Vattenfall-Chef Josefsson : "Zu viel Macht kann Vertrauen kosten"

Der Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson spricht mit dem Tagesspiegel über Strompreise, Atomkraft und den Verkauf des Hochspannungsnetzes. Der Schwede versteht die Einstellung der Deutschen zu Atomkraftwerken nicht - und will eine sachbezogenere Diskussion.

Josefsson
Guten Draht zur Bundeskanzlerin: Lars Göran Josefsson. -Foto: Thilo Rückeis

Herr Josefsson, Vattenfall hat vergangene Woche vor dem Bundesgerichtshof einen Prozess um die Höhe der Netzgebühren verloren. Sinken nun die Strompreise?

Nicht automatisch. Es geht ja um das Hochspannungsnetz, und das macht nur einen kleinen Teil dessen aus, was am Ende der Endverbraucher für den Strom zahlt. Wir als Unternehmen hatten auf jeden Fall verantwortlich kalkuliert.

Wie erklären Sie dann die Niederlage?

Dieser Teil des Netzes ist ein Monopol und wird reguliert von der Bundesnetzagentur. Das ist alles relativ neu und muss sich einpendeln. Wir sind noch in einer Lernphase. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofes respektieren wir natürlich. Um die Verbraucher zu schützen, geht es um eine bestmögliche Regulierung. Aber die Netze müssen sich rechnen, auch neue Investitionen in die Netze. Und das muss die Bundesnetzagentur mit berücksichtigen.

Das Hochspannungsnetz wird weniger rentabel. Wann verkaufen Sie das Netz?

Wir haben angekündigt, dass wir einen Prozess einleiten wollen, an dessen Ende wir die Hochspannungsnetze womöglich veräußern. Unabhängig von der Entscheidung des Gerichts. Mein Eindruck ist: Wenn man zu viele Positionen im Markt besetzt, dann kann das Vertrauen kosten. Vielleicht ist es besser, dass wir als Erzeuger und Verkäufer von Elektrizität das Höchstspannungsnetz nicht im Eigentum haben.

Das Image der Stromkonzerne ist so schlecht, weil die Macht so groß ist?

Möglicherweise wird es so empfunden. Das schlechte Image ist nicht positiv für die Branche, und auch nicht für die Energieversorgung insgesamt.

Wer kommt als Käufer für das Hochspannungsnetz in Frage?

Erstens müssen wir schauen, ob es respektable Investoren gibt, die langfristig in das Netz investieren, und zweitens, ob es einen anständigen Preis gibt. Interessenten gibt es reichlich, auch unter Finanzinvestoren.

Wie stehen die Chancen für eine Deutsche Netz AG, in die Eon, RWE, Vattenfall und EnBW ihre Netze einbringen?

Das ist hypothetisch. Ich schließe das nicht aus, aber es ist sehr kompliziert. Wichtig ist vor allem, dass der Netzausbau gesichert und die weitere Marktentwicklung gefördert wird.

Mindestens ebenso kompliziert sind Vattenfalls Kohlekraftwerksprojekte in Hamburg/Moorburg und Berlin.

Die Energiebranche ist eine komplexe und hochpolitische Branche. Es gibt verschiedene und teilweise widerstreitende Forderungen an uns, zum Beispiel geringe Stromkosten und gleichzeitig großer Klimaschutz. Unsere Aufgabe ist es, dies in Einklang damit zu bringen, die Firma nachhaltig zu managen und so viel Gewinn zu erwirtschaften, dass wir Investitionen finanzieren können.

Und was bedeutet das nun für Hamburg?

In Moorburg geht es um ein Steinkohlekraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung, das zu Europas umweltfreundlichsten Kraftwerken gehören würde. Manche sagen, wir sollten das mit Gas betreiben, aber Gas wäre als Brennstoff um bis zu 75 Prozent teurer. Es gibt also erhebliche Widersprüche. Unsere Aufgabe ist es, unsere Position besser zu erklären.

Jetzt haben Sie die Gelegenheit.

In Hamburg haben wir die Diskussionen und Abstimmungsprozesse 2006/07 geführt und gemeinsam mit dem Hamburger Senat die auch unter Umweltaspekten beste Lösung für die Stadt entwickelt. Wir haben alles, was wir konnten, getan. In puncto Energiemix sind wir grundsätzlich davon überzeugt, dass wir so unabhängig wie möglich sein wollen, indem wir die einheimischen Brennstoffe nutzen. Wasserkraft, Windkraft und Braunkohle. Und auch Kernkraft.

Vattenfall betreibt in Deutschland Atomkraftwerke in Brunsbüttel und Krümmel, die seit mehr als einem Jahr außer Betrieb sind. Wann gehen die wieder ans Netz?

Diese Frage kann zurzeit niemand beantworten. Wir befinden uns in einem sehr aufwendigen Prozess der Prüfung und Dokumentation. Es geht zum Beispiel um die Sicherheitsüberprüfung von einigen zehntausend Dübeln, die wir gemeinsam mit den Behörden durchführen.

Oder verzögern Sie die Inbetriebnahme, um die Betriebsdauer auszuweiten, bis die nächste Bundesregierung den Atomkonsens aufkündigt?

Bestimmt nicht. Das wäre wirtschaftlich nicht sinnvoll. Grundsätzlich gilt für uns: Sicherheit geht vor Schnelligkeit.

