Wirtschaft : US-Börse: Wall Street im Staub

Walter Pfaeffle

Noch hofft der Chef der Wertpapier-und Börsenaufsichtsbehörde SEC, Harvey Pitt, dass die Finanzmärkte ihren Betrieb am Donnerstag wieder aufnehmen. Doch Händler in New York sind skeptisch. "Pitt sitzt in Washington; er hat offenbar keine Ahnung, wie es bei uns aussieht", sagte einer.

Zweifel an der Wiedereröffnung der Märkte sind angesichts der chaotischen Zustände an der Wall Street angebracht. Das Gebiet um das einstige World Trade Center (WTC) ist abgesperrt, U-Bahnen und Busse müssen ihre Passagiere etwa zwei Kilometer davor absetzen. Privatautos sind nicht zugelassen. Neben dem WTC steht das World Financial Center, in dem unter anderem die Firmen Merrill Lynch, Lehman Brothers und American Express, sowie der Wirtschaftsverlag Dow Jones untergebracht sind. Da das Finanzviertel abgesperrt ist, könnten viele der dort arbeitenden Menschen gar nicht zur Arbeit kommen. Zudem sind im Katastrophengebiet die Strassen mit Schutt und Staub bedeckt und Bergungsmannschaften arbeiten rund um die Uhr auf der Suche nach Überlebenden. Gegen 10 Uhr Ortszeit wurden 41 Tote gezählt und 1700 Verletzte, darunter 200 in kritischem Zustand. Am Vormittag konnten neun Menschen lebend geborgen werden.

Der südliche Zipfel der Insel Manhattan, wo das WTC stand, ist der größte Finanzplatz in den USA - Chicago steht an dritter Stelle. Der größte Mieter im World Trade Center war die Investmentbank Morgan Stanley, die in einem der Türme etwa 30 Stockwerke belegt und 3500 Menschen beschäftigt hatte. Morgan Stanley und Cantor Fitzgerald, einer der größten Händler mit Staatspapieren, wird die Katastrophe überleben. Sie haben Büros in anderen Teilen der Stadt und der USA. Doch eine Reihe kleinerer Firmen könnte auf der Strecke bleiben. Der Anlagefond Oppenheimer Fund gab am Donnerstag bekannt, dass 500 seiner 600 Mitarbeiter das Gebäude rechtzeitig verlassen konnten, das Schicksal der anderen ist nicht bekannt. Dies bedeute aber nicht, dass sie nicht am Leben sind. Die Telefonleitungen seien überlastet und Handys funktionierten nicht, sodass es keinen Kontakt gibt.

Die Folgen des Terror-Angriffs für das wirtschaftliche Leben sind momentan unüberschaubar. Das ist die einmütige Meinung von Kommunalpolitikern, Bankiers und Wirtschaftsführern. Nach den scharfen Kurseinbrüchen am Dienstag an den Überseemärkten blieben die Leitbörse New York Stock Exchange und der Freihandels-Nasdaq sowie die Warenterminbörsen in Chicago am Mittwoch geschlossen. Wann der Handel wieder aufgenommen wird, steht nicht fest. Etliche Geschäfte hatten zudem angekündigt, sie würden am Mittwoch geschlossen bleiben, darunter die Kaffeehauskette Starbucks und das Kaufhaus May Department Stores. Der Zigarettenhersteller Philip Morris Cos beschloss, am Mittwoch alle seine Büros im New Yorker Stadtgebiet nicht zu öffnen. "Ich bin sicher, dass ich einige Freunde verloren habe", sagte Vorstandschef Peter Godoe von der kanadischen Bank of Nova Scotia, deren Filiale nicht weit vom WTC steht. Vorsichtsmaßnahmen wurden in etlichen anderen amerikanischen Großstädten getroffen. In Detroit ließ der weltweit größte Autohersteller General Motors Corp seinen Bürokomplex räumen, in Chicago wurde der Sears Tower, in Boston der John Hancock Tower und in Pittsburgh die Konzernzentrale des Stahlherstellers USX evakuiert.

Eine Deutsche-Bank-Sprecherin sagte, normalerweise seien rund 370 Beschäftige ihres Finanzinstituts im World Trade Center tätig gewesen. Nach bisherigen Informationen des Hauses gibt es unter ihnen keine Verletzten oder gar Tote. Auch alle 300 Allianz-Mitarbeiter, die während des Anschlags im World Trade Center und in Nachbargebäuden gearbeitet hatten, sind wohlauf. Sie seien rechtzeitig evakuiert worden. Viele große Unternehmen in ganz New York verschärften am Mittwoch ihre Sicherheitsvorkehrungen oder schlossen ihre Büros.

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