Wirtschaft : US-Börse: Börsianer fürchten Crash an der Wall Street

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Mit zum Teil heftigen Turbulenzen ist nach den Terroranschlägen in den USA der Handel an den Börsen in Europa und Asien am Mittwoch fortgesetzt worden. Die US-Börsen blieben geschlossen, der Handel mit amerikanischen Papieren wurde auch in Europa ausgesetzt. In einer Schweigeminute, in der der Wertpapierhandel unterbrochen wurde, gedachten Händler an den Börsen in Amsterdam, Brüssel, Frankfurt (Main), London und Paris der Opfer der Anschläge. Der Dax stieg nach anfänglich starken Verlusten bis zum Börsenschluss auf 4335,20 Punkte. Das waren 1,44 Prozent oder 61,67 Punkte mehr als am Vortag. Am Neuen Markt legten die Kurse um 0,96 Prozent auf 849,13 Punkte leicht zu. Der japanische Leitindex Nikkei schloss mit einem Verlust von 6,6 Prozent beif 9610,10 Punkten. Das ist der niedrigste Stand seit 17 Jahren. Wie die Börse Frankfurt am Mittwochabend mitteilte, werde der Handel mit US-Aktien auch am Donnerstag ausgesetzt.

Wie kräftig das Attentat die Aktienmärkte wirklich erschüttert, wird sich erst zeigen, wenn die Weltleitbörse in New York wieder den Handel startet. Die US-Börsenaufsicht erwartet, dass dies am Donnerstag geschehen wird. Der Chef der Securities and Exchange Commission (SEC), Harvey Pitt, sagte dem Fernsehsender CBS, er denke nicht, dass die Märkte von den Terroranschlägen "dramatisch betroffen" sein würden.

Börse verteidigt Handelseröffnung

Anlegerschützer und Marktteilnehmer kritisierten die Frankfurter Deutsche Börse AG, die am Morgen entschieden hatte, den Handel wie üblich aufzunehmen. Mit Blick auf den Handelsverlauf am Dienstag, als die Börse erst am frühen Abend den Handel ausgesetzt hatte, sagte ein Händler: "Es ist schon ein Witz: Der Handel wurde erst eingestellt, als die Deutsche Börse eine Bombendrohung erhalten hat." Seine Bank wolle sich weitgehend aus dem Handel heraushalten. Die Börse erklärte, sie wolle in einem "regulierten Umfeld den laufenden zuverlässigen Bewertungsrahmen bieten" und die "Handlungsfähigkeit der privaten und institutionellen Investoren" gewährleisten.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Ein Sprecher sagte dem Tagesspiegel: "Es geht nicht ums Geldverdienen, sondern darum, alle Marktteilnehmer gleich zu behandeln." Angesichts des enormen Handlungsdrucks vieler Anleger, böten die geöffneten Märkte ein "Ventil" zum Ausgleich. "Würden alle Börsen warten, bis die Wall Street wieder öffnet, würde es zu einem großen Knall kommen." Finanzminister Hans Eichel (SPD) wies darauf hin, dass die Frankfurter Börse nach Abstimmung in Europa - wie die anderen Börsen - den Handel ohne US-Papiere wieder eröffnet habe. Dies werde von den US-Partnern ausdrücklich unterstützt. "Angesichts der unvorstellbaren Ereignisse in den USA haben die Kursentwicklungen auf den Aktienmärkten keine Dramatik", sagte Eichel. "Der Geldhandel hat sich weitestgehend stabilisiert."

Warnung vor Panikreaktionen

Verbraucherschützer warnten unterdessen vor Panikverkäufen. "Man sollte sich jetzt nicht aus der Ruhe bringen lassen", riet die Verbraucherzentrale Berlin. Sowohl Aktien als auch Fonds "gut positionierter Werte" würden sich langfristig wieder erholen. Auch die Fondsverwaltung der Deutschen Bank DWS riet von "überhasteten Verkäufen" ab. Die Notenbanken hätten zudem eine großzügige Liquiditätsversorgung zugesagt, so dass kurzfristig mit relativ niedrigen Zinsen zu rechnen sei.

Die Fonds-Tochter der Deutschen Bank setzte wegen der Krisensituation in den USA vorerst die Berechnung von Anteilspreisen sowie die Ausgabe und Rücknahme ihrer Fondsanteile aus. Dies diene dem Interesse der Anleger. Eine faire Bewertung sei derzeit nicht möglich. Auch Adig Investment, Credit Suisse Asset Management und Universal-Investment schlossen sich diesem Schritt an. Eine entsprechende Empfehlung sprach auch der Bundesverband Deutscher Investmentgesellschaften (BVI) aus. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen habe keine Einwände, wenn die Gesellschaften die Rücknahme von Anteilsscheinen für sämtliche Fondstypen - auch Immobilienfonds - am Mittwoch aussetzten. Dies sei jedoch keine Anordnung das Amtes, sondern die freie Entscheidung der Unternehmen.

Marktstrategen der WestLB gingen am Mittwoch davon aus, dass die "massiven Verwerfungen" an den Börsen nach dem Terrorakt "aller Voraussicht nach andauern werden". In einer ersten Reaktion der Analysten hieß es in Düsseldorf: "Ob und wann die Finanzmärkte zu einem geregelten Marktgeschehen zurückkehren, hängt zuallererst von den politischen, möglicherweise militärischen Konsequenzen ab." Da die amerikanische Reaktion aber nicht abzusehen sei, setze die Landesbank vorerst alle Einschätzungen und Prognosen aus.

Krisengewinnler spekulieren wieder

"Die Situation ist dramatisch. Die Börsen werden sehr nervös bleiben. Jetzt kommt es vor allem auf die Reaktion der USA an", urteilte Kurt Bürkin von der Frankfurter DG Bank. Ihr Leiter des Aktienhandels erwartet für Firmen wie Versicherungen und Banken weitere Kursabschläge. Besonders Fluggesellschaften könnten hart getroffen werden. "Krisengewinnler" spekulierten unterdessen schon mit Rüstungsaktien und Anteilsscheinen von amerikanischen Baufirmen.

Die Investmentbank Goldman Sachs änderte vor dem Hintergrund der Terrorwelle in den USA ihre europäische Portfolio-Strategie. Man setze nun nicht mehr auf eine rasche Erholung der Wirtschaft. Die bisherige Ausrichtung sei nicht länger Erfolg versprechend, schreiben die Analysten in einer am Mittwoch veröffentlichten Kurzstudie. Die Anschläge dürften sich negativ auf das Verbraucher- und Geschäftsvertrauen auswirken und so eine Erholung der Weltwirtschaft verzögern. Besonders stark dürften Fluglinien, Hotels, Einzelhandel und die Freizeitindustrie betroffen sein. Aussichten auf Besserung hätten dagegen Telekommunikationsgesellschaften. Auch Sicherheitsdienste und Sicherheitstechnologie-Unternehmen sollten profitieren, schreiben die Goldman-Analysten. Eine Erholung der Wirtschaft hänge nun davon ab, inwieweit die Geldpolitik gelockert werde sowie von der Entwicklung der Ölpreise.

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