Wirtschaft : US-Konsumenten als Retter der Weltwirtschaft

BERNARD WYSOCKI

Je stärker sich die Asienkrise ausweitet und dabei Lateinamerika und andere Regionen ansteckt, desto offensichtlicher wird eines der bedeutendsten Probleme der Weltwirtschaft: Es gibt zu viele Produzenten und zu wenig Konsumnachfrage.Die Hersteller von Autos, Kleidung und Computer-Chips suchen verzweifelt nach Käufern - überall und zu fast jedem Preis.

Inmitten dieser Krise tauchen die US-Konsumenten als Retter auf.Selbstverständlich kaufen US-Amerikaner immer noch US-Waren und -Dienstleistungen.Aber nun, da so viele Länder unruhig nach Märkten Ausschau halten, spielen die USA eine immer wichtigere Rolle: als der große Importeur."US-Konsumenten sind die Rettung in einer Welt übermäßigen Sparens", sagt Rosanne M.Cahn, Ökonomin der Credit Suisse First Boston in New York.

Die USA werden derart mit Fracht aus Asien überschwemmt, daß Long Beach in Kalifornien - der größte Hafen des Landes - spezielle Lagerflächen organisieren mußte, um mit den Mengen zurecht zu kommen.In Tonnen gemessen haben die Waren aus Südkorea im Vergleich zum letzten Jahr um 34 Prozent zugenommen, die aus Hongkong um 29 Prozent und aus China um 21 Prozent.Und mehr Schiffe als je zuvor segeln leer zurück nach Asien.

Mit anderen Worten: Mit den steigenden Importen und sinkenden Exporten explodiert das Handelsdefizit der USA.In einem Gutachten prognostizieren 23 Volkwirte der Consensus Economics Inc., daß die USA im vierten Quartal dieses Jahres ein Handelsdefizit von 256,8 Mrd.Dollar (460 Mrd.DM) erreicht haben werden gegenüber 159,1 Mrd.Dollar (rund 280 Mrd.DM) im vergangenen Jahr.Eine Studie von Marcus Noland vom nonprofit-Institute for International Economics in Washington rechnet 40 bis 50 Mrd.Dollar davon direkt der Asienkrise zu.

Auch in Europa steigen die Asien-Importe, aber nicht so schnell wie in den USA.Zwar steigt die Konsumnachfrage in den meisten europäischen Ländern, aber sie erholt sich von einem relativ niedrigen Niveau aus."Das Wachstum des privaten Konsums in Europa fängt eigentlich gerade erst an.In Deutschland etwa ist die Nachfrage noch ziemlich schwach", sagt James Lister-Cheese, Analyst der Beraterfirma Independent Strategy in London.

Obwohl Lister-Cheese noch einen weiteren Anstieg asiatischer Importe in Europa erwartet, hat er noch keinen klaren Beweis dafür gesehen, daß asiatische Unternehmen europäischen Firmen Marktanteile wegnehmen.Trotz der Asienkrise weisen die elf Euroländer noch immer einen gesunden Handelsüberschuß auf.

In den USA sieht das ganz anders aus.In den ersten fünf Monaten von 1998 sind die US-Exporte auf 389,9 Mrd.Dollar (rund 697 Mrd.DM) gestiegen - nur zwei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.Gleichzeitig stiegen die Importe um sechs Prozent auf 454,7 Mrd.Dollar (rund 810 Mrd.DM).In Tonnen gemessen stiegen die Importe allerdings viel schneller, da viele der Einfuhrpreise gesunken sind.Ökonomen sagen, daß in den nächsten Monaten Exporteuren der besonders hart getroffenen Staaten der Zugang zu Krediten erleichtert werden wird, so daß ihre Ausfuhren in die USA anschwellen werden.

