Wirtschaft : USA: Senkung der Leitzinsen: Börse reagiert enttäuscht

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Die US-Notenbank hat am Dienstag den Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf 5,0 Prozent gesenkt, um der anhaltenden Schwäche der Konjunktur entgegenzuwirken. Die Nachricht kam auf dem Parkett nicht gut an. Der 30 führende Industriewerte umfassende Dow Jones-Index brach ein und rutschte unter die Marke von 10 000 Punkten. Die Technologiebörse Nasdaq gab ebenfalls nach. Sie velor 2,5 Prozent.

Vor der Zinsentscheidung notierten die Aktien in der Hoffnung auf einen großen Zinschritt von 75 bis 100 Basispunkten noch leicht im Plus. Allerdings waren diese Wünsche weit überzogen, wie sich bald herausstellte.

Die Federal Reserve hat in den 14 Jahren, in denen Alan Greenspan ihr Chef war, nie einen größeren Zinsschritt als einen halben Punkt gewagt. Womöglich wäre auch eine aggressivere Entscheidung auf wenig Gegenliebe gestoßen. Damit hätte die Federal Reserve nämlich signalisiert, dass die Wirtschaft in einer tiefen Krise steckt und die Notenbank mit der Wirkung ihrer bisherigen Politik nicht zufrieden ist.

Die Entscheidung kamm mitten in einer Phase großer Unsicherheit an Wall Street. Gewinnwarnungen und die Furcht, dass eine Rezession in den USA die gesamte Weltwirtschaft in Schwierigkeiten bringt, ließen die Aktienkurse in den vergangenen Wochen immer tiefer rutschen. Seit der letzten Zinssenkung Ende Januar gab der Dow um rund zehn Prozent nach. An der Technologiebörse Nasdaq brachen die Kurse sogar um 30 Prozent ein.

Der Zinsbeschluss dürfte für Alan Greenspan nicht einfach gewesen sein: Einerseits gilt er als der Magier, dem die USA einen spektakulären zehnjährigen Boom verdanken. Diesen Ruf will er kaum durch eine harte Landung der Konjunktur ruinieren. Andererseits war das Risiko unübersehbar, dass er als Retter der in Not geratenen Aktienmärkte gilt. Das ist - bei aller Liebe zu Wall Street - nicht Aufgabe des Fed-Chefs. Während das Ausmaß der Zinssenkung kurzfristig die Richtung an den Börsen bestimmen wird, dürfte sich die Marktteilnehmer bald der Interpretation der begleitenden Erklärung widmen. In ihrer Erklärung zeigte sich die Notenbank jetzt besorgt über die Schwäche der Konjunktur. Die Gefahr, dass die Wirtschaft in eine Rezession falle, sei nicht gebannt. Überschüssige Produktionskapazitäten im Inland und wirtschaftlicher Turbulenzen im Ausland bildeten ein "substanzielles Risiko" für die Ökonomie. Die Notenbank werde die Entwicklung weiter genauestens verfolgen. Damit ist eine weitere Lockerung der Geldpolitik zu erwarten. Das nächste offizielle Treffen der Federal Reserve ist in zwei Monaten am 15. Mai.

Um die Sorgen der Analysten und Investoren zu vertreiben, ist aber mehr nötig als nur eine Lockerung der monetären Zügel - auch wenn Einigkeit darüber herrscht, dass sie der Schlüssel für eine Trendwende an den Börsen und in der Konjunktur ist. Um die nervösen Börsianer nachhaltig zu beruhigen, bedarf es aber auch eines klaren Signals von den Unternehmen, dass künftig wieder mit höheren Gewinnen zu rechnen ist. Bis die positiven Nachrichten eintreffen, kann es allerdings noch dauern. Die Fed hat bereits Mitte 1999 damit begonnen, den Leitzins nach oben zu schleußen. Die Wirkung zeigte sich erst imvierten Quartal 2000. Umgekehrt wird sich die Konjunktur nicht von heute auf morgen aufhellen, nur weil Alan Greenspan die Zinsen gesenkt hat. Bis die Geldpolitik in der Realwirtschaft wirkt, dürfte noch ein dreiviertel Jahr vergehen.

Grafik:
Zinswende in den USA

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