Wirtschaft : US-Energiemarkt: Die Stromliberalisierung in Kalifornien läuft schief

Rita Neubauer

Tim Treat kann sich dieser Tage die Hände reiben. Der Verkaufschef von Peterson Power im kalifornischen San Leandro hat selten zuvor einen solchen Ansturm auf seine 400 000 Dollar teuren Dieselgeneratoren gesehen. "Wir haben Wartezeiten von fünf Monaten", freut er sich. Die gestiegene Nachfrage verdankt Treat der schweren Energiekrise, die Kalifornien seit Wochen erschüttert. Nicht nur die 33 Millionen Einwohner sind aufgefordert, Strom zu sparen. Auch Unternehmen, die millionenschwere Verluste fürchten, stürzen sich wie wild auf alternative Energiequellen.

Ganz eng wurde es vergangene Woche, als heftige Winterstürme zu Überschwemmungen und dem zeitweiligen Ausfall von E-Werken führten. Ein Stromalarm der Stufe Drei - er wird ausgelöst, wenn die Stromreserven unter 1,5 Prozent fallen - konnte nur durch Zukauf von Elektrizität aus dem Nachbarstaat Oregon und aus Kanada vermieden werden. Schuld an der Krise ist jedoch nicht das Wetter, sondern die verfehlte Marktliberalisierung. Kalifornien deregulierte als erster US-Bundessstaat 1996 seine Stromversorgung. Die Idee war, durch eine weitgehende Privatisierung stabile Preise für den Endverbraucher zu garantieren.

Den großen Stromversorgern wurde gestattet, sich auf dem freien Markt Energie von privaten Erzeugern zu besorgen. Im Gegenzug sollten steigende Preise erst ab März 2002 auf den Verbraucher abgewälzt werden. In der Theorie eine schöne Idee, deren katastrophales Scheitern in der Praxis nicht einmal Gouverneur Gray Davis schönreden wollte. Denn als Folge verkauften die meisten Versorger ihre Stromerzeugungsanlagen, vergessend, dass die Marktpreise dann kräftig nach oben ausschlagen könnten. Während vor einem Jahr eine Megawatt-Stunde für rund 30 Dollar auf dem freien Markt zu haben war, stieg der Preis dafür im Dezember auf bis zu 1400 Dollar. Vergangene Woche lag er bei 330 Dollar.

Gleichzeitig gab es in den vergangenen Jahren zu wenig Anreize für Energie-Erzeuger, neue Anlagen zu bauen. Strenge Umweltgesetze und der Widerstand von Seiten der Bevölkerung trugen dazu bei, dass in den vergangenen zehn Jahren in Kalifornien kein einziges Stromkraftwerk gebaut wurde. Wind- und Solaranlagen konnten jedoch den steigenden Bedarf an Elektrizität von zwei Prozent pro Jahr nicht ausgleichen. Ein weiterer Fehler: die Deregulierung erlaubte keine langfristigen Verträge zwischen Erzeugern und Versorgungsunternehmen. Schließlich befürchteten alle, dass die Preise fallen.

Zu allem Überfluss wurde die steigende Einwohnerzahl im bevölkerungsreichsten Bundesstaat sowie der Wirtschaftsboom der vergangenen acht Jahre nicht in den erwarteten Energiebedarf einkalkuliert. Allein in Silicon Valley, so schätzt das Electric Power Research Institute, stieg der Stromverbrauch im Jahr 2000 um das Vierfache im Vergleich zum Rest der USA. Die Region importiert bereits mehr als 90 Prozent ihres Stromes, um Ausfälle zu vermindern. Doch nicht allein die High-Tech-Unternehmen fressen Energie. Nach einer Studie von Mark Mills tragen Heimcomputer, Scanner, Drucker und Faxmaschinen landesweit zu 13 Prozent zum Stromverbrauch bei. Ein Wert, der bis zum Jahr 2010 auf 35 Prozent ansteigen könnte.

Die verfehlte Deregulierung kommt dem Verbraucher teuer zu stehen. Die beiden größten Versorgungsunternehmen, Edison International und PGE, häuften in den vergangenen Monaten Schulden in Höhe von neun Milliarden Dollar an und drohten bereits mit Bankrott. Um diesen Ernstfall abzuwenden, beschloss Kaliforniens Regierung, dass in den nächsten drei Monaten die Preise für den Endverbraucher um bis zu 15 Prozent steigen dürfen. Die Verbraucher müssen also nicht nur höhere Preise bezahlen, sondern auch die gestiegenen Produktionskosten der Unternehmen schultern. Schon jetzt klagen die Farmer im San Joaquin Tal über gestiegene Energiekosten bei der Bewässerung der Felder im regenarmen Winter. Während die Kritiker der republikanischen Vorgängerregierung die Schuld in die Schuhe schieben, da diese die Deregulierung einleitete, werfen andere dem demokratischen Regenten, Gray Davis, vor, das Problem auf die lange Bank geschoben zu haben. Denn bereits im vergangenen Sommer führten Hitzetage zu Problemen bei der Stromversorgung und zu "Blackouts".

Als Konsequenz des Desasters wird nun wieder der Atomstrom als "Rettungsanker" in die Diskussion eingebracht. 25 weitere Bundesstaaten, die ebenfalls eine Liberalisierung der Stromversorgung planten, beobachten die Entwicklung in Kalifornien mit Spannung. In Silicon Valley treffen unterdessen die Zwei-Megawatt-Generatoren von Peterson Powers ein - jedoch nur bei Firmen, die rechtzeitig bestellt oder vorsorglich eine Erlaubnis für das Betreiben von Dieselgeneratoren besorgt haben. Den anderen Firmen bleibt nur eines: massiv Strom sparen und hoffen, dass die Verantwortlichen die Energie zur Lösung der Krise aufbringen.

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