Utz Claassen : "Grob unwahr und geradezu grotesk"

Nach seinem Rücktritt als Chef von Solar Millennium weist Utz Claassen alle Vorwürfe zurück: Die Gründe für seinen Schritt lägen allein im Unternehmen.

Utz Claassen.
Utz Claassen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Claassen, wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Exzellent.

Sie sind nicht todkrank und deswegen bei Solar Millennium zurückgetreten?

Nein. Ich war und bin bei bester Gesundheit. Spekulationen, ich hätte mein Amt aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt, sind grober Unfug.

Gab es andere private Gründe?

Nein. Auch der Tod meines Bruders wurde ja als angeblicher Grund kolportiert. Der Tod meines Bruders hat mich natürlich tief getroffen. Aber kein professioneller Manager legt sein Amt wegen eines solchen, wenn auch noch so traurigen Ereignisses nieder.

Was können Sie denn über die Gründe Ihres Rücktritts sagen?


Ich habe mein Amt ganz sicher nicht aus einer Laune oder aus einem nichtigen Anlass niedergelegt. Für meinen Schritt gibt es gute professionelle Gründe, die dem Aufsichtsrat wie auch dem Vorstand sehr wohl bekannt sind. Ich habe die Gründe am Tag meiner Amtsniederlegung eingehend und ausführlich einem Vorstandskollegen in einem fast einstündigen Telefonat erläutert. Einen Tag später habe ich meine Gründe dem Aufsichtsratsvorsitzenden nochmals eingehend und im Detail erläutert. Niemand im Vorstand oder Aufsichtsrat konnte oder kann von meinem Schritt überrascht sein. Ich stehe dem Unternehmen selbstverständlich bei weiterem Erklärungsbedarf gern zur Verfügung. Und wenn es gewünscht wird, teile ich Aufsichtsrat, Vorstand und Belegschaft meine Gründe gern auch nochmals schriftlich mit. Bisher hat mich allerdings niemand um weitere Erläuterung gebeten.

Das Unternehmen sagt, Sie hätten den Wunsch geäußert, dass über Ihre Gründe nicht öffentlich gesprochen wird.

Von einem solchen Wunsch kann keine Rede sein, im Gegenteil: Ich habe bisher einzig und allein im Interesse des Unternehmens darauf verzichtet, die Gründe im Detail öffentlich zu erörtern. Ich lasse mich aber jederzeit dazu autorisieren: Auf Wunsch von Vorstand oder Aufsichtsrat bin ich gern bereit, öffentlich Transparenz über die Gründe meiner Amtsniederlegung zu schaffen, etwa mit einem offenen Brief oder einer Pressekonferenz.

Würde nicht eine Pressemeldung reichen?

Nein, wohl kaum. Allein meine summarische Zusammenfassung der diesbezüglich relevanten Abläufe, Vorgänge und Hintergründe füllt 27 Din-A4-Seiten.

Sie würden die Gründe für Ihren Rücktritt wirklich öffentlich machen, wenn das Unternehmen Sie auffordert oder autorisiert?

Selbstverständlich! Ich hätte damit überhaupt kein Problem, denn ich habe vom ersten bis zum 74. Tag meiner Amtszeit und bei und nach der Amtsniederlegung jederzeit vollkommen professionell gehandelt. Nach drei erfolgreichen Sanierungen und insgesamt fast 14 Jahren in Vorstandspositionen bin ich kein Amateur.

Laut Ihrem Anwalt Klaus Menge liegen die Gründe in Kultur und Corporate Governance des Unternehmens. Was heißt das?

Ich denke, der Wortlaut ist klar. Ich habe dieser Formulierung vorerst nichts hinzuzufügen.

Bei der Bekanntgabe des neuen Vorstandssprechers hat der Aufsichtsrat erklärt, das Unternehmen bleibe weiterhin den Stärken seiner Unternehmenskultur treu. Empfinden Sie das als nachträgliche Kritik?

Nein, gar nicht. Das bestätigt mir, dass meine Entscheidung richtig ist.

Es steht der Vorwurf des Bilanzbetrugs im Raum. Liegt Ihr Rücktritt darin begründet?

Erkenntnisse über eventuelle Falschbilanzierungen lagen und liegen mir nicht vor. Ich möchte allerdings der guten Ordnung halber darauf hinweisen, dass ich während des Geschäftsjahres 2008/09 nicht einen einzigen Tag im Amt war. Ich kann die Geschäftsereignisse in diesem Zeitraum also naturgemäß nicht originär bewerten, auch wenn die Veröffentlichung der Bilanz in meine Amtszeit fiel. Mit den Jahresabschlüssen davor hatte ich ohnehin gar nichts zu tun.

