USA und EU : Ein Standard für alle kommt langsam

Einheitliche Industrienormen hätten viele Vorteile - doch die USA und Europa kommen nur langsam voran

Christoph von Marschall

WashingtonFür die Wirtschaft und die Verbraucher liegen die Vorteile einer internationalen Harmonisierung der Standards auf der Hand. Die Betriebe könnten Millionen sparen, wenn sie Scheinwerferglas, Auto- und Flugzeugsitze, Prozessoren oder Maschinenteile, die sie in ihre weltweit verkauften Produkte einbauen, nicht mehr in jedem Absatzland getrennt nach den dort geltenden Vorschriften testen müssten. Gemeinsame Normen würden niedrigere Preise für die Käufer ermöglichen. Auch die Transparenz stiege für die Verbraucher, weil zum Beispiel der Wert von Sicherheitszertifikaten aus verschiedenen Ländern vergleichbar würde, wenn die Tests nach denselben Bedingungen erfolgen.

Besonders vorteilhaft wäre eine Harmonisierung zwischen der EU und den USA, denn diese beiden Marktplätze haben den mit Abstand höchsten Austausch von Waren, Dienstleistungen und Investitionen zwischen verschiedenen Wirtschaftszonen. Auf Einladung der Dräger- Stiftung trafen sich jetzt Experten des Deutschen Instituts für Normung (DIN), des American National Standards Institutes (ANSI) und Wirtschaftsvertreter aus Deutschland und Amerika bereits zur vierten Transatlantic Market Conference in Washington.

Das Problem ist nicht neu, jedoch haben die Schwerpunkte über die Jahre gewechselt. Der Fortschritt aber ist auf diesem Gebiet eine Schnecke geblieben. Der Ertrag des Dialogs liegt nicht in einer Liste von Erfolgsbeispielen, wo bereits gemeinsame Standards erreicht wurden. DIN- Chef Torsten Bahke sagt, es sei gelungen, das Problem "auf die politische Bühne zu hieven". Die Harmonisierung sei als Ziel akzeptiert und gehöre nun zu den Vorgaben der Politik für die Experten.

Auf amerikanischer Seite klingt die Selbstverpflichtung auf gemeinsame Standards nicht ganz so klar. ANSI-Chef Joe Bhatia beschwört zwar die Vorteile einer Vereinheitlichung. Aber eine seiner Mitarbeiterinnen vertrat auf der Konferenz die These, das enorme Volumen des transatlantischen Wirtschaftsaustauschs belege, dass die großen Konzerne offenbar gut mit verschiedenen parallelen Standards zurechtkommen.

Europa und Amerika befinden sich bei dem Vorhaben in unterschiedlichen Entwicklungsphasen und verfolgen verschiedene Strategien. Die Deutschen üben in der EU schon seit Jahren die Praxis, sich mit anderen Ländern auf gemeinsame Normen zu einigen. Der Weg führt von der deutschen Industrienorm zur europäischen ISO und hoffentlich irgendwann zur weltweit akzeptierten IEC. Innerhalb Europas soll das sogenannte Delegationsprinzip sicherstellen, dass die Praktiker Mitsprache bei der Entwicklung haben und sich nicht dem Diktat einer internationalen Bürokratie beugen müssen. Amerikaner neigen dazu, überall mitzumachen, aber abzuwarten, welcher Standard sich durchsetzt. Am günstigsten für die nationale Wirtschaft wäre es, wenn ein Land seinen Normen weltweit Geltung verschafft.

Nach dem Regierungswechsel in den USA konzentrierte sich die diesjährige Konferenz auf neue Ansätze in der Klima- und Energiepolitik sowie "grüne" Vorgaben für die Autoindustrie unter Präsident Barack Obama. In Amerika stoßen die Ziele bei vielen auf Skepsis, vor allem aus Furcht vor höheren Kosten. In einem waren sich deutsche und amerikanische Vertreter der Autokonzerne freilich einig: Sie wollen gemeinsame Standards, auch für Treibstoffe. Aber die Politik solle nicht vorschreiben, welche Techniken die Firmen zur Senkung von Verbrauch und Emissionen einsetzen sollen: Brennstoffzelle, Hybridantrieb, Elektromotor, Wasserstofftechnik oder generell kleinere Autos. Der Wettbewerb zwischen verschiedenen Ansätze werde zeigen, welche Lösung die besten Ergebnisse für die Umwelt zu bezahlbaren Preisen ergebe. Die mit Milliardensummen subventionierte Produktion von Ethanol aus Mais, die zu einer Lebensmittelkrise geführt habe, sei ein warnendes Beispiel. Die Prognose der Experten für 2050: Auch dann werde es noch Autos geben, womöglich 2,5 Milliarden; heute sind es 800 Millionen. Aber keines werde dann noch einen Verbrennungsmotor haben.

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