US-Notenbank Federal Reserve (Fed) : Was eine Leitzinserhöhung bedeuten würde

Am heutigen Donnerstag könnte die US-Notenbank die erste Leitzinserhöhung seit 2006 beschließen. Auch wenn sie es nicht tut, hätte dies Folgen für Börse und Weltwirtschaft. Fragen und Antworten zum Thema.

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Janet Yellen, Präsidentin der US Notenbank Federal Reserve (Fed).
Janet Yellen, Präsidentin der US Notenbank Federal Reserve (Fed).Foto: dpa

Es ist eine der wichtigsten Entscheidungen für Börsen und Weltwirtschaft, die Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), an diesem Donnerstag bekannt geben wird. Wird die Fed die Leitzinsen zum ersten Mal seit neun Jahren erhöhen? Oder nicht? Beides kann schwerwiegende Folgen haben.

Wie wahrscheinlich ist eine Zinserhöhung?

Janet Yellen hat nach der letzten Fed-Sitzung vor sechs Wochen deutlich gemacht, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach noch in diesem Jahr zu einer Zinswende kommt. Die jetzige Sitzung der Fed ist damit die erste, in der eine Zinserhöhung tatsächlich wahrscheinlich ist.

Die Finanzmärkte gehen eher davon aus, dass es keine Erhöhung geben wird. Darauf weisen die anhaltend tiefen Zinsen der US-Staatsanleihen hin. Deren Umlaufrendite müsste eigentlich stärker steigen, wenn die Anleger einen Zinsschritt erwarten. Die Ökonomen sind gespalten. In einer Umfrage von Reuters tippten 45 von 80 Ökonomen darauf, dass die Fed auf eine Zinswende verzichtet.

Liegen die Vorraussetzungen für einen Zinsschritt vor?

Das wichtigste Kriterium ist das Inflationsziel. Es liegt in den USA bei zwei Prozent, ähnlich wie in der Eurozone. Die derzeitige Inflationsrate liegt in den USA bei 1,2 Prozent. Und sie ist nur deshalb so hoch, weil die sinkenden Energiepreise herausgerechnet sind. Bei der Inflation liegen die Vorraussetzungen also eher nicht vor, es sei denn, die Fed hat neue Daten, die eine höhere Inflationserwartung anzeigen.

Gegen eine höhere Inflationserwartung spricht, dass die derzeitigen Währungsabwertungen in China und anderen Schwellenländern einen deflationären Einfluss auf die US-Wirtschaft haben, weil diese Länder ihre Waren billiger anbieten.

Das zweite wichtige Kriterium ist die Arbeitslosigkeit. Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank (EZB) ist die US-Notenbank dem Ziel der Vollbeschäftigung verpflichtet. Die offizielle Arbeitslosenquote in den USA liegt bei 5,1 Prozent. Damit herrscht nach Fed-Definition Vollbeschäftigung. Hinzu kommt, dass mit sinkender Arbeitslosigkeit der Konsum steigt und damit die Wahrscheinlichkeit von künftigen Preiserhöhungen.

Experten sind sich einig darüber, dass der erste Zinsschritt nicht erst erfolgen darf, wenn das Inflationsziel erreicht ist. Wenn der Beginn eines Zinserhöhungszyklus zu spät erfolgt, droht eine galoppierende Inflation, was die Fed zu schnelleren und stärkeren Erhöhungen zwingen würde. Diese könnten wiederum einen Schock in der Wirtschaft auslösen und zu einer Rezession führen. Darauf hat zuletzt Richard Fisher, der frühere Chef der Fed in Dallas, in einem Gastbeitrag in der „Financial Times“ hingewiesen.

Wie könnte die Weltwirtschaft reagieren?

Eine Leitzinserhöhung wäre zunächst ein starkes Signal, dass die Fed ein robustes Wachstum in den USA erwartet. Das wiederum könnte die gesamte Weltwirtschaft ankurbeln.

Umgekehrt würde ein Verzicht auf eine Erhöhung Zweifel nähren, dass die Fed die US-Wirtschaft in einer robusten Verfassung sieht. Insofern könnte dies als negatives Signal gesehen werden und die Stimmung nach den schlechten Nachrichten der letzten Wochen weiter eintrüben.

Andererseits bedeutet ein Verzicht auf eine Erhöhung, dass die Politik des billigen Geldes fortgesetzt würde, was der US-Konjunktur und damit der Weltkonjunktur helfen kann. Eine Nichtentscheidung wäre also möglicherweise eine besonders wichtige Entscheidung.

Zumal eine Zinserhöhung die Konjunktur und das Wachstum tendenziell schwächen würde, weil die Kapitalkosten für die Unternehmen steigen und Konsumenten mehr Zinsen zahlen müssen, wenn sie sich verschulden.

In der Vergangenheit war es allerdings meistens so, dass es mit der US-Wirtschaft zunächst weiter aufwärts ging, wenn der Zinserhöhungszyklus begann. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass das wieder so sein muss.

Die größte Befürchtung ist, dass eine Zinserhöhung die US-Wirtschaft ausgerechnet zu einem Zeitpunkt trifft, wo die Weltwirtschaft beginnt zu stottern.