Sie haben keine Strafanzeigen gegen Verantwortliche des Unternehmens erstattet. Das bedeutet, dass Sie keine Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante oder fragwürdige Vorgänge hatten. Korrekt?

Ich sah mich nicht veranlasst, gegen irgendwen oder wegen irgendwas Anzeige zu erstatten, da mir Erkenntnisse oder gesicherte Anhaltspunkte über strafbare Handlungen nicht vorlagen.

Sie unterscheiden zwischen Anhaltspunkten und Erkenntnissen?

Ja, sicher, das tue ich ganz generell, genauso, wie ich zwischen strafbar, rechtswidrig und fragwürdig unterscheide.

Können Sie das an einem ganz allgemeinen Beispiel verdeutlichen?

Wenn Sie verheiratet sind und dennoch täglich mit fünf anderen Frauen schlafen, ist das nicht rechtswidrig und ganz sicher nicht strafbar, aber dennoch moralisch mehr als fragwürdig. Sie dürften sich also ganz sicher nicht wundern, wenn sich Ihre Frau, sobald sie davon erfährt, unverzüglich von Ihnen trennt.

Wann könnte das rechtswidrig werden?

Vielleicht dann, wenn Sie dabei in fünf verschiedenen Rollen aufträten, wechselseitige Verquickungen und Verstrickungen schafften und die Frauen so in ein Abhängigkeitsverhältnis brächten.

Zurück zu Solar Millennium: Sie seien untergetaucht und für das Unternehmen nicht mehr erreichbar, heißt es.

Das ist grob unwahr und geradezu grotesk. Ich bin auch nach meiner Amtsniederlegung in intensivem Kontakt mit Vorstandsmitgliedern und dem Erlanger Büro gewesen. Wenn man die im Sinne einer höchst professionellen Amtsübergabe geführten Telefonate zusammenzählte, käme man auf viele Stunden.

Ihren Rücktritt sollen Sie dem Unternehmen per Fax mitgeteilt haben.

Auch das ist falsch. Ich bin überrascht, wie man so etwas überhaupt allen Ernstes glauben konnte. Ein solches Amt kann man gar nicht rechtswirksam per Fax niederlegen. Und wenn Sie jetzt nach der angeblich per Boten zurückgeschickten Firmenkreditkarte fragen: Ich habe zu keinem Zeitpunkt meiner Amtszeit über eine Firmenkreditkarte verfügt.

Sie hatten nach längerer Pause erstmals wieder operative Verantwortung als Vorstandschef eines Unternehmens, sind aber nach nur kurzer Zeit wieder ausgestiegen. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Zunächst eine wirkliche Erweiterung meines bisherigen Erlebnis- und Erfahrungsspektrums. Die Situation hätte ich mir gleichwohl ganz anders gewünscht. Aber man muss zu jedem Zeitpunkt seiner Relation zu einem Unternehmen in höchstem Maße professionell und angemessen handeln. Das habe ich getan. Und man muss den Mut haben, konsequente Entscheidungen zu treffen. Den habe ich gehabt.

Haben Sie keine Sorge, dass die kurze Amtszeit von 74 Tagen Sie diskreditiert?

Nein. Der Sachverhalt, dass man klare, konsequente und professionell angemessene Entscheidungen trifft, diskreditiert einen nicht, sondern qualifiziert einen. Ich habe mein Amt nicht niedergelegt, weil ich mich von meinen früheren Grundsätzen verabschiedet hätte, sondern weil ich mich daran gehalten habe.

Was halten Sie von dem Unternehmen, das Sie gerade verlassen haben?

Ich habe in Erlangen ein Team vorgefunden, das mich menschlich und professionell nicht nur beeindruckt, sondern teilweise geradezu berührt hat.

Was halten Sie, als jetzt Außenstehender, von dem Fokus des Unternehmens?

Das Unternehmen bewegt sich im Markt der solarthermischen Stromerzeugung, einem Markt, der spannender nicht sein könnte. Ich glaube nach wie vor, dass nur die Solarenergie das Potenzial hat, an die Stelle der Kernenergie zu treten. Die Solarenergie kann, muss und wird die Kernenergie eines Tages ersetzen. Bei der solarthermischen Stromerzeugung ist das Problem der Speicherung schon technisch gelöst.

Das Interview führte Moritz Döbler.

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