Wirtschaft : US-Präsidentschaftswahl: Börse blickt gelassen auf die Kandidaten

Walter Pfaeffle

Früher war das Leben eines amerikanischen Anlegers noch unkompliziert: Börsianer liebten die Republikaner und hassten die Demokraten. Mit der wachsenden Zahl von Aktionären hat sich jedoch im letzten Jahrzehnt einiges geändert. Die Demokraten schreiben Wahlthemen auf ihre Fahnen, für die früher nur die Republikaner kämpften. "Seit neun Jahren flirten die Big Boys der Wall Street mit Clinton", sagt der Autor und Wirtschaftsexperte Daniel Gross. Clinton hat sich als Pragmatiker erwiesen, mit dem die Wall Street leben konnte. Sein Vize Al Gore ist der Börse aber nicht ganz geheuer, und der republikanische Herausforderer George W. Bush stiftet mit seinem Wirtschaftsplan Verwirrung, so Gross: Er beruhe zu stark auf potenziell inflationären Steuersenkungen.

Die Wall Street blickt auf ein turbulentes Jahr zurück. Die marktbreiten Indizes zeigen kaum Veränderungen, während die Technologiebörse Nasdaq in einer Baisse steckt. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Konjunktur schwächer wird und die Unternehmen nicht mehr so gut verdienen. Man beginnt sich Sorgen zu machen. Deshalb hören die Anleger so kurz vor der Wahl den Kandidaten besonders genau zu. Gores Kriegserklärung an die Pharmaindustrie hat den Sektor seit Juli stark unter Druck gesetzt. Die Rüstungswerte haben sich einigermaßen gehalten, denn Bush und Gore wollen beide die Streitkräfte stärken. Ein Blick in die Vergangenheit könnte Licht darauf werfen, was nach den Wahlen passiert. Eine Studie der letzten hundert Jahre Politik, die der Marktstratege Alan Skrainka angefertigt hat, macht deutlich, dass Anlegerängste vor den Demokraten unbegründet sind. Von Woodrow Wilson bis Bill Clinton regierten 47 Jahre lang demokratische Präsidenten. In dieser Zeit sind die Aktienkurse um 7,3 Prozent im Jahr gestiegen. Die übrigen 52 Jahre - von Theodore Roosevelt bis George Bush - saßen die Republikaner im Weißen Haus, doch die Börse stieg nur um 1,3 Prozent im Jahr. "Wer gut oder schlecht ist für die Wall Street lässt sich nicht so einfach über den Daumen peilen", sagte Skrainka.

Nach einer Studie des Politologen Bryon Jones hätten zwar Broker, Banker und Investoren traditionell republikanisch gewählt. Mit dem Sieg Ronald Reagans im Jahr 1980 sei jedoch eine drastische Wende eingetreten. Damals besaßen nur 4,6 Millionen US-Haushalte oder fünf Prozent der Bevölkerung Anteile an Fonds. Als 1992 Clinton ins Weiße Haus einzog, lag die Quote nach einer Studie des Investment Company Institute schon bei 25,8 Millionen Haushalten (27,5 Prozent), und 1999 waren es schon 48,4 Millionen (47,4 Prozent). Das Institut erwartet für dieses Jahr 50 Prozent, wobei die Milliardensummen, die die Amerikaner über Pensionskassen in Aktien investiert haben, gar nicht berücksichtigt werden.

Wie soll sich der Investor verhalten, wenn er am 7. November ins Wahllokal geht? Präsentieren sich nicht beide Kandidaten als unternehmerfreundlich? Im September waren beispielsweise die Pharmawerte unter die Räder gekommen, nachdem Gore die Pillenhersteller unablässig der Preistreiberei bezichtigt hatte. Die Investmentbank Goldman Sachs rechnet im Falle eines Gore-Siegs mit Kursverlusten bei den Pharmatiteln. Gewinnt Bush, rät die Bank zum Kauf. Gute Kursaussichten räumt Goldman Sachs den Tabak- und Gesundheitspflegetiteln ein, wenn Bush die Wahl gewinnt. Der Rüstungssektor würde in jedem Fall profitieren. Die Börse ist von so vielen Einflüsse abhängig, dass viele Profis den Wahlausgang als nebensächlich betrachten. "Es ist kein heißes Thema", sagt Heidi Meeks, Ex-Mitarbeiterin von Microsoft, die heute Startup-Firmen finanziert. "Ich mache mir viel größere Sorgen um die Zinsen. Das ist ein marktbewegender Faktor". Das dürfte auch für den Euro gelten - seinen Kurs wird der Wahlausgang kaum beeinflussen.

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