Vattenfall-Chef Hatakka : "Ohne Kohle geht es nicht"

Tuomo Hatakka, Chef des Energieversorgers Vattenfall Europe, über Strompreise, saubere Kohlekraftwerke und den Neustart des Atomreaktors in Krümmel.

275344_0_93a1e8ee.jpg
Tuomo Hatakka. „Unter Berücksichtigung der Inflation ist unser Strom deutlich billiger geworden.“ Foto: Mike Wolff

Herr Hatakka, wann senken Sie endlich die Strompreise?



Wir haben für 2008 und 2009 stabile Preise versprochen, und dieses Versprechen halten wir, während gleichzeitig andere ihre Preise erhöht haben. Wie wettbewerbsfähig unsere Preise und unser Service sind, beweisen die Verbraucher: In den vergangenen sechs Monaten haben wir mehr Kunden in Berlin gewonnen als verloren.

Marktführer Eon argumentiert, die deutlich gesunkenen Preise für Öl, Gas und Kohle würden sich demnächst auch in niedrigeren Verbraucherpreisen niederschlagen. Warum gilt das nicht für Vattenfall?


Wenn die Großhandelspreise an der Strombörse sinken, hat das mit Zeitverzögerung auch einen Effekt auf die Endkundenpreise. Ich werde hier nicht spekulieren, ob das bedeutet, dass die Preise fallen. Das hängt auch davon ab, wie die Entwicklung weiter verläuft. Tatsache ist, dass wir die Preise in Berlin und Hamburg für mindestens zweieinhalb Jahre stabil halten. Und das bedeutet unter Berücksichtigung der Inflation, dass unser Strom deutlich billiger geworden ist.

Vattenfall Europe hat im ersten Quartal den Gewinn um 36 Prozent gesteigert. Da gibt es Luft für eine Preissenkung.


Wenn Sie unsere Preise mit den Wettbewerbern vergleichen – in Berlin gibt es davon mehr als 100 – dann werden Sie feststellen, wie konkurrenzfähig wir sind.

Der Bundestag hat gerade das Energieleitungsausbaugesetz verabschiedet, um die Modernisierung und den Ausbau der Stromnetze zu forcieren. Werden diese Investitionen den Strom teurer machen?


Bei der Preisentwicklung gibt es viele Faktoren: Wegen der Wirtschaftskrise sind die Rohstoffpreise gefallen und die Industrie braucht weniger Strom, dadurch sinken die Großhandelspreise für Strom. Mittelfristig wird sich der Trend wieder drehen. Deutschland und Europa insgesamt haben große Klimaschutzambitionen. Die Erzeugung des Stroms mit erneuerbaren Energien ist teurer als Strom aus Kohle- oder Atomkraftwerken. Schließlich sind enorme Investitionen für den Netzausbau erforderlich, der absolut notwendig ist, damit mehr Strom aus Wind und Sonne eingespeist werden kann.

Vattenfall braucht angeblich rund 1,5 Milliarden Euro, um allein die Windkraftanlagen in der Ostsee an das Festlandsnetz anzukoppeln.


Wir haben ein Investitionsprogramm von 2,5 Milliarden Euro für den Übertragungsnetzbereich in den kommenden zehn bis 15 Jahren aufgestellt. Die Regulierungen der Netze erschweren allerdings weiterhin die Investitionen. Mit dem jüngsten Gesetz gibt es Verbesserungen, aber das reicht noch nicht.

Wollen Sie deshalb das Hochspannungsnetz verkaufen?

Den Anstoß zum Verkaufsprozess gab in erster Linie die seit Jahren andauernde Entflechtungsdebatte. Wir haben vor diesem Hintergrund alle Optionen für unser Netz sorgfältig geprüft und denken, dass ein Verkauf eine sinnvolle Lösung ist. Tatsache ist außerdem, dass es bei den derzeitigen Rahmenbedingungen sehr schwer ist, Investitionen in die Übertragungsnetze zu finanzieren. Die Liquidität unseres Übertragungsnetzbetreibers reicht dafür nicht und es ist derzeit unmöglich, für die Netze Kredite zu bekommen.

