Wirtschaft : Vater Horacio betet für den Euro

Alessandra Galloni Velada

Normalerweise bereitet Vater Manuel Horacio seine älteren Gemeindemitglieder auf das Reich Gottes vor. Dieser Tage jedoch predigt er über das Kommen des Euros. "Stellen Sie sich auf das neue Geld ein", bittet er inständig seine Gemeinde. Etwa 30 Männer und Frauen - die meisten zwischen 60 und 80 Jahre alt - haben sich vor einer weißen Porzellanstatue der Mutter Gottes mit vier flackernden roten Kerzen versammelt, ihre Gesangsbücher umklammert. "Lassen Sie sich nicht übers Ohr hauen", sagt Vater Horacio weiter. "Was sagen Sie, wenn jemand vor Ihrer Tür steht und Sie auffordert, ihre Escudos auszuhändigen?" Die Gemeinde tönt unisono: "Gehen Sie weg".

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Vater Horacio ist keine Ausnahme. Hunderte portugiesischer Priester sind in einer Mission des Staates unterwegs. Sie sollen arme, ungebildete Bauern vor Betrügern schützen, wenn am 1. Januar die D-Mark, der Franc und der Escudo dem Euro Platz machen. Und so schwärmen die katholischen Priester aufs Land und führen einen heiligen Krieg gegen Euro-Betrügereien.

Angst vor Kriminellen und Fälschern herrscht in allen zwölf EU-Ländern, die in vier Wochen die einheitliche Währung einführen. Man rechnet vor allem in den ersten Januartagen mit Schwindel, wenn die Bevölkerung mit den neuen Geldscheinen und Münzen noch nicht so vertraut ist. Aufklärung ist in Portugal besonders vonnöten. Denn das Land hat eine der höchsten Analphabetenquoten Europas und viele arme Gegenden - und das wird seit einiger Zeit von Schwindlern ausgenutzt. So tauchten Kleinkriminelle in abgelegenen Ortschaften wie dem 450-Seelen-Dorf Velada in der Weinanbauregion Alentejo in Ostportugal auf und täuschten vor, Sozialarbeiter zu sein. Die Verbrecher brachten einige Einwohner dazu, ihnen Escudos zu geben - gegen das Versprechen, sie bekämen später Euros dafür. 20 derartiger Fälle seien in seinem Zuständigkeitsbereich gemeldet worden, sagt Paulo Oliveira, ein Polizist im südlichen Alentejo. "Die Betrüger erzählen den Leuten, sie würden für sie ihre Escudos in die neue Währung umtauschen", sagt er.

Ein 66-jähriger Rentner habe auf diese Weise 300000 Escudos (1500 Euro) verloren, sagt Vater Luis Pereira, ein Euro-Evangelist in der Region Ourique. Der Mann sei von den Schwindlern ein zweites Mal besucht worden. Sie hätten ihn an seinen Bettpfosten gefesselt und ihn geschlagen, als er sich weigerte, ihnen weitere Escudos zu geben. "Jetzt verschwindet er im Haus, sobald sich ein Auto nähert. Und er öffnet niemandem die Tür, der nicht das Passwort hat", sagt der 37-jährige Priester. "Und das Passwort kennen nur sein Nachbar, der Bäcker und ich." Von Vorfällen wie diesen alarmiert, erkannte man in Lissabon, dass bisherige Anstrengungen nicht ausreichten. Um die zehn Millionen Portugiesen gut zu informieren, müsse mehr getan werden, als Abbildungen des Euros und Rechner zur Währungsumrechnung in den Städten zu verteilen, stellte die "Kommission für den Euro", eine staatlich finanzierte Agentur in Lissabon, fest. Viele ältere Portugiesen leben in armen, abgelegenen Regionen und acht Prozent der Portugiesen über 15 sind nach Angaben der Weltbank Analphabeten. "Wir traten an die katholische Kirche heran, weil die Menschen in ländlichen Regionen niemandem mehr vertrauen als ihrem Priester", sagt Graca Nunes da Silva, eine Sprecherin der Kommission.

Und so klettert Vater Horacio jede Woche in seinen VW Golf, fährt durch dreckige Straßen und Olivenhaine und dreht seine Runden. Der 62-Jährige ist Priester der Gemeinde des Heiligen Geistes in Nisa, einem mittelalterlichen Ort, der wegen seines Käses, seines Handwerkes und der Herstellung von Ziegelsteinen bekannt ist. Seit Mai hat er mehr als zehn Vorträge über den Euro in den umliegenden Orten gehalten. Und er hat vor, dass bis mindestens Februar fortzusetzen. "Viele der hier lebenden Menschen lesen nicht und haben keinen Fernseher. Wo sollen sie sich also sonst informieren?", fragt der Priester, der 28 Jahre lang als Missionär in Mosambik war, bevor er in New York Soziologie studiert hat. An einem Freitagnachmittag hält er in einem großen, unbeheizten Raum des Seniorenheims einen Euro-Vortrag. In der behelfsmäßigen Kapelle, wo sonst gegessen wird, schüttelt Vater Horacio dem Bürgermeister Jose Dias die Hand. Dann umarmt er herzlich die

72-jährige Deolinda Gonzalves, die mit ihren fünf Cousinen - alle Einwohner von Velada - da ist. Während die Gemeindemitglieder sich unterhalten, zieht der Priester ein Bündel glänzender Euro-Noten und Münzen aus einer großen, schwarzen Brieftasche und heftet sie sorgfältig an eine weiße Tafel, die auf einem Stuhl nahe des Altars steht. Dann verteilt er Broschüren mit Abbildungen der neuen Währung.

Anschließend hebt Vater Horacio beide Hände, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er beginnt den Unterricht mit der Frage, wann das Euro-Bargeld in den Umlauf kommt. "Am 1. Januar", singen sie. Er erklärt, dass der Escudo und der Euro beide bis Ende Februar im Verkehr sein werden und dass der Escudo danach nicht mehr gültig sein wird. Mit gehobener Stimme weist er die Gemeinde darauf hin, dass die Währung nur bei der Bank umgetauscht werden sollte, und nicht bei Händlern an der Tür. "Seien Sie auch im Supermarkt vorsichtig", fügt er hinzu.

Nachdem er mit ihnen das Umrechnen von Escudo auf Euro an mehreren Beispielen geübt hat, öffnet Vater Horacio sein Gebetsbuch und singt mit der Gemeinde. Ein Abschlusssegen, ein Zeichen des Kreuzes und die Gemeindemitglieder laufen zur Tür. Doch er hat nicht jeden vom Euro überzeugt. Die 73-jährige Rentnerin Rosaria Marques bleibt hinter den anderen zurück und wendet sich an den Priester. "Es ist alles sehr verwirrend", sagt sie. "Deshalb wird ab Januar meine Tochter alle Einkäufe für mich machen."

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