US-Finanzkrise : Notenbanken unter Druck

Die Finanzkrise lähmt die Wirtschaft in den USA. Selbst das FBI hat sich mittlerweile eingeschaltet: Die Bundespolizei verdächtigt 14 Unternehmen der Bilanzbetrügerei und des Insiderhandels. Für die Anleger an der Börse ist klar: Die Zinsen müssen sinken.

Henrik Mortsiefer

In den USA ist das Wirtschaftswachstum beinahe zum Stillstand gekommen. Die am Mittwoch vom Handelsministerium veröffentlichten Daten zeigen, dass die größte Volkswirtschaft der Welt stärker als erwartet von der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Demnach wuchs die US-Wirtschaft im vierten Quartal 2007 nur noch mit einer Jahresrate von 0,6 Prozent – nach 4,9 Prozent im dritten Quartal.

Mit der Finanzkrise beschäftigt sich inzwischen auch die US-Bundespolizei FBI. Sie hat Ermittlungen gegen 14 Unternehmen der Finanzbranche aufgenommen, darunter mehrere internationale Großbanken. Der Verdacht: Bilanzbetrügereien und Insiderhandel.

An den angeschlagenen Börsen wurde die Nachricht vom stagnierenden US- Wachstum zunächst mit steigenden Kursen quittiert. Der Grund: Der Druck auf die US-Notenbank Fed, die Zinsen weiter zu senken, ist noch einmal gestiegen. Ein entsprechender Zinsschritt um weitere 50 Basispunkte nach unten wurde am Abend erwartet und lag bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht vor.

Die Fed hatte vergangene Woche den wichtigsten Leitzins nach den dramatischen Kursverlusten am Aktienmarkt um 0,75 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent gesenkt. Es war der kräftigste Zinsschritt seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Die US-Regierung kündigte zudem ein milliardenschweres Konjunkturprogramm an. Nach einer gängigen Definition sind die USA in eine Rezession gerutscht, wenn die Wirtschaft zwei aufeinanderfolgende Quartale schrumpft.

An den Märkten ist Börsianern zufolge eine Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt in den Kursen bereits enthalten. Kritiker werfen der Fed vor, sich von der Entwicklung an den Aktienmärkten treiben zu lassen und neue Spekulationen zu provozieren. Fed-Chef Ben Bernanke setze die verhängnisvolle Geldpolitik seines Vorgängers Alan Greenspan fort, der von 1987 bis 2006 an der Spitze der US-Notenbank stand. Dieser habe die US-Wirtschaft zwar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vor einer Rezession bewahrt, zuvor aber an den Aktienmärkten die Internetblase in Kauf genommen und die US-Hypothekenkrise mitverursacht, indem er durch niedrige Zinsen Kredite verbilligt habe.

Greenspan wies eine Mitschuld zurück. „Die Auffassung, dass die Politik der Federal Reserve irgendwie die Preise von Wertpapieren oder Immobilien haben steigen lassen, finde ich schwer nachvollziehbar“, sagte der Ex-Notenbankchef der Wochenzeitung „Die Zeit“. Greenspan hält den Einfluss der Zentralbank angesichts der befürchteten Rezession in den USA generell für gering. „Weltwirtschaftliche Einflüsse sind heute stärker als fast alles, was die Geld- oder die Fiskalpolitik ihnen entgegensetzen kann“, sagte der 81-Jährige. Er schätzt die Gefahr, dass die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession abgleitet, auf „mindestens 50 Prozent“. Bisher gebe es jedoch „wenig Hinweise dafür, dass wir schon in einer stecken“.

Ob die Europäische Zentralbank (EZB) von den Zinssenkungen in den USA weiter unbeeindruckt bleiben kann, bezweifeln Beobachter. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte eine Zinssenkung mit Hinweis auf die gestiegene Inflation abgelehnt. Der Handlungsspielraum der EZB sei „eng begrenzt“, glauben etwa die Volkswirte der Landesbank Berlin. „Gänzlich werden sich die europäischen Währungshüter den Forderungen nach einem niedrigeren Refinanzierungssatz nicht entziehen können.“ Die Inflationserwartungen des Kapitalmarktes gestatteten inzwischen auch einen moderateren geldpolitischen Kurs. Die Mehrzahl der von der Agentur Reuters befragten 83 Analysten erwartet, dass die EZB noch im zweiten Quartal den Leitzins, der aktuell bei 4,0 Prozent liegt, senken wird.

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