Was passiert mit den Schwellenländern?

Viele Schwellenländer befinden sich in der Krise, das gilt vor allem für die großen Ökonomien China, Russland und Brasilien. China, nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist nach den Turbulenzen seit Mitte Juni in einen Strudel aus Börsencrash, schwachem Wachstum und wachsenden Zweifeln an der wirtschaftlichen Kompetenz der Führung geraten. Wenn Chinas Wirtschaft strauchelt, strauchelt die Weltwirtschaft. Zumal, wenn die Probleme von Russland, Brasilien und vielen anderen Schwellenländer hinzukommen. Soll ausgerechnet in dieser Situation die Fed die Zinsen erhöhen, die die Konjunktur bremsen könnten?

Was macht der Dollar mit der Welt?

Die Folge einer US-Zinswende wäre zunächst ein stärkerer Dollar. Das schadet dem Export der US-Firmen. Das nützt aber auf der anderen Seite allen anderen Ländern, die exportieren, weil ihre Währung automatisch abgewertet würde. Andererseits würde ein starker Dollar und eine schwache Eigenwährung der anderen Länder dazu führen, dass es zu einer Kapitalflucht kommt, weil Anleger ihr schwaches Geld in starke Dollars wechseln, die dann in US-Staatsanleihen oder US-Aktien angelegt werden. Die Kapitalflucht in den Schwellenländern, die bereits begonnen hat, ist aber das Letzte, was diese Länder gebrauchen können.

Warum sind manche Schwellenländer trotzdem für eine Zinserhöhung?

Überraschenderweise sagten kürzlich mehrere Notenbanker aus Schwellenländern, sie würden eine Zinswende in den USA begrüßen. Mexikos Notenbanker Augustin Carstens sagte laut „Financial Times“, eine Zinserhöhung, die eine robustere US-Ökonomie anzeigen würde, wäre „eine gute Nachricht“. Das Blatt zitierte zudem die Notenbankchefs von Indonesien und Peru mit ähnlichen Äußerungen. Es könnte also sein, dass im Falle eines robusten US-Wachstums die daraus folgende Zinserhöhung das kleinere Übel darstellt, weil die USA als Konjunkturlokomotive die übrige Welt mitziehen könnte.

Was geschieht mit Deutschland und der Eurozone?

Die Eurozone würde wahrscheinlich von einem stärkeren Dollar profitieren. Das gilt vor allem für das exportorientierte Deutschland. Unklar ist die Frage, welche Folgen es hat, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg die Geldpolitik der USA und der Eurozone diametral auseinanderdriften. Wird die EZB einen größeren Wertverfall des Euros hinnehmen?

Was kann an den Börsen passieren?

Erfahrungsgemäß führen unvorhergesehene Ereignisse zu Crashs an den Finanzmärkten. Egal, wie die Entscheidung der Fed ausfällt, beide Varianten wären diesmal wohl keine Überraschung. Die Börsen können steigen, weil eine Zinserhöhung Optimismus verbreitet. Oder, wenn die Fed auf eine Zinserhöhung verzichtet, weil dann weiter billiges Geld gedruckt wird. In beiden Fällen könnte eine Blase entstehen. Der Dax stand im April bei über 12 000 Punkten, bevor eine Korrektur einsetzte. Das war 50 Prozent höher als auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im Jahr 2000.

Aber es könnte eine ganz andere Überraschung geben. Viele Anleger in den USA, auch die Pensionsfonds, haben  Staatsanleihen im Depot, weil sie wissen,  dass sie ausfallsicher sind.  Nun ist es so, dass bei einer Zinserhöhung die  derzeitigen  Anleiherenditen plötzlich als zu niedrig gelten. Viele Anleihen werden verkauft und ihr Kurs sinkt dementsprechend. Anleger und Pensionsfonds sehen sich plötzlich einem Wertverlust ausgesetzt und das, wo doch die Papiere so sicher sind? Viele Anleger machen sich nicht klar, dass Staatsanleihen zwar ausfallsicher sind, aber sehr wohl im Wert stark schwanken können. Eine solche  Überraschung  könnte eine Verkaufspanik auslösen, die im Anschluss andere Anlageklassen wie Aktien mitreißen kann. Auch der Immobiliensektor ist von einer Zinserhöhung erheblich betroffen, die letzte Zinserhöhungskaskade löste die Finanzkrise aus, weil die Immobilienblase platzte.

Ironischerweise sind es ausgerechnet Sicherheitsauflagen gegenüber den Banken, die nach der Finanzkrise erlassen wurden, die möglicherweise verhindern, dass die Banken bei einem abrupten Kursverfall von Anleihen ausreichend Liquidität zur Verfügung stellen können.  Das könnte einen Crash verstärken.

Letztlich weiß niemand, was an den Märkten passieren wird, wenn die Zinsen steigen. Und es könnte sein, dass Janet Yellen das gar nicht herausfinden will.

Einen erklärenden Artikel des Autors über Rebalancing, wie konservative Sparer sich vor Crashs schützen und trotzdem mit einer Mischung aus Aktien und Geld höherer Renditen erzielen können, lesen Sie hier.

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