Wirtschaft : US-Spekulant Buffett will Silber vergolden

VANESSA LIERTZ

Bisher ist die Rechnung aufgegangen / Viele Analysten glauben an das Konzept / Die Edelmetallmärkte sind in AufruhrVON VANESSA LIERTZDas Treiben an der Wall Street ähnelt dem übrigen Leben: Menschen hecheln von morgens bis abends durch die Gegend, auf der Suche nach dem großen Los.Wenige nur greifen mit sicherer Hand nach dem Glück.Der Spekulant Warren Buffett ist bisher so einer gewesen.An der New Yorker Börse gilt er darum als weise, und man nennt ihn den "Midas von Omaha".Wie König Midas, in dessen Händen alles zu Gold wurde.Auf Buffett, der einer der reichsten Männer Amerikas ist, schaut und hört die Finanzwelt.So ist der Geschäftsbericht seines Unternehmens, der Berkshire Hathaway in Omaha, Pflichtlektüre für jeden Investmentprofi. Die Börsianer staunten, als sich am Montag die Nachricht verbreitete, der Amerikaner aus dem mittleren Westen habe binnen eines halben Jahres so viel Silber erworben, daß ihm jetzt ein Viertel des Angebots auf dem Globus gehöre: rund 4000 von circa 16 000 Tonnen des Edelmetalls, das im vergangenen Jahr aus der Erde geholt wurde oder als Silberschrott auf den Märkten kursierte.Länger schon hatten sich die Silberspezies gewundert.Der Preis des Edelmetalls war stetig nach oben geklettert: 4,20 Dollar hatte eine Unze (rund 31 Gramm) noch im Juli des vergangenen Jahres gekostet, im Januar war sie über sechs Dollar wert.Damit erreichte der Silberpreis das höchste Niveau seit zehn Jahren. Der Rohstoffhändler Phibro verteidigte sich im Gerichtssaal, weil Kläger ihm vorwarfen, den Silberpreis durch illegale Spekulationen in die Höhe getrieben zu haben.Niemand wurde hellhörig, obgleich Buffetts Unternehmen Anteile an Phibro hält, die zur Travellers Group gehört.Als sich plötzlich der "Midas von Omaha" zu seinem Großeinkauf bekannte, war die Überraschung groß: Ausgerechnet der besonnene Buffett, der sonst mit Unternehmensanteilen spekulierte, trieb sich auf fremdem Terrain herum.Ungewöhnlich war auch, daß er sich öffentlich dazu äußerte: Er und seine zweite Hand, Charlie Münger, hätten sich schon seit 30 Jahren für den Silbermarkt interessiert. Seitdem ist der Silbermarkt in Aufruhr.Am Tag schwankt der Preis pro Unze um einen halben Dollar.Das sei mehr als ungewöhnlich, sagt Otto Böss, der für die Degussa AG, Frankfurt (Main), mit Edelmetallen handelt.Das letzte Mal habe er so etwas vor über 20 Jahren erlebt.Damals versuchten die amerikanischen Brüder Nelson Bunker Hunt, William Herbert Hunt und Lamar Hunt, den Silberpreis zu manipulieren.Als die Unze 1973 noch drei Dollar kostete, horteten sie gemeinsam mit arabischen und brasilianischen Finanziers Silber.Sie kauften und kauften, bis die Hälfte des verfügbaren Edelmetalls ihnen gehörte.Der Preis erreichte schwindelerregende Höhen: 50 Dollar kostete 1980 eine Unze.Doch sie hatten Pech.Von den Preisen angeregt, stießen zu viele Tafelsilber und Schmuck ab.Das künstliche Preisgebilde brach im April 1980 zusammen.Die Gebrüder Hunt verloren rund 2 Mrd.Dollar ihres Vermögens. Buffett ist anders.Niemals wird er so hoch pokern.Darin sind sich die Analysten einig.Der 67jährige werde beim Silber die übliche konservative Strategie verfolgen, mit der er reich geworden ist.Buffett - der schon als sechsjähriger Cola-Flaschen im Sixpack erstand und teurer verkaufte - setzt auf Objekte, die der Markt seiner Ansicht nach unterbewertete. So erwarb er 1964 Anteile am damals skandalgeschüttelten Unternehmen American Express Company, weil er an den Ruf der Reiseschecks glaubte.Er behielt recht.Inzwischen gehören ihm Anteile von Coca Cola und Gilette, von Mc Donalds und Walt Disney.Sein Unternehmen war für Aktionäre bisher ein kleiner Goldesel: In den siebziger Jahren kostete ein Papier 100 Dollar, heute ist eine Aktie von Berkshire Hathaway an der Wall Street 53000 Dollar wert. Wird auch das Silber in seinen Händen zu Gold? Sicher ist, daß die Menschen seit einigen Jahren mehr Silber verlangen als angeboten werden kann.Die Industrie etwa verarbeitete im letzten Jahr mit rund 20 000 Tonnen 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr.Den größten Batzen verbrauchten dabei die Filmehersteller. Die Schmuck- und Silberwarenbranche ist der zweitwichtigste Abnehmer der Welt.In Indien gilt das Edelmetall als solide Vermögensanlage.Insgesamt spielt Indien auf dem Silbermarkt eine wichtige Rolle.Zur Zeit fragt der Subkontinent jährlich rund 4000 Tonnen nach.Vielleicht bald nur noch die Hälfte.Das zumindest prophezeit ein Silberexperte aus Bombay, wenn die Preise weiterhin bei sieben Dollar pro Unze liegen. Bisher hat sich das silberne Vermögen Buffets um über ein Viertel vermehrt.Buffett hat aber auch schon falsch gerechnet: Ende der achtziger Jahre investierte er größere Summen in US-Air und Salomon Brothers.Dafür hat er bisher nur gezahlt.

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