Wirtschaft : Vater der Ostpakete geht in den Westen

ERIC BONSE

Marketing-Spezialist trommelt künftig in Niedersachsen für Öko-ProdukteVon ERIC BONSE

PARIS."Das Problem stellt sich erst später." Mit diesen Worten beschied die französische Regierung noch im April Neugierige, die sich nach dem künftigen Präsidenten der künftigen Europäischen Zentralbank (EZB) erkundigten.Nun stellt sich das Problem in aller Härte: Wim Duisenberg oder Jean-Claude Trichet ­ um diese beiden Kandidaten dürfte ein heftiges deutsch-französisches Tauziehen beginnen.Der Holländer Duisenberg, gegenwärtig Präsident des Europäischen Währungsinstitut, gilt bereits seit Monaten als Wunschkandidat von Bundesregierung und Bundesbank für den künftigen Euro-Führungsposten.Gestern hat Paris überraschend seine Trumpfkarte ausgespielt.In einer gemeinsamen Erklärung ­ ein Unikum seit Beginn der Kohabitation im Juni ­ sprechen sich Präsident Jacques Chirac und Premier Lionel Jospin offiziell für den Gouverneur der Banque de France, Jean-Claude Trichet, aus. Eine Überraschung ist diese Gegenkandidatur nicht.Paris hat sich bereits seit Monaten gegen das Prinzip gewehrt, wonach der Präsident des Europäischen Währungsinstituts automatisch zum Chef der künftigen EZB gekürt werde.Weder die frühere Regierung Juppé noch die jetzige Regierung Jospin hat sich für Duisenberg ausgesprochen.Dahinter steht weniger Mißtrauen gegenüber dem Holländer ­ selbst in Paris werden die Qualitäten dieses "frankophilen Sozialdemokraten" (Le Monde) gelobt.Dahinter steht vielmehr die grundsätzliche Überlegung, daß der Euro nicht allzu sehr nach deutschem Gusto gestaltet und geführt werden dürfe. Gaullisten wie Sozialisten glauben, daß Frankreich bereits genug Konzessionen gemacht habe.Die EZB wird ihren Sitz in Frankfurt haben, ihr Statut entspricht weitgehend dem der Bundesbank.Die künftige Gemeinschaftswährung wurde auf Drängen Bonns in "Euro" umbenannt, obwohl im Maastricht-Vertrag von "ECU" die Rede war.Ihr wurde mit dem Stabilitätspakt ein strenges finanzpolitisches Korsett verpackt ­ wiederum auf Wunsch von Finanzminister Theo Waigel.Schließlich mußte Paris auch noch bei der Frage nachgeben, wie die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Euro-Staaten kooridiniert wird: Die von Jospin gewünschte "Wirtschaftsregierung" wird es nach den jüngsten deutsch-französischen Beschlüssen von Münster nicht geben. Vor diesem Hintergrund ist das noch offene Problem der EZB-Präsidentschaft für Paris fast so etwas wie eine Ehrenfrage geworden, von der Macht des künftigen "Euro-Herrn" ganz zu schweigen.Nicht ganz durchsichtig ist hingegen, warum Chirac und Jospin ausgerechnet jetzt Trichet ins Rennen werfen ­ just vor dem Paris-Besuch von Bundeskanzler Kohl am heutigen Mittwoch und dem französischen-britischen Gipfel am Donnerstag.Möglicherweise sahen sie sich dazu durch "undichte Stellen" in Brüssel oder anderswo gezwungen ­ nach Pariser Darstellung waren EU-Ratspräsidnet Jean-Claude Juncker und "andere EU-Partner" in Trichets Kandidatur eingeweiht.Womöglich reagieren sie aber auch auf allzu triumphierende deutsche Euro-Kommentare: So sprach Waigel davon, daß die europäische Geldpolitik künftig "in Frankfurt, in Deutschland" gemacht werde.SPD-Kandidat Schröder sagte, mit dem Euro werde sich die wirtschaftliche Stärke Deutschlands "erst recht durchsetzen". Eine andere Frage ist, ob die Pariser Regierung tatsächlich an die Wahl "ihres" Kandidaten glaubt.Gewiß, der ehemalige Wirtschafts- und Finanzminister Trichet kann eine tadellose Karriere vorweisen.Er führte die Banque de France seit 1993 erfolgreich in die Unabhängigkeit und wird selbst von Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer geschätzt.Doch auch in Frankreich kennt man das Sprichwort: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.Sollte es zwischen Bonn und Paris also zum Streit kommen ­ und vieles spricht dafür -, dürfte bald schon die Suche nach einem Kompromißkandidaten beginnen.

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