Wirtschaft : Uwe Kolter

Geb. 1953

Susanne Burkhardt

Wenn die Anerkennung fehlt, fehlt auch der Rest. Start. Ein Wort auf einem Stoffbanner, wie für ein Sportfest über die Mulackstraße gespannt. Berlin Mitte, 1992. Auf der Straße verteilt: grob ausgesägte Holzbuchstaben. Passanten legen Worte aus ihnen. „Liebe“, „Angst“, „Tod“. In einem großen eisernen Korb brennt Feuer. Am Bordstein schlägt ein Mann aus Schieferplatten neue Buchstaben. Versunken und konzentriert, kurz lächelnd, wenn ein Bekannter das Blickfeld streift. Für jeden der Schieferbuchstaben endet ein hölzerner im Feuer. Die Worte verändern sich, entstehen neu. Flüchtiges Material, ersetzt durch dauerhaftes, dauerhaft für den Moment.

Die „alten Sachen“ – so nannte Kolter etwas spöttisch seine Arbeiten, sobald sie fertig waren. Am Ende „meine Kinder“. Die Holz-, Beton- oder Steinskulpturen behandelte er, wie man Kinder behandeln sollte: Er ließ sie gedeihen, er mühte sich für sie, liebte sie uneingeschränkt. „Dies Gedicht schrieb ich dem Stein/ und in voller Liebe/um zu formen was sollt’ sein/braucht es tausend Hiebe!/ Wer denkt da an böse Schläge“.

Und da war auch die Sorge, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Wann aufhören? Wann eine Arbeit für fertig erklären? Wie vermeiden, dass am Schluss jede Kante abgeschliffen ist? Er ermahnte sich immer wieder selbst, diesen Augenblick nicht zu versäumen.

In seinen Skulpturen und Aktionen ging es ihm fast immer um Begriffe. „Utopie“ zum Beispiel stand in Leuchtschrift auf einer Satellitenschüssel. Befestigt an einem Gestell, trug er sie wie ein Tubaspieler sein Instrument über dem Kopf. Begleitet von Freunden, ebenfalls mit Schüsseln auf denen „Würde“, „Heimat“ oder „Lebensmittel“ leuchtete, lief er durch die Documenta in Kassel, obwohl niemand ihn eingeladen hatte.

Kaiserslautern hatte Kolter früh verlassen. Als Steinmetz und später als Meisterschüler von Rebecca Horn lernte er Handwerk und Kunst in Berlin. Viele kannten ihn – und doch nur wenige. Seinen wirklichen Namen die wenigsten. Kolter war der Kolter. Kein Vorname, kein Nachname. Der Kolter saß im „Hackbarths“, als es noch die angesagteste Adresse von Berlins Mitte war. Den Kolter traf man am Wochenende auf dem Flohmarkt am Arkona-Platz auf der Suche nach Brauchbarem und nach Begegnungen. Er war ein Sammler: Für ihn hatten auch die Dinge eine Würde. Sein Bedürfnis, Werte zu erhalten, passte zu seiner Vorliebe für das Schlichte und Bodenständige: Brot, Leberwurst und Radieschensalat, so klar und derb wie seine Sprüche, mit denen er zufällige oder enge Bekannte provozierte (aber nie verletzte).

Kolter zog viele an. Doch nur die wenigsten wussten von seiner Angst, die immer da war. Verdeckt hinter Scherzen, Neugierde und Galgenhumor. Hinter seiner Liebe zu Kindern, die er selbst nie hatte.

Wann hat es angefangen? Das langsame Zweifeln am eigenen Schaffen, am eigenen Sein? Die Ärzte nannten es Depression. Er suchte Hilfe. Doch da war auch diese Einsicht, als Künstler nie das erreicht zu haben, was er eigentlich wollte. Dass der Erfolg immer den anderen gehören würde. Wenn dem Künstler Anerkennung fehlt, fehlt auch das Geld. Hoffnung? Würde? Lebensmittel? Die Probleme des Alltags – unüberwindbar.

Die Lust an Streitgesprächen nahm ab. Das Spiel mit der Provokation – ausgespielt. Drei Tage noch bis zur Zahlung eines Stipendiums. Zum zweiten Mal die Ehrengabe des Bundespräsidenten für Künstler, die sich im öffentlichen Raum verdient gemacht haben. Zu spät. Zu wenig. „Es schmerzt mich, die Oberflächlichkeiten aufrechtzuerhalten“. Ein Satz, der zur letzten Aktion gehörte. Sie war genau geplant. Und sie war einsam. Die Flasche Rotwein, die Abschiedsmails und -texte. Das Atelier im Wedding, sein letzter Auftrittsort. Hier, wo er dreißig Jahre gelebt und gearbeitet hatte, war der Schatten größer geworden als das Licht, das ihn erzeugte. „Ich habe keine Träume mehr.“ Am Ende hoffte er auf einen neuen Start in einer anderen Welt.

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