fahrzeuge pro Quartal herstellen. Beim US-Marktführer stehen die Bänder deshalb in drei Werken bis Mitte Januar still. Chrysler hat die Produktion in den Fabriken Warren (Michigan) und Fenton (Missouri) ebenfalls unterbrochen. Dort sollen die Bänder gar bis Ende Januar pausieren.

Mitten in den Markteinbruch rauscht jetzt auch noch das frisch verabschiedete Energiegesetz, das die US-Autoindustrie verpflichtet, ihre Flotten bis 2020 um durchschnittlich 40 Prozent verbrauchs- ärmer zu gestalten. Michael Useem, Management-Professor an der University of Pennsylvania, blickt auf die zahlreichen Sparrunden und Entlassungsprogramme der Autobauer in der Vergangenheit: „Es nimmt einem den Atem, zu sehen, dass es jetzt erneut passiert.“

Neue Jobs schaffen in Detroit nur noch andere Industrien, die Glücksspielbranche etwa: Im Herbst 2007 wurden in der Autostadt gleich zwei neue Kasinos eröffnet. Matthias Eberle (HB)

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