Wirtschaft : US-Jobwunder zwingt deutsche Wirtschaft zum Nachdenken

PETER BOLM

Tochterfirmen bringen neue Philosophie nach Europa / SymposiumVON PETER BOLM BERLIN.Das amerikanische Jobwunder und der nun schon im achten Jahr anhaltende wirtschaftliche Aufschwung in den Vereinigten Staaten haben vermehrt nicht nur US-Wahlkämpfer zu der These verleitet, daß die Konjunkturzyklen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun endgültig der Vergangenheit angehören.Die Nachricht hört man wohl, aber bis zum Beweis der Richtigkeit dieser These wird noch einige Zeit vergehen müssen, und bis dahin gilt die bisher nicht widerlegte Lehrmeinung der Volkswirtschaft: Die nächste Rezession kommt bestimmt - auch in den USA. Daß die Amerikaner dennoch vor allem ihre europäischen Handelspartner mit imponierenden Zahlen beeindrucken, bleibt eine Tatsache.Rund 25 Mill.Arbeitsplätze sind in den USA in den zurückliegenden sieben Jahren geschaffen worden, in Europa lediglich fünf Millionen.Während die Quoten diesseits des Atlantiks längst die Negativrekordmarke von zehn Prozent durchbrochen haben, sank die Arbeitslosigkeit in den Staaten 1997 von 5,3 auf 4,7 Prozent.Also, lernen von Amerika? Diese Devise wird allerorten mit Blick auf Steuerlast, Reglementierung und hohe Löhne insbesondere von den Wirtschaftsverbänden immer häufiger in die Diskussion gebracht.Gute Gründe, über die höhere Effizienz amerikanischer Modelle nachzudenken, gibt es genug.Beispiel: Die 1979 in Massachusetts gegründete EMC Enterprise Storage Company, die inzwischen als weltweit am schnellsten wachsende Herstellerfirma von unternehmensweiten Speicherlösungen gilt und mit einzelnen Segmenten Technologiegiganten wie IBM oder Microsoft bereits überholt hat.Eine Börsenkapialisierung von 18 Mrd.Dollar bei nur 3 Mrd.Dollar Umsatz beschreibt das gewaltige Wachstumspotential. Den Erfolg verdankt das "Wall Street Wunderkind" - der Wert der Aktie explodierte von 18 auf 65 Mrd.Dollar - einer Firmenphilosophie, die sich deutlich von europäischen Gewohnheiten abhebt.Flache Hierarchien, eine nach oben offene Lohnspirale und die strenge Einbindung jedes einzelnen Mitarbeiters in die laufend überarbeiteten Zielkorridore des Unternehmens sind Voraussetzung für den Erfolg.Mit einem Anteil an Umsatz und Gewinn von zehn Prozent ist die deutsche Tochter, die EMC-Computer-Systems Deutschland GmbH, die größte Auslandsgesellschaft des Konzerns. In Deutschland ist eine Arbeitsphilosophie verbreitet, in der jeder um den Erhalt des Status quo kämpft, gern den Vorgesetzten spielt und nicht bereit ist, etwas abzugeben, sagte Werner Brockhagen, der Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft, in einem Tagesspiegel-Gespräch am Rande eines EMC-Symposiums am Wochenende in Berlin.Da war für die 360 Mitarbeiter ein Umdenken nötig.Nur 50 Prozent beträgt der Basislohn in den Vertriebsabteilungen.Der Rest wird durch Leistung verdient.Eine Grenze nach oben ist nicht vorgesehen.Zieht einer mit seinem Leistungslohn am Chef vorbei, gilt das als Auszeichnung für die ganze Firma.Am Anfang jedes Jahres wird am Konzernsitz in Florida für alle verbindlich die nächste Wegstrecke markiert.Spätestens im Januar hat jeder Mitarbeiter durch ein persönliches Statement den Auftrag "von oben" zu bestätigen.Dabei, so Brockhagen, wird die Meßlatte sehr hoch gelegt. Die unterschiedliche Lohngestaltung, so sieht es auch Michael Heise, Chefvolkswirt der DG-Bank, ist ein wesentlicher Hinweis auf die getrennten Erfolgskurven in Deutschland und den Vereinigten Staaten.Während bei uns zwischen 1984 und 1994 die Einkommen der Niedriglohngruppen real um fast 60 Prozent angehoben wurden, waren sie in den USA um 7,4 Prozent rückläufig.Für die Einkommensnivellierung bezahlten die Deutschen keinen geringen Preis.Die im Verhältnis hohen Löhne der unteren Einkommensgruppen mit zum Teil ungenügender Qualifikation führten dazu, daß in diesem Bereich zuerst entlassen wurde.Rund 40 Prozent der Arbeitslosen in Deutschland haben keine oder nur eine geringe Ausbildung. Dem amerikanischen Arbeitsmarkt kommt die dezentrale Tarifgestaltung bei der Lohnfestsetzung entgegen.Der Grund dafür ist nicht zuletzt die Schwäche der Arbeitnehmervertretungen.In Deutschland profitierten 1994 rund 92 Prozent der Beschäftigten von der zentralen Durchsetzungskraft der Gewerkschaften, in den USA waren es lediglich 18 Prozent.Hier sind die Meinungen geteilt.Während die einen erste Ansätze einer dezentralen Tarifgestaltung auch in Deutschland als Weg in die richtige Richtung begrüßen, warnen die Gegner vor Streiks, Lohndumping und sozialen Ungleichgewichten. Andere Hinweise auf US-Erfolgsrezepte sind sicher überzeugender.Ganz oben auf der Liste amerikanischer Wirtschaftskraft steht die unverwüstliche Gründermentalität.Das Tempo des Wechsels ist enorm.Nach OECD-Angaben verschwinden 50 Prozent der US-Firmen schon nach fünf Jahren wieder vom Markt.In Deutschland sind es 37 Prozent.Die Gründungsschübe in den USA sorgen für erhebliche Beschäftigungszuwächse.Auch die Finanzierung nach US-Vorbild bringt Wachstum.1996 betrug das Wagniskapital-Aufkommen in den Staaten 10 Mrd.Dollar.Die Europäer brachten es zusammen auf 4,8 Mrd.Dollar, die Deutschen auf 717 Mill..Auch die EMC-Company, die mit einer jährlichen Aktienrendite von durchschnittlich 73,9 Prozent inzwischen schon 25 der 30 Dax-Unternehmen zu ihren Kunden zählt, ist eine Venture-Capital-Gründung. Einig sind sich Freunde wie Gegner der amerikanischen Rezepte: Eine US-Kopie wird das deutsche Original nicht retten.Ein Abgleichen der verschiedenen Muster aber könnte helfen, eigene Fehler deutlicher zu erkennen.

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