Was muss sich ändern, damit Investitionen attraktiver werden?


Die Regelung für die Aufwendungen, die uns durch das Ausregeln der EEG-Einspeisung entstehen, müssen verbessert werden. Wir werden heute erst zwei Jahre später dafür entschädigt und sollen Preisschwankungen der Börse auffangen. Zweitens bekommen wir nicht genug Geld, um die Kosten für die Netzverluste zu decken, obwohl wir uns bei der Beschaffung an die vom Regulierer vorgegebenen Verfahren halten. Und drittens wollen wir, dass unsere Investitionskosten bei der Genehmigung der Netzgebühren, die wir gegenüber Dritten verlangen dürfen, besser berücksichtigt werden. Zu den ersten beiden Punkten sind wir mit der Netzagentur in einem konstruktiven Dialog, bei dem dritten Punkt sehen wir noch Klärungsbedarf, da ansonsten trotz des gerade verabschiedeten Ausbaugesetzes keine Finanzierung darstellbar ist – und zwar unabhängig von der derzeitigen Finanzkrise.

Stockt wegen dieser Punkte der Verkauf des Hochspannungsnetzes?

Es gibt eine kleine Verzögerung, aber die gehört zu einem solchen Prozess. Wir haben mehrere glaubwürdige, finanzstarke Investoren, die ernsthaft an unserem Netz interessiert sind und unseren Kriterien gerecht werden und die auch Erfahrung haben mit solchen stark regulierten Infrastrukturinvestitionen.

Der Netzverkauf würde Vattenfall Milliarden bringen, die gebraucht werden, um die 8,5 Milliarden Euro teure Übernahme der niederländischen Nuon zu stemmen.

Wir brauchen „Cash-Flow“, unabhängig von Übernahmen, denn wir haben ein riesiges Investitionsprogramm. Das betrifft Ersatzinvestitionen und Ausgaben für Wachstumsprojekte. Und natürlich investieren wir in Innovationen und neue Technologien: Die hochmodernen Kohlekraftwerke in Hamburg-Moorburg und im sächsischen Boxberg sind Beispiele. Damit werden wir den Marktanteil in der konventionellen Stromerzeugung in Deutschland von zwölf auf 14 Prozent erhöhen.

Aber die Akzeptanz der Kohle schwindet.


Mit unseren Investitionen in die CO2-Abscheidung machen wir die Kohle umweltfreundlicher. Die Pilotanlage läuft mit positiven ersten Ergebnissen in Schwarze Pumpe, die Demonstrationsanlage planen wir in Jänschwalde.

In Berlin haben Sie sich gegen die Kohle und für Gas und Biomasse entschieden.

Die Entscheidung in Berlin war standortspezifisch und berücksichtigt die Bedürfnisse unserer Kunden und die Rahmenbedingungen. In Berlin werden wir rund eine Milliarde Euro investieren, um das Energiekonzept umzusetzen, das heißt die Modernisierung unserer Wärmeerzeugungskapazitäten in Berlin. Also, wir investieren viel! Natürlich kann man nicht alle Projekte fremdfinanzieren, von daher müssen wir dafür sorgen, dass unser eigener Cash-Flow ausreichend ist und dass Vattenfall profitabel bleibt.

Da machen wir uns keine Sorgen.

Ich schon. Wir spüren die Effekte der Wirtschaftskrise.

Der Gewinn der Vattenfall Europe wird sinken?

Das sage ich nicht, aber er wird unter Druck geraten. Die Herausforderungen für die kommenden 18 Monate sind zweierlei: Wir investieren viel, um unsere Strategie – Strom sauber zu machen – umzusetzen. Gleichzeitig sind wir mit der Krise konfrontiert. Das bedeutet, dass wir uns viel mehr auf operative Effizienz und Cash-Flow konzentrieren müssen.

