Vattenfall : Schon wieder gestört

Vattenfall hatte das Katastrophenjahr 2007 gerade überwunden, da fällt ein Transformator in Krümmel aus.

Alfons Frese
Hatakka Foto: dpa
Tuomo Hatakka, Chef der Vattenfall Europe AG. -Foto: dpa

Berlin - Manchmal kommt ein Störfall ganz gelegen. So wie vor zwei Jahren die Kurzschlüsse in Krümmel und Brunsbüttel. Lars G. Josefsson, Chef der schwedischen Vattenfall AB, nutzte die Gelegenheit, um Klaus Rauscher abzusetzen, den störrischen Chef der deutschen Vattenfall-Tochter. Rauscher stand für Eigenständigkeit und hielt die Taschen der in Berlin ansässigen Vattenfall Europe zu. Das Geld, das in Deutschland verdient wurde, sollte auch hier wieder investiert werden. Gleichzeitig wusste Rauscher die Ausschüttung an die schwedische Mutter in Grenzen zu halten. Zwei Jahre später ist das anders. „Es wird schneller und es wird mehr Geld abgeführt“, heißt es im Unternehmen. Sogar noch Geld aus Rauschers Zeiten, das dieser irgendwo in der Bilanz versteckt haben soll, sei inzwischen nach Stockholm geflossen.

Es ist viel passiert in den vergangenen zwei Jahren. Vattenfall steckte mehr als 100 Millionen Euro in die beiden Kernkraftwerke; Josefsson ließ ein neues Informationsleitsystem zur besseren Krisenbewältigung einführen; die deutsche Vattenfall wurde mit der polnischen zusammengelegt und Tuomo Hatakka zum Chef gemacht. Der gebürtige Finne (52), verheiratet mit einer Berlinerin, ist ein Josefsson-Mann und gilt als möglicher Nachfolger des Schweden (58) an der Spitze des fünftgrößten Energieversorgers in Europa.

Josefsson hat Vattenfall groß gemacht. Er kaufte 2002/03 die Hamburger HEW und die Berliner Bewag und dazu den ostdeutschen Kraftwerksbetreiber Veag und das Braunkohleunternehmen Laubag. Rauscher führte dann die Firmen zusammen; Anfang 2006 verschwanden die alten Marken HEW und Bewag hinter dem Namen Vattenfall. Zentrale Standorte sind Berlin, Cottbus und Hamburg. In Ostdeutschland bildet Vattenfall so viel aus wie kein zweiter und ist überhaupt einer der größten Arbeitgeber.

In der Kritik steht der Konzern nicht nur wegen der Kernkraftwerke, obwohl Krümmel schon 2006 und damit vor dem Katastrophenjahr 2007 auf Platz eins der Pannenstatistik der deutschen Akw lag. Vattenfall hat Probleme mit der Kohle. Kein anderes Unternehmen verstromt so viel Braunkohle – mit den entsprechenden Effekten für das Klima. Unter den Brennstoffen Braun- und Steinkohle sowie Gas ist Braunkohle der schmutzigste, setzt also das meiste CO2 frei. Doch die Kohle bringt richtig Geld, weil das Abbauverfahren in der Lausitz weltweit einzigartig ist. In den Tagebauen übernimmt eine riesige Maschine das Gewinnen, Fördern und Verkippen der Kohle. Beim Einsatz dieser Abraumförderbrücken sind die Transportwege kurz und die Produktionskosten gering.

Doch die Kohle hat nur eine Perspektive, wenn die CO2-Abscheidung und -Speicherung funktioniert. Beim Kraftwerk Schwarze Pumpe betreibt Vattenfall eine Versuchsanlage, in Jänschwalde ist eine deutlich größere CO2-Abscheidung geplant. Vor allem für die