Vatikanbank öffnet sich : Papst Franziskus im Geld-Paradies

Mit Transparenz, Untersuchungen und schärferen Regeln kämpft der Vatikan für ein sauberes Image. Bis Jahresende sollen alle 18.900 Konten durchleuchtet sein.

von
Mehr Durchblick. Papst Franziskus selbst setzte einen Untersuchungsausschuss ein.
Mehr Durchblick. Papst Franziskus selbst setzte einen Untersuchungsausschuss ein.Foto: dpa

Die Festung öffnet sich. Aus ihrem monumentalen, spätmittelalterlichen Wehrturm ist die Vatikanbank plötzlich ins Internet getreten. Das „Institut für Werke der Religion“ (IOR) präsentiert sich der Welt auf einer Online-Seite von blütenweißer Eleganz, ohne Schnickschnack, ohne Geheimniskrämerei. Und auf einmal, das war noch nie da, steht man mittendrin: in der kreisrunden, schmucklosen Schalterhalle, die im Bollwerk aus dem 15. Jahrhundert ein ganzes Stockwerk ausfüllt. Der Pförtner wundert sich nicht einmal, wenn man ihn nach dem Weg zur Chefetage fragt. Wortlos zeigt er auf den Lift.

Zu rigoroser Transparenz hat sich das IOR entschlossen, seit der Deutsche Ernst von Freyberg im Februar dort Präsident geworden ist. Die Öffentlichkeitsarbeit hat der 55-Jährige in Umgehung der vatikanischen Dienstwege auch gleich selbst in die Hand genommen: Schon in seinen ersten Amtstagen hat er eine Münchner PR-Agentur angeheuert, die nun den Kontakt zu den Journalisten pflegt.

Seit Anfang Juli – als Folge staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen – die beiden Geschäftsführer des IOR, Paolo Cipriani und Massimo Tulli, zurückgetreten sind, führt von Freyberg auch die operativen Tätigkeiten des päpstlichen Geldinstituts. Und trotz der grandiosen Aussicht auf den Petersplatz ist der Presidente aus seinem Büro ausgezogen. Dort arbeiten jetzt, dicht um viele Computer gedrängt, an die 20 junge Finanzdetektive. Sie kommen von der US-amerikanischen Firma Promontory, die auf Unternehmensberatung und Bekämpfung von Geldwäsche spezialisiert ist.

Päpstliches Erschrecken über die Zustände

Bis Jahresende wollen sie alle 18 900 Konten des IOR durchleuchtet haben: Gehören sie tatsächlich den Klerikern, den Ordensgemeinschaften oder den Vatikanbediensteten, die als Inhaber eingetragen sind, oder verstecken sich dahinter Leute, die alles andere als fromme Interessen haben? Gibt es zweifelhafte Finanzbewegungen? Auffällige Verschiebungen bedeutender, nicht deklarierter Bargeldmengen? Aber einen Koloss wie Promontory auf ein Geldinstitut anzusetzen, das mit 7,1 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen (2012) kleiner ist als manche deutsche Kreissparkasse – heißt das nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen? Gewiss nicht, sagen die freundlichen Mitarbeiter der PR-Agentur: Beim weltweiten „Kampf gegen die Geldwäsche und die Finanzierung des internationalen Terrorismus“, dem sich der Vatikan nun anschließen will, „kann keine Kanone groß genug sein“.

Auf dem Tisch der IOR-Presseleute liegt ein hundertseitiger Bericht, den Journalisten vorerst nur von außen zu sehen bekommen: Die Untersuchungen von Promontory zu Nunzio Scarano. Der Monsignore hatte Ende Juni seinen Arbeitsplatz in der Buchhaltung der Vatikanischen Güterverwaltung mit einer Zelle im römischen Gefängnis „Zur Himmelskönigin“ („Regina Coeli“) tauschen müssen. Italienische Staatsanwälte beschuldigen ihn des Schwarzgeldschmuggels. Für einen neapolitanischen Reeder – von dem er für ungeklärte Gegenleistungen auch noch eine Art Gehalt bezog – soll der Priester versucht haben, mehr als 20 Millionen Euro illegales Bargeld aus der Schweiz zu holen; darüber hinaus habe er seine gehobene Stellung im Vatikan für krumme Kumpel-Geschäfte über das IOR genutzt.

Im Umfeld dieses Falles und im päpstlichen Erschrecken darüber, dass so etwas im eigenen Hause immer noch möglich war, passierten dann gleich mehrere wegweisende Dinge: Mit handschriftlichem Erlass („So haben Wir beschlossen...“) setzte Franziskus am 24. Juni einen ausschließlich ihm selbst zugeordneten Untersuchungsausschuss zum IOR ein und entmachtete damit faktisch die fünfköpfige Kardinalskommission, die das Geldinstitut beaufsichtigen sollte. Im nächsten Erlass berief der Papst am 18. Juli ein achtköpfiges Expertengremium zum Umbau der vatikanischen Finanz- und Wirtschaftswelt, welchem das IOR eines Tages auch zum Opfer fallen könnte. Und während er in dieser Runde nur vatikan- externe Personen versammelte, schob Franziskus am 8. August eine „Kommission zur Finanzsicherheit“ hinterher, in welcher er die zuständigen Kurienchefs an einen Tisch mit der Vatikan-Gendarmerie und der Finanzaufsicht zwingt.

Ein großer Brocken bleibt

Dieser von Benedikt XVI. begründeten Vatikanischen Finanzaufsicht (AIF) unter Führung des Schweizer Antigeldwäsche-Spezialisten René Brülhart gelang es, Frieden mit der italienischen Nationalbank zu schließen. Im Memorandum vom 26. Juli verpflichten sich beide Seiten zum vereinten Kampf gegen Geldwäsche und zum Austausch einschlägiger Informationen. Im Fall des Monsignor Scarano konnten sie gleich damit beginnen. Vor einer Woche hat Papst Franziskus die Befugnisse der AIF auch noch so erweitert, wie es die „Moneyval“-Kommission des Europarats 2012 in ihrem Untersuchungsbericht verlangt hatte: War die AIF bisher nur Melde- und Registrierstelle für Fälle von Geldwäsche, so kann sie nun auch vorbeugend tätig werden – so umfassend wie in Deutschland die Bankenaufsicht Bafin und so stark wie im Vatikan bisher nur der Papst. „Wir sind auf dem rechten Weg“, resümiert Brülhart, „aber zum Beispiel bei der praktischen Umsetzung sind noch einige Schritte zu gehen.“

Dann bleibt noch ein großer Brocken: Die APSA, die Vatikanische Güterverwaltung, in der Don Scarano gearbeitet hat. Da geht es nicht nur um kunsthistorisch wertvolle und auf dem Wohnungsmarkt begehrte Immobilien, da geht es auch um die Anlageformen eines Kapitalvermögens von nominell 680 Millionen Euro. In den Beratergremien der APSA sitzen bisher zahlreiche Vertreter des römisch- hauptstädtischen Finanzklüngels, untereinander verbandelt und manche Familie – unhinterfragt – schon in zweiter oder gar dritter Generation. „Der Vatikan ist denen ausgeliefert wie mittelalterliche Päpste dem römischen Stadtadel“, meint ein langjähriger Beobachter, der seinen Namen nicht genannt haben will: „Spätestens wenn Franziskus in dieses Wespennest sticht, gibt’s Ärger.“

1 Kommentar

Neuester Kommentar