Das wachsende Handelsdefizit ruft die üblichen Klagen über den Verlust von US-Arbeitsplätzen hervor und über die angeblich räuberische Taktik ausländischer Firmen.Auf der anderen Seite sagen die meisten Volkswirte, das Defizit sei ein Zeichen für eine starke Wirtschaft und halte die Inflation auf niedrigem Niveau.Defizite über mehrere Jahre hinweg aber zeigen etwas anderes.Das Image der USA als rettender Konsument sagt etwas über ihre Geschichte, Gewohnheiten und ihre gesamte konsumorientierte Haltung.Der Drang zu Kauforgien ist ein unverwechselbarer Aspekt der US-amerikanischen Psyche.

Selbst Kinder in den USA sind große Verbraucher.In einer Studie von 1996 über Großstadt-Kinder zwischen sieben und zwölf in elf Nationen fand die Just Kid Inc.aus Stamford, Connecticut, heraus, daß japanische Kinder 62 Prozent ihres Taschengeldes sparen.In China waren es 60 Prozent, in Deutschland 46, in Frankreich 30 und in England 26 Prozent.Unter den wirtschaftlich entwickelteren Ländern wiesen die Kinder in den USA die niedrigste Sparquote auf: nur 20 Prozent.

"Nicht alle können einen Überschuß einfahren.Wer also sind diejenigen, die vermutlich ein Handelsdefizit haben? Die Reichen, dadurch, daß sie Konsumenten sind", sagt William Dunkelberg, Chefökonom in der National Federation of Independent Business.Natürlich sind auch in reichen Ländern nicht alle Leute reich.Aber in den USA halten auch Menschen mit geringem Einkommen ein konstant hohes Ausgaben-Level - mit Hilfe der Kreditkarten-Schulden.

Der Vorschlag, US-Amerikaner sollten ihr Importniveau hoch halten, stößt zweifellos auf keine große Begeisterung bei den Abgeordneten des US-Kongresses, die sich Sorgen um das Defizit machen.Das andauernde Wachstum der US-Wirtschaft jedoch vehindert größeren politischen Druck."Aber irgendwann wird sich das Tempo verlangsamen.Die alten protektionistischen Kräfte werden wieder auftauchen", sagt Greg Mastel, Vizepräsident des Economic Strategy Institute in Washington.Mit dieser Einschätzung könnte er richtig liegen.Eine prosperierende USA kann sich auf Dauer kein großes Handelsdefizit leisten.Die Asienkrise hat schon jetzt einen bremsenden Einfluß auf das verarbeitende Gewerbe der USA.

Wenn die US-Wirtschaft tatsächlich zu stottern beginnen sollte: Was für Handels-Spannungen würden dann an die Oberfläche kommen? Eine Folge wäre gesteigerter Druck auf Japan, um dessen wirtschaftlicher Krise aggressiver zu begegnen.Vor allem, damit die zahlungsunfähigen Banken dort geschlossen, die Steuern zur Stimulierung der Inlandsnachfrage gesenkt und die Staatsausgaben gesteigert werden.Kritiker sagen, daß sich auch Japan - als weltweit zweitstärkste Wirtschaft - als gigantische Importmaschine verhalten sollte, um asiatische Exporte aufzusaugen.Aber das ist nicht der Fall.So wie es aussieht, versucht Japan vielmehr, sich aus seinen Schwierigkeiten herauszuexportieren; sein Handelsüberschuß vergrößert sich kontinuierlich.Seine schwächer werdende Währung wirft das Land in den Wettbewerb mit den anderen Schwachwährungs-Ländern, deren Exporte in Starkwährungsländern billiger werden.

Trotz aller Spannungen könnte sich die Toleranz der US-Amerikaner gegenüber Problemen, die sich aus dem Außendhandel ergeben, auch noch über die guten Zeiten hinaus halten.Auch viele Lokalpolitiker, die etwa mit Schließungen von Fabriken wegen billigerer China-Importe konfrontiert waren, haben inzwischen akzeptiert, daß sie nicht mit den Arbeitskosten in Entwicklungsländern konkurrieren können und auf innovativere Produkte setzen müssen.

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