Wirtschaft : US-Wirtschaft: Die Entzauberung des Magiers

Carsten Brönstrup

Es ist noch nicht lange her, da stand der amerikanische Notenbank-Präsident Alan Greenspan kurz vor der Heiligsprechung. Der 75-Jährige Kauz galt Investoren, Politikern und Journalisten als Garant eines beispiellos kraftvollen Wirtschaftswachstums, boomender Aktienmärkte und zugleich eines stabilen Dollars. Auch Europa huldigte ihm; dort sicherte die starke US-Konjunktur ebenfalls Prosperität. Und selbst als der Abschwung begann, bescherten Greenspan seine beherzten Zinsschritte Applaus von fast allen Seiten - seit Jahresbeginn senkte er die Leitzinsen sechsmal, um 2,75 Prozentpunkte auf nur noch 3,75 Prozent. Und am kommenden Dienstag wird Greenspan vermutlich ein weiteres Mal den Preis des Geldes drücken.

Doch allmählich lichten sich die Reihen seiner Anhänger. Denn die energischen Zinschritte wirken noch immer nicht so, wie sie sollen. Hat der mächtigste Notenbanker der Welt seinen Einfluss verloren? Steht nun die Entzauberung des Magiers Alan Greenspan bevor? Möglicherweise. Ein Aufschwung in den USA ist noch immer nicht zu erkennen, das belegen die neuesten Konjunkturdaten der vergangenen Woche: Lagerbestände, Industrieproduktion, Kapazitätsauslastung und Exporte sind rückläufig, und die Wachstumsdaten des zweiten Quartals werden Ende August womöglich nach unten korrigiert - ins Minus, wie Pessimisten befürchten. Zum ersten Mal seit Beginn der neunziger Jahre. Kein Wunder: Die für die Investitionsneigung entscheidenden langfristigen Zinsen sind noch nicht gesunken, so dass sich die amerikanischen Unternehmen noch kein billigeres Kapital für Investitionen beschaffen können. Auch die Aktienmärkte stehen weiterhin unter Druck, den Boden haben sie offenbar noch nicht gefunden.

Um Alan Greenspan zu verdammen, mag es gleichwohl noch zu früh sein. Wenigstens sechs bis neun Monaten dauert es üblicherweise, bis eine Zinssenkung wirkt, sagen die Ökonomen. Eine Zinssenkung um einen Prozentpunkt bringt nach Fed-Berechnungen ein Wachstumsplus von 0,6 Prozent im ersten Jahr. Und vielleicht wäre ohne die psychologisch wichtigen Schritte alles noch viel schlimmer gekommen. Etwa an den Aktienmärkten - ein noch stärkerer Einbruch hätte die Kaufkraft der Verbraucher noch drastischer geschmälert. Immerhin stützt der fast unverdrossene Konsum der US-Bürger weiterhin die Unternehmen, und der Immobilienmarkt ist bereits spürbar belebt. Auch der US-Dollar verliert endlich an Wert, nachdem sein Wechselkurs lange Zeit trotz der Fed-Schritte hoch geblieben war - das könnte der Exportwirtschaft Auftrieb geben, die ihre Produkte dann im Ausland billiger losschlagen kann. Und natürlich gibt es auch Grenzen der Geldpolitik - Notenbanker sind eben nicht allmächtig. Ständige Hiobsbotschaften von Firmen und Börsen sorgen für ein schlechtes Investitionsklima. Unternehmer investieren aber nur, wenn die Renditeaussichten stimmen.

Dennoch sind viele Volkswirte optimistisch, dass es im zweiten Halbjahr wieder zaghaft aufwärts gehen könnte und davon auch der Rest der Welt profitiert, also auch Europa. Die Deutsche Bank erwartet für 2002 bereits wieder ein Wachstum von 2,5 Prozent. Die Voraussetzungen dafür sind günstig - die Steuersenkungen der Bush-Regierung beginnen zu wirken, und die Energiepreise kehren auf Normalniveau zurück.

Greenspans Hau-Ruck-Politik könnte aber auch nur ein Strohfeuer erzeugen, das ebenso schnell erlischt, wie es entflammt ist. Der Grund: Was jetzt den Abschwung bremsen soll, könnte in der nächsten Aufschwungphase als unerwünschter Verstärker der Nachfrage wirken, zu einer Überhitzung der Wirtschaft führen und damit die Inflation beflügeln. Und eine Krise, die wie die aktuelle durch Überinvestitionen ausgelöst wurde, gerade mit Investitionsanreizen, also billigerem Kapital, bekämpfen zu wollen, halten viele für gefährlich - da hätte man lieber den Selbstheilungskräften der Wirtschaft vertrauen sollen, sagen sie.

Ob die USA in eine Rezession stürzen, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden - und damit auch, ob Alan Greenspan als Versager oder als Heiliger in die Geschichte eingehen wird.

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