Wirtschaft : US-Konjunktur: Die USA sind alles andere als ein Steuerparadies

Sandra Louven

Gerade erst hat US-Präsident George W. Bush die 1,35 Billionen Dollar schwere US-Steuerreform abgesegnet, schon fordern deutsche Politiker ebenfalls weitere Abgabensenkungen in der Bundesrepublik. Sowohl die CSU-Finanzexpertin Gerda Hasselfeldt als auch der FDP-Vize Rainer Brüderle verlangen umfassende Steuersenkungen. Dabei wird bei einer genauen Analyse des amerikanischen Steuersystems schnell klar, dass Firmen und Privatpersonen in den Vereinigten Staaten zum Teil deutlich höhere Steuern zahlen als in Deutschland. Der Grund: Zu den Steuersätzen, die Washington vorgibt, kommen erhebliche Landes- und Gemeindesteuern. Jeder Staat und zum Teil sogar jede einzelne Gemeinde in den USA besitzt die Autorität, für Einwohner und Unternehmen Steuersätze festzulegen, die zusätzlich zu den Bundessteuern fällig werden. Ein Vergleich der Bundessteuersätze, wie er immer wieder in internationalen Statistiken gezogen wird, hinkt deshalb stark.

So ist zum Beispiel der Glaube weit verbreitet, dass Unternehmen in den Vereinigten Staaten weniger Abgaben zahlen müssen als in Deutschland. Zumindest was die Steuerbelastung angeht, entspricht das nicht der Wahrheit: Die amerikanischen Unternehmenssteuern sind in vielen Staaten deutlich höher als in Deutschland. "Viele multinationale Unternehmen beschweren sich bitterlich über unseren Körperschaftssteuersatz", sagt Chris Edwards von der führenden Denkfabrik Cato Institute in Washington. "Wir sind in der Hinsicht nicht sehr wettbewerbsfähig."

Während die Steuerbelastung für Unternehmen in Deutschland im Durchschnitt bei 38 bis 39 Prozent liegt, beträgt sie in vielen Staaten der USA über 43 Prozent. Der deutsche Satz setzt sich aus einem Körperschaftsteuersatz von 25 Prozent und einem durchschnittlichen Gewerbesteuersatz von 13 bis 14 Prozent zusammen. Die Abzugsfähigkeit der Gewerbesteuer von der Körperschaftssteuer ist bei dieser Berechnung bereits berücksichtigt. In den USA bestehen die Unternehmenssteuern aus einer Körperschaftssteuer des Bundes, die bei 35 Prozent liegt. 45 der 50 US-Bundesstaaten erheben jedoch eine eigene Körperschaftssteuer, die komplett auf die Steuer aus Washington addiert wird. Sie reicht von einem Prozent in Alaska und Arkansas bis zu zwölf Prozent in Iowa. Nach Angaben des Washingtoner Wirtschaftsforschungsinstituts Tax Foundation liegt der durchschnittliche Körperschaftssteuersatz der Bundesstaaten für Großunternehmen bei acht Prozent.

"Für die Staaten sind diese Steuern eine gute Möglichkeit, Unternehmen anzulocken", erklärt Edwards. So hat das Softwareunternehmen Microsoft beispielsweise seinen Sitz im Bundesstaat Washington - einem der fünf Staaten, in denen überhaupt keine Körperschaftssteuer fällig wird. Das Management des Automobilkonzerns Daimler-Chrysler allerdings habe sich bei der Fusion 1998 unter anderem deshalb für Deutschland als Hauptstandort entschieden, weil dort die Steuerbelastung geringer gewesen sei. Eine Körperschaftssteuer auf Gemeindeebene oder eine Gewerbesteuer gibt es in den USA nicht.

Auch bei der Einkommensteuer von Privatleuten halten gleich mehrere Stellen die Hand auf. Zu den Bundessteuern, die US-Präsident George W. Bush vor wenigen Wochen für alle Einkommensklassen gesenkt hat, kommen Abgaben an die Gemeinden. Die Staaten benutzen diese Einkünfte, um Ausgaben für Straßenbau, Krankenhäuser, Gerichte, Sozialhilfe, Polizei, Feuerwehr und öffentliche Schulen zu begleichen.

Nur sieben der 50 US-Staaten erheben keine eigene Einkommenssteuer. Der Durchschnitt in den restlichen Staaten liegt bei 5,5 Prozent Einkommensteuer. Sie wird zusätzlich zur Bundessteuer fällig, kann jedoch in einigen Staaten von dem beim Bund zu versteuernden Einkommen abgezogen werden. Das bedeutet, dass eine alleinstehende Person ohne Kind mit einem Einkommen von 70 000 Dollar nach der Steuerreform nicht nur den Bundessteuersatz von aktuell 27,5 Prozent zahlen muss, sondern mindestens 33 Prozent.

Über diese die Landessteuern hinaus gibt es in einigen Gemeinden in den USA auch noch lokale Einkommenssteuern. Sie liegen etwa bei der Hälfte bis einem Drittel der jeweiligen Landes-Einkommenssteuer. Zwar erheben nur 1000 der insgesamt 25 000 amerikanischen Städte und Gemeinden eine Einkommenssteuer. Allerdings gehören zu den 1000 Komunen vornehmlich Großstädte. Teuer wird es beispielsweise in New York City. Hier werden alle drei Arten der Einkommenssteuer fällig. Der Spitzensteuersatz liegt deshalb hier derzeit bei 46 Prozent.

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