Wirtschaft : USA zeigen mit dem Finger auf Brüssel

DIETRICH ZWÄTZ (HB)

WASHINGTON .Die bedrückende Aussicht auf ein Rekordhandelsdefizit von mindestens 230 Mrd.Dollar und die Erkenntnis, daß selbst die Wirtschaftsmacht USA von den Spätfolgen der asiatischen Krise nicht unberührt bleiben, machen amerikanische Politiker zunehmend nervöser.Die Auseinandersetzungen mit der Europäischen Union über die Brüsseler Bananenpolitik sind denn auch nur ein - wenn auch bedeutender - Nebenkriegsschauplatz.In Wirklichkeit geht es um die globalen Folgen der Finanzkrisen: Wer trägt die Hauptlast für die Erholung der Weltwirtschaft?

Die US-Handelsbeauftragte Charlene Barshefsky will eine vorläufige Liste europäischer Exportgüter vorlegen, die von Washington mit Sanktionen bedroht werden, wenn sich Brüssels Bananenpolitik nicht ändert.Schon im Oktober hatten republikanische Politiker im Kongreß mit Alleingängen gedroht, falls die Regierung Clinton nicht energischer gegen die europäischen Hürden für amerikanische Bananen und amerikanisches Rindfleisch vorgeht.Denn Europa gefährde mit seiner Handelspolitik "amerikanische Arbeiter, Farmer und Unternehmen".

Solch nationalistisches Wortgeklingel kann dem Protektionismus in den USA die Türen öffnen.Doch muß man auch ganz klar erkennen: Grundsätzlich hat der Protektionismus in den USA wenig Chancen.Ein Land mit so hohen und immer weiter steigenden Importüberschüssen darf sich zu Recht - von gelegentlichen ideologischen Schwächen wie Einfuhrquoten bei Stahl und Textilien einmal abgesehen - den "freiesten Markt der Welt" nennen.Der Ruf nach protektionistischer Abriegelung führt denn auch noch lange nicht zum Herunterlassen der Einfuhrgitter.Denn die Regierung in Washington weiß: Trotz der Existenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf wären Vergeltungsmaßnahmen die sofortige Folge.

Wie dramatisch sich die Stimmung in Washington aber zugespitzt hat, zeigt eine emotionale Bemerkung von US-Handelsminister William Daley: Amerika wolle nicht "zum Schuttabladeplatz für die krisengeschüttelten asiatischen Volkswirtschaften" werden.Europa müsse "seine Handelstore weiter öffnen", um die Last der Erholung Asiens mit den Amerikanern zu teilen, also um ebenfalls asiatische Exportprodukte aufzufangen.

Der Washingtoner Argumentation wäre zuzustimmen, wenn die gewaltigen Defizite in der US-Handelsbilanz lediglich aus den asiatischen Exportoffensiven resultierten.Aber auch die Ausfuhren der US-Wirtschaft sind zurückgegangen, was zwangsläufig zu höheren Fehlbeträgen im Außenhandel führt: In den ersten acht Monaten dieses Jahres stieg der Wert der amerikanischen Wareneinfuhren von 573 Mrd.auf 605 Mrd.Dollar, der der Ausfuhren sank von 454 Mrd.auf 451 Mrd.Dollar.Hier darf man die Frage stellen, ob den Amerikanern nur die nach Abwertungen und heimischer Überproduktion weniger aufnahmefähigen Exportmärkte Asiens weggebrochen sind oder ob niedrigere Ausfuhren nicht auch eine Folge unzureichender Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten sind.

Ein solcher Mangel an Wettbewerbsfähigkeit muß nicht technologischer Natur sein.Spitzenerzeugnisse der amerikanischen Flugzeug-, Maschinen- und Computertechnik können es bekanntermaßen mit jedem High-tech-Produkt in der Welt aufnehmen.Aber die Hilflosigkeit mancher amerikanischer Unternehmen beim globalen Marketing für ihre Produkte ist ein Nachteil im Wettbewerb.Es ist ja noch nicht lange her, daß in amerikanischen Unternehmen eine Mentalität nach Art der "splendid isolation" herrschte: Unser Land und damit unsere Absatzmärkte sind so gewaltig, was müssen wir uns da um den Export kümmern?

Europa muß die Drohungen aus Washington ernst nehmen, auch wenn es glaubt, die amerikanischen Vorwürfe intelligent widerlegen zu können.Die Geschichte des amerikanisch-europäischen Handels in den vergangenen fünfzig Jahre lehrt, daß es immer wieder Anlaß zu Mißverständnissen und Fehlreaktionen gab.In einen richtigen Handelskrieg ist allerdings noch keiner dieser Konflikte ausgeartet.

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