Und Beteiligungen verkaufen?


Wir werden überprüfen, ob wir einige Beteiligungen an Stadtwerken verkaufen sollten, weil die nicht zum Kerngeschäft gehören. Das ist ein normaler unternehmerischer Prozess.

Auch die 32 Prozent an der Gasag?


Ich kann nur sagen, wir werden in den nächsten Monaten unser Stadtwerkeportfolio überprüfen. Für Teilaspekte ist es erheblich zu früh.

Man hört Gerüchte, dass Vattenfall sich von der Kohle verabschieden wolle.


Das wäre ja völlig widersprüchlich. Vattenfall ist der Technologieführer, wenn es darum geht, Kohleverstromung umweltfreundlich zu machen. Diese Vorreiterrolle haben wir uns hart erkämpft: Insgesamt investieren wir aktuell alleine in Deutschland 215 Millionen Euro in die CO2-Abscheidung. Und die großen Summen kommen ja erst noch: Für ein Demonstrationskraftwerk rechnen wir mit etwa einer Milliarde Euro. So etwas würden wir nicht planen, wenn wir uns von der Kohle verabschieden wollten.

Vermutlich funktioniert die CO2-Abscheidung und -speicherung großindustriell erst 2020. Und es gibt große Widerstände gegen den Transport und die Speicherung von CO2. Warum nicht gleich auf Gas und mehr Erneuerbare setzen?

In Deutschland und Europa haben Kohle und fossile Brennstoffe einen Anteil von mehr als 50 Prozent an der Stromerzeugung. Man kann auf absehbare Zeit ohne Kohle keinen Strom im großen Stil produzieren. Wenn wir den Klimaschutz ernst nehmen und die Klimaschutzziele erreichen möchten, müssen wir Lösungen finden, die Kohleverstromung umweltfreundlich zu machen. Deutschland kann nur Exportweltmeister bleiben, sofern die Industrie mit wirtschaftlich und effizient erzeugtem Strom versorgt wird. Ohne Kohle geht es nicht.

Seit zwei Jahren stehen die beiden norddeutschen Vattenfall-AKW still. Wann sind die Reparaturen abgeschlossen?

Für Krümmel werden wir den Antrag auf Wiederinbetriebnahme in den kommenden Wochen stellen. Weil wir bisher einen konstruktiven Dialog mit der Genehmigungsbehörde gehabt haben, gehe ich davon aus, dass wir den Reaktor ab diesem Sommer wieder hochfahren können.

Die Störfälle wurden für Sie zum massiven Imageproblem. Zugleich haben Sie lange die Erneuerbaren Energien vernachlässigt.

Haben wir, aber man muss auch aus der Vergangenheit lernen. Ich liebe es, wenn wir von unseren Kunden und Wettbewerbern herausgefordert werden. Dann bleibt man wach. Und jetzt holen wir massiv auf. In regenerative Energien investieren wir in den nächsten Jahren Milliarden.

Das Gespräch führten Alfons Frese und Kevin Hoffmann.


DER CHEF: Der 52-jährige Finne Tuomo Hatakka leitet seit 2008 den Vorstand der Berliner Vattenfall-Zentrale. Der Volkswirt arbeitete zuvor als Berater bei Bain. 2005 wurde er zu einem der Stellvertreter von Vattenfall-Konzernchef Lars Josefsson berufen. Er gilt als sein Kronprinz.

DAS UNTERNEHMEN:
In der Vattenfall Europe AG mit 21 000 Mitarbeitern bündelt der schwedische Staatskonzern sein Geschäft für Deutschland und Polen. Der Konzern entstand durch den Zusammenschluss mehrerer Regionalversorger, darunter der Berliner Bewag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben