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US-Notenbank Federal Reserve : Janet Yellen erwägt Zinswende noch 2015

Notenbank-Chefin Janet Yellen hat sich dieses Mal nicht getraut. Noch nicht. Geld bleibt somit billig, aber wohl nicht mehr lange..

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Das Gebäude der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), aufgenommen am 22.01.2008 in Washington.
Das Gebäude der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), aufgenommen am 22.01.2008 in Washington.Foto: Matthew Cavanaugh/epa/dpa

Die US-Notenbank lässt sich bei der Zinswende weiter Zeit, die Ära des billigen Geldes geht vorerst weiter. Der Leitzins bleibt vorerst unverändert auf dem Rekordtief zwischen null und 0,25 Prozent, teilte die Federal Reserve (Fed) am Donnerstag in Washington mit. Auf diesem historisch niedrigen Niveau verharrt der Zins, zu dem Banken Zentralbankgeld leihen können, bereits seit dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise Ende 2008.

Vor einer Anhebung der Zinsen erwartet Fed-Chefin Janet Yellen wirtschaftliche Fortschritte. „Die Zinsanhebung erfordert weitere Verbesserungen am Arbeitsmarkt“, sagte sie bei einer Pressekonferenz in Washington. Die oberste US-Währungshüterin nannten keinen konkreten Zeitpunkt, machte aber klar, dass die meisten Mitglieder des geldpolitischen Rates die Zinswende noch in diesem Jahr erwarten. Auch die nächste Fed-Sitzung im Oktober sei dafür nicht auszuschließen. Die Notenbankchefin bekräftigte damit frühere Aussagen. Mit Beginn der Zinswende dürfte die Erhöhung dann moderat ausfallen.

Zeit noch nicht reif für Erhöhung

Die Ökonomen waren in ihren Erwartungen uneins gewesen, viele Experten hatten mit einer Anhebung der Zinsen gerechnet, weil die US-Konjunktur deutlich an Fahrt gewonnen hat. Allerdings dürfte der Börsencrash in China und die Probleme in den Schwellenländern Fed-Chefin Janet Yellen zu einer Verschiebung des Schritts bewegt haben. Das Führungsgremium der Notenbank war sich weitgehend einig, dass die Zeit noch nicht reif für eine Erhöhung ist: Die Entscheidung fiel mit neun zu eins Stimmen. Nur der als Verfechter einer straffen geldpolitischen Linie bekannte Zentralbanker Jeffrey Lacker stimmte dagegen. Viele Beobachter rechnen damit, dass Yellen die Zinswende nun zum Jahresende vollziehen wird. Nach Bekanntgabe der Entscheidung gab der US-Aktienindex Dow Jones leicht nach.

Die Entscheidung der Fed stieß besonders in Deutschland auf Kritik. "Die Entscheidung der US-Notenbank ist enttäuschend und nicht konsequent", kritisierte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. "Die Fed hat sich vom großen Druck der Finanzmärkte beeindrucken lassen. Eine Nullzinspolitik ist nicht mehr angebracht, da die US-Volkswirtschaft nicht mehr in der Krise ist. Wachstum, Beschäftigung und Inflationserwartungen deuten alle auf eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in den USA hin." Die größte Gefahr für die Finanzmärkte sei nicht eine Zinserhöhung der US-Notenbank, meint der Ökonom, sondern eine anhaltende Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs der USA. Auch der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, und der Deutsche Sparkassen- und Giroverband hatten eine Zinserhöhung gefordert. Liana Buchholz, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands öffentlicher Banken, kritisierte, die Fed spiele mit ihrer Glaubwürdigkeit. "Obwohl die Fed eines ihrer erklärten Ziele, die Vollbeschäftigung, nahezu erreicht hat, traut sie es der US-Konjunktur noch nicht zu, eine erste Zinserhöhung zu verkraften."

Janet Yellen, Fed-Chefin: die mächtigste Notenbankerin der Welt.
Janet Yellen, Fed-Chefin: die mächtigste Notenbankerin der Welt.Foto: imago/Xinhua

Yellens Vorgänger, Ben Bernanke, hatte die Zinsen innerhalb eines Jahres von 4,75 Prozent auf das derzeitige Rekordtief geprügelt, um der US-Wirtschaft nach der tiefsten Rezession in acht Jahrzehnten wieder auf die Beine zu helfen. Das billige Geld sollte Unternehmen Investitionen erleichtern und Verbraucher ermuntern, Häuser und Autos zu kaufen. Bernanke hatte das den Spitznamen „Helikopter-Ben“ eingebracht, weil er das Geld – nach Meinung seiner Kritiker – genauso gut auch aus dem Hubschrauber hätte abwerfen können. Doch die Politik des gnadenlos billigen Geldes hat funktioniert. Die US-Wirtschaft wächst. Nach Meinung der Fed ist das Wachstum aber offensichtlich noch nicht stabil genug.

Die EZB fährt eine Politik des billigen Geldes

Auch in Europa hatte man gespannt auf die US-Notenbank geschaut. Denn der Kurs, den EZB-Chef Mario Draghi fährt, ähnelt dem der Fed. Die niedrigen Leitzinsen von 0,05 Prozent und massive Aufkäufe von Anleihen aus dem Euro-Raum machen Kredite für die Wirtschaft im Euro-Raum billig, verschaffen den EU-Staaten Luft bei der Bedienung ihrer massiven Staatsschulden und sollen der Europäischen Union so über die Euro-Krise hinweghelfen.

Für die deutschen Verbraucher hat das Vor- und Nachteile. Kredite sind billig, darüber freuen sich vor allem Häuslebauer. Wer dagegen Geld sparen oder eine neue Lebensversicherung abschließen will, leidet unter den niedrigen Zinsen fürs Ersparte.

Daher hatte der Versicherungsverband GDV auf eine Zinswende in den USA. gehofft „Von einer Anhebung des Leitzinses durch die Fed kann ein erstes – wenn auch schwaches – Zeichen der Hoffnung ausgehen, dass die Zinswende auch bei uns etwas näher rückt", sagte der Präsident des Versicherungsverbands GDV, Alexander Erdland, dem Tagesspiegel. Ein Zinsanstieg in den USA hätte die Versicherer dabei unterstützt, die langfristigen Verpflichtungen zu erfüllen.

Auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, hält die derzeitige Nullzinspolitik für gefährlich. „Sie lässt die Kurse an den Finanzmärkten und die Häuserpreise in Deutschland steigen“, sagte Krämer dem Tagesspiegel. Das leiste spekulativen Übertreibungen Vorschub. Daher wäre es gut gewesen, wenn sich wenigstens die US-Notenbank vom superbilligen Geld verabschiedet hätte. Doch hätte das zu einer Zinswende in Frankfurt geführt? Wohl nein. „Normalerweise schlagen höhere US-Leitzinsen auf die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum durch“, weiß Commerzbank-Ökonom Krämer. Doch dieses Mal sei das anders. „Die EZB tut alles, um das zu verhindern“, gibt der Volkswirt zu bedenken. Die Europäische Zentralbank habe die Erwartung zementiert, dass die Leitzinsen noch lange niedrig bleiben werden. Falls nötig, werde Draghi die Geldpolitik noch weiter lockern. „Ich halte es für gut möglich, dass sie am Ende ihre monatlichen Anleihekäufe von derzeit 60 Milliarden Euro aufstockt“, glaubt Krämer.

Verbraucher haben Vor- und Nachteile

Für die deutschen Verbraucher haben die derzeit niedrigen Zinsen Vor- und Nachteile. Kredite würden billig bleiben, gibt Niels Nauhauser, Geldanlageexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, zu bedenken. Allerdings schmälern die niedrigen Zinsen die Rendite von Kapitalanlagen. „Man kann mit der Geldanlage aber immer noch Geld verdienen“, betont der Verbraucherschützer. Im August lag die Inflation in Deutschland bei gerade einmal 0,2 Prozent, die Umlaufrendite der Bundesanleihen stieg am Donnerstag auf 0,57 Prozent – „unter dem Strich bleibt ein guter Viertelprozentpunkt“, rechnet Nauhauser. Bei Festgeldanlagen seien Zinssätze von bis zu 1,5 Prozent möglich. „Dass die Versicherer und die Banken über die niedrigen Zinsen klagen, ist Propaganda“, kritisiert Nauhauser. Die Versicherer hätten noch vor wenigen Jahren Garantiezinsen von vier Prozent versprochen, ohne diese Versprechen entsprechend abzusichern. Und ohne die Unterstützung der EZB hätten viele Banken gar nicht überlebt.
Die Bewegungen bei den Leitzinsen sollten Verbraucher aber nicht überschätzen, mahnt der Verbraucherschützer: „Man sollte nicht vom Tagesgeschäft und der Frage, ob die Zinsen einen Viertelprozentpunkt teurer sind, abhängig machen, ob man ein Haus kauft oder nicht“.

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