Ihr RWE-Kollege Jürgen Großmann schlägt vor, die Gesamtlaufzeit der Kraftwerke um mehr als 20 Jahre zu verlängern.

Kernkraft ist ein sehr wichtiger Teil der Energieversorgung. Weltweit erkennt man das, weshalb es eine Renaissance der Kernkraft gibt. Kernkraft ist sicher und wirtschaftlich. Deshalb kann ich dieser Forderung nur zustimmen.

RWE hat günstige Atomstromtarife angeboten, zieht Vattenfall nach?

Ob Vattenfall ein solches Angebot in Deutschland machen wird, müssen die Verantwortlichen hier entscheiden. In Schweden gibt es das bereits. Die Verbraucher können zwischen Atomstrom, Wasserkraft oder Windkraft wählen. Wasser- und Atomstrom sind rund ein Prozent billiger als Strom aus Windkraft.

Warum liefert Vattenfall nicht schwedischen Atomstrom nach Deutschland?

Natürlich wird Strom auch exportiert. Aber Strom kann man nicht unbegrenzt in Europa hin- und herschicken. Das ist eine Frage der Leitungskapazitäten. Und der Transport ist teuer.

Würden Sie neue Kernkraftwerke bauen, wenn es die Gelegenheit gäbe?

Grundsätzlich haben wir ein großes Interesse am Neubau von Kernkraftwerken, etwa in England oder im Baltikum. Wir beobachten auch mit Interesse, wie sich die Stimmung der Schweden verändert. Und wir beobachten die Position der Deutschen.

Und was sehen Sie?

Ich sehe auch in dieser Frage Bewegung in Deutschland, das zeigen die neuen Umfragen. Leider ist die Stimmung hier noch verhärtet. Das verstehe ich nicht, und ich wünschte mir, es würde sachbezogener und weniger emotional diskutiert werden. Es gibt eine Menge Gründe, die Kernkraftwerke länger laufen zu lassen. Man muss sie anhören und dann mit den Betreibern die Bedingungen diskutieren.

Könnten Sie sich vorstellen, einen Teil der Gewinne, die Sie bei längerem Kraftwerksbetrieb erwirtschaften würden, in einen Fonds abzuführen, um zum Beispiel Windräder zu bauen?

Darüber kann man reden. Aber dies muss nach Marktgesetzen geschehen. Grundsätzlich bin ich kein Anhänger planwirtschaftlicher Überlegungen. Zumal man sehen muss, dass jede Einschränkung des Marktes die Energie für die Kunden teurer macht. Die Gesellschaft hat Interessen, und die Unternehmen haben Interessen. Was uns eint, ist das Streben nach einem gemeinsamen Energiekonzept, das in Deutschland langfristig bezahlbare und sichere Energie garantiert.

Im vergangenen Jahr hat Vattenfall vor allem in Berlin und Hamburg mehrere hunderttausend Kunden verloren. Wie viele davon haben Sie zurückgewonnen?

Die Trendumkehr in unseren Heimatmärkten ist längst geschafft. Wir wachsen wieder. Wie haben auch eine Trendwende bei der Kundenzufriedenheit erreicht. Immerhin wurde Vattenfall Europe in puncto Service-Qualität als bester deutscher Versorger ausgezeichnet.

Nach dem Desaster mit der Preiserhöhung im Sommer 2007 können Sie sich in kaum eine weitere Erhöhung leisten.

Das Gute an Desastern ist, dass man daraus schnell lernt. Unsere Organisation jedenfalls hat viel gelernt. Die Denkweise im Unternehmen ist jetzt eine ganz andere. Aufgabe unserer Vertriebsleute ist es, attraktive Angebote für die Kunden zu machen.

Sie halten die Zügel bei Vattenfall, auch bei der deutschen Tochter, fest in der Hand. Aber zieht es Sie nicht doch zur UNO, wie spekuliert wird?

Schenken Sie Gerüchten keinen Glauben. Der Vattenfall-Konzern insgesamt hat sehr ehrgeizige Ziele. Wir sind einerseits auf Wachstum ausgerichtet, andererseits sind wir führend bei der Transformation unserer Branche in eine nachhaltige Stromerzeugung, die nach Möglichkeit ohne Umweltbelastungen auskommt, also Emissionen komplett vermeidet. Dafür nehmen wir in drei Wochen unsere Pilotanlage für ein CO2-armes Kohlekraftwerk in Betrieb. Das ist eine reizvolle Aufgabe.

Das Gespräch führten Alfons Frese, Ewald B. Schulte und Antje Sirleschtov.

DIE KARRIERE

Lars Göran Josefsson (57) arbeitete in diversen schwedischen Konzernen, bevor er im Jahr 2000 Chef des Staatsunternehmens Vattenfall AB wurde. In den 90er Jahren war er für Ericsson in Wien tätig und spricht seitdem deutsch. Im vergangenen Jahr beriet er Bundeskanzlerin Angela Merkel in klimapolitischen Angelegenheiten.

DER KONZERN

Unter Josefsson wurde Vattenfall zu einem europäischen Stromkonzern. Dazu trugen maßgeblich Akquisitionen in Deutschland bei: Aus der Hamburger HEW, der Berliner Bewag und den ostdeutschen Unternehmen Veag und Laubag entstand die in Berlin ansässige Vattenfall Europe. Nach Eon und RWE ist Vattenfall die Nummer drei in Deutschland.

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