Wirtschaft : US-Notenbankchef Greenspan deutet höhere Zinsen an

JOBST-HINRICH WISKOW

BERLIN . Alan Greespan, der Chef der amerikanischen Notenbank, dem Federal Reserve, hat die Möglichkeit höherer Zinsen angedeutet. Er warnte in einer Rede vor dem Kongress am Donnerstag davor, ein möglicher Anstieg von Löhnen und Preisen könne das Wirtschaftswachstum in den USA gefährden. Die Zentralbank werde handeln, sobald sie Anzeichen für eine Zunahme der Inflation erkenne. Noch indes sei sie nicht gezwungen, die Zinsen zu erhöhen, sagte Greenspan. Schon seit Tagen stand alles Handeln an den weltweiten Finanzmärkten in Erwartung seiner Äußerungen. Dabei wurden zwei Szenarien für wahrscheinlich gehalten: Entweder wird Greenspan auf weiter steigende oder auf konstante Leitzinsen anspielen.Doch der zuständige Offenmarkt-Ausschuß tritt erst in einem guten Monat wieder zusammen. Zuletzt traf er sich Ende Juni - und erhöhte den Zins für täglich verfügbares Geld um 0,25 Prozentpunkte auf fünf Prozent. Damit nahm der Ausschuß Rücksicht auf die drohende Überhitzung der US-amerikanischen Konjunktur, die seit acht Jahren ununterbrochen im Aufschwung ist. Im November dagegen hatte der Ausschuß die Zinsen - trotz der stabilen Konjunktur - gesenkt, weil die Unsicherheit in der Weltwirtschaft zunahm.Heutzutage spricht kaum noch jemand von einer drohenden Weltwirtschaftskrise: Deswegen will sich Greenspan auf die US-Binnenkonjunktur konzentrieren. Im volkswirtschaftlichen Kreislauf kommt nach dem Aufschwung automatisch der Abschwung - bleibt nur die Frage wann. Gelingt Greenspan die von den Notenbanken immer angestrebte sanfte Landung ohne den Sturz in die Rezession? Nach dem kräftigen Plus der US-Wirtschaft im letzten Quartal vorigen Jahres und im ersten Quartal des laufenden Jahres deutet jetzt mancher Indikator auf einen ruhigeren Aufschwung hin. In der Industrie und im Einzelhandel wachsen die Umsätze kaum noch, die Arbeitslosenquote ist - wenngleich bloß leicht - gestiegen, die Inflationsrate im Vorjahresvergleich nun erstmals wieder unter die Zwei-Prozent-Marke gesunken. Fazit: Die Notenbank muß die Zinsen nicht erhöhen - anders, als dies die Akteure an den Finanzmärkten vielleicht noch kürzlich erwartet hatten.Sobald die Zinsen in den USA steigen, wird die Anlage in festverzinsliche Wertpapiere aus den USA lohnender. Solange die Märkte einen Zinsanstieg für wahrscheinlich halten, kaufen mehr Leute US-Wertpapiere - und damit US-Dollar. Jeder Euroland-Anleger, der lieber in Dollar investiert, muß dafür Euro verkaufen. Insofern bleibt abzuwarten, ob die jüngste Kurserholung des Euro sich fortsetzt. Am Donnerstag - freilich vor der Rede von Greenspan - wurde die europäische Währung zwischendurch schon wieder für 1,05 Dollar gehandelt - so teuer war er zuletzt Ende Mai. Allein in dieser Woche hat der Euro sich um dreieinhalb Cent erholt. Noch am Montag hatte er gerade einmal einen Wert von knapp 1,015 Dollar.Für den Aufschwung des Euro lassen sich vielerlei Gründe finden - mindestens so viele wie bis in der vergangenen Woche für den stetigen Kursverfall der Währung, die erst Anfang Januar in elf EU-Volkswirtschaften eingeführt wurde.Die jüngsten Konjunkturerwartungen aus Euroland unterstützten den neuen Optimismus. Die Wirtschaftsforscher verkündeten einen kräftigeren Aufschwung, allen voran für die deutsche Volkswirtschaft, die größte in Euroland. Die positive Wirtschaftsentwicklung geht einher mit ausgesprochen stabilen Preisen: Die Inflationsrate in Euroland ist im Juni auf 0,9 Prozent im Jahresvergleich zurückgegangen, wie das Statistische Amt der EU am Donnerstag bekannt gab. Damit hat der schon im Juni schwache Euro - und damit der starke Dollar - keine Inflation importiert. Höhere Preise infolge der Euro-Kursverfalls - das war eine große Sorge der Beobachter gewesen.Für die Europäische Zentralbank (EZB) eröffnet die Geldwertstabilität die Möglichkeit, über weiter fallende Zinsen nachzudenken. Niedrigere Zinsen würden die Nachfrage stärken, beispielsweise der dann investitionswilligeren Wirtschaft. Allerdings würde der Zinsabstand zu den USA größer - und damit auch der Druck auf den erst gerade wieder erholten Euro-Kurs.

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