Wirtschaft : US-Handelsstreit treibt Euro auf Rekordhoch

Finanzmärkte befürchten amerikanischen Protektionismus/BDI: Schmerzgrenze ist erreicht

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Frankfurt (Main)/Berlin (ro). Der Euro peilt die Marke von 1,20 Dollar an und schürt damit Sorgen in der deutschen Industrie, die um ihre Exportkraft fürchtet. Nachdem der Euro am Dienstagabend im USHandel wegen des neuen Handelsstreits zwischen den USA und China den neuen Rekordstand von 1,1979 Dollar erreichte hatte, rutschte der Kurs gestern in Europa zwar etwas ab, hielt sich aber bis zum Abend bei der Marke von 1,1903 Dollar. Nach Ansicht von Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), ist die Schmerzgrenze bereits überschritten.

„Ein Kurs von 1,20 Dollar ist sehr, sehr Besorgnis erregend. Das tut echt weh", sagte Rogowski am Mittwoch in Berlin. Nach wie vor handelt es sich aber nicht um eine Euro-Stärke, sondern um eine ausgeprägte Schwäche des Dollar: Sie rührt vor allem aus dem neu aufgeflammten Handelskrieg (siehe Lexikon) zwischen China und den USA, aus der Terrorangst, den Problemen in Nahost und dem Irak sowie aus wachsenden Zweifeln über die Finanzierbarkeit des US-Handels- und Leistungsbilanz-Defizits.

Die deutsche Wirtschaft fürchtet vor allem um ihre Exportgeschäfte in den Dollarraum, weil deutsche Produkte dort deutlich teurer werden. Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland sieht Rogowski gleichwohl nicht in Gefahr. Auch der BDI-Präsident schreibt die Stärke des Euro allein der Schwäche der US-Währung zu. „Fundamental ist die Euro-Stärke nach wie vor nicht gegeben.“ Devisenhändler in Frankfurt erwarten einen weiteren Kursanstieg des Euro: Wenn die Marke von 1,20 Dollar überwunden werde, könne der Kurs schnell auf 1,24 Dollar steigen. Die Europäische Zentralbank setzte den Euro-Referenzkurs von 1,1778 Dollar auf den Rekordstand von 1,1910 Dollar herauf.

Vor allem der neue Handelsstreit zwischen China und den USA lastet derzeit auf dem Dollar und schiebt damit indirekt auch den Euro nach oben. Um die Textileinfuhren aus China zu drücken, erwägt die US-Regierung eine Importbeschränkung. China hat bereits heftig reagiert und wird möglicherweise die Welthandelsorganisation WTO anrufen. An den Finanzmärkten kommt diese Entwicklung nicht gut an. „Freie Kapitalmärkte mögen keinen Protektionismus. Das wird bestraft“, sagte Antje Praefcke von der Helaba. US-Präsident Bush betreibe eine kurzfristige Politik, die der US-Industrie allenfalls vorübergehend Vorteile bringe. „Der Dollar ist längst nicht mehr der sichere Hafen“, heißt es in Frankfurt. Dafür profitiert Gold. Der Preis für die Feinunze kletterte gestern erstmals seit acht Jahren über die Schwelle von 400 Dollar. Auch die Löcher in der US-Handels- und Leistungsbilanz werden zunehmend zu einer Last für den Dollar.

Zur Finanzierung des Wachstums ist die USA derzeit auf hohe Kapitalzuflüsse angewiesen. Die, so mutmaßen Volkswirte in Frankfurt, könnten aber deutlich dünner werden. So könnten Japaner und Chinesen keine US-Staatsanleihen kaufen oder sogar Papiere zurückgeben. Schon im September waren die ausländischen Investitionen am US-Kreditmarkt nach Angaben der Commerzbank im Vergleich zum Vormonat von 25,2 Milliarden auf 5,6 Milliarden Dollar gefallen. Diese Summe deckt derzeit aber nur den Kapitalbedarf Amerikas für drei Tage.

Die Aktienmärkte litten am Mittwoch unter der Nervosität in Bezug auf den Dollar: Der Deutsche Aktienindex (Dax) büßte bis zum Schluss 0,38 Prozent auf 3652 Stellen ein. Zuvor hatte in Japan der Nikkei-Index unter dem Eindruck der Währungsturbulenzen bereits fast drei Prozent an Wert verloren.

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