Wirtschaft : US-Präsidentschaftswahl: In Amerika sind Wahl-Jahre immer auch Dollar-Jahre

Martina Ohm

Was immer den Außenwert einer Währung beeinflusst - ob Wirtschaft oder Politik, ob Spekulation oder Kalkül; nach dem Lehrbuch gilt, dass eine Währung prinzipiell so stark ist wie die Volkswirtschaft, hinter der sie steht. In der Praxis freilich sieht die Sache anders aus. Beispiel USA. Die Stärke der US-Volkswirtschaft wird seit geraumer Zeit an den verlässlichen Wachstumschancen ausgemacht. Das Vertrauen in einen dauerhaften, weitgehend inflationsfreien Aufwärtstrend wiegt schwerer als die Skepsis, die das hohe Leistungs- und Handelsbilanzdefizit der Amerikaner eigentlich hervorrufen müsste. Denn die Defizite zeigen eine gefährliche Abhängigkeit der US-Wirtschaft von den internationalen Kapitalimporten. Und dabei haben die Amerikaner noch einen enormen Schuldenberg abzutragen.

Obwohl Amerikas Wirtschaftswunder also auf Pump finanziert ist, herrscht an den Devisenmärkten bislang Zuversicht. Dass hat auch mit Wahlkampf und dem Bekenntnis zu einem starken Dollar zu tun. US-Finanzminister Larry Summers beispielsweise hat nie aus seiner Einstellung einen Hehl gemacht, dass Amerika einen starken Dollar braucht. Und Summers ist kein Einzelfall. Dass Wahljahre auch Dollarjahre sein können, zeigte sich in der Vergangenheit schon öfters. Am auffälligsten profitierte der Greenback Anfang der 80er Jahre. In Ronald Reagan fand das große Geld der Welt seine Leitfigur. Mit "Reaganomics", die im Kern auf radikale Steuersenkungen setzten, erlebte die US-Währung eine Renaissance. In der Spitze kostete ein Dollar im Frühjahr 1985 über 3,40 Mark - so viel wie seit Anfang der 70er Jahre nicht mehr. Als die US-Handelsbilanz aber immer tiefer in die roten Zahlen rutschte und die hohen Verteidigungsausgaben den Haushalt in Schieflage brachte, geriet erst das Weiße Haus und dann der Dollar unter Druck.

Inwieweit die Stärke des US-Dollars in Verbindung zum Wahljahr steht, ist wissenschaftlich nicht zu verifizieren. Dass jedoch eine Verbindung besteht, bestätigt eine aktuelle Studie der Hypo-Vereinsbank über die effektive Wechselkursentwicklung des Dollars gegenüber 18 Währungen seit 1949. Dabei überrascht die Analyse mit der Schlussfolgerung, dass unter konservativen Regierungen im Weißen Haus das Wachstum im Durchschnitt schwächer und die Inflation im Durchschnitt höher ausfiel als unter demokratischer Staatsführung. "Unter den zehn Präsidenten, die die USA seit 1949 regierten, waren die fünf Besten Demokraten," bilanziert Andreas Rees von der Hypo-Vereinsbank.

Daraus abzuleiten, dass die Demokraten auch in Zukunft zwangsläufig ein besseres Geschick für Amerikas Wirtschaft und Börse entwickelten, wäre allerdings vermessen. Mit der Zeit haben sich die politischen Profile von Demokraten und Republikanern bekanntlich verwischt. Und in einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich die zwei Spitzenkandiaten Al Gore von den Demokraten und sein Kontrahent George W. Bush von den Republikaner gar nicht voneinander: Ob für niedrigere Steuersätze, wie Bush es will, oder höhere Sozialausgaben - die Etatüberschüsse werden in jedem Falle deutlich abgebaut. Gegenüber US-Präsident Bill Clinton, der die hohen Überschüsse bislang zur Senkung langfristiger Schulden verwandte, ein Kurswechsel, der nach Überzeugung von Devisenhändlern auch auf den Dollarkurs durchschlagen kann. Denn nur die Haushaltsüberschüsse, so die gängige Argumentation, hätten dazu geführt, dass das hohe Leistungsbilanzdefizit der Amerikaner vom Handel bislang stillschweigend hingenommen wurde.

In jedem Falle, warnen die Investmentbanker von Goldman Sachs, dürften höhere Sozialausgaben, aber auch massive Steuersenkungen alte Inflations- und Zinsängste fördern und den Dollar langfristig wieder unter Druck setzen. Für die Zeit nach dem 7. November scheint der Trend mithin klar: Mit dem Dollar geht es eher bergab, als weiter nach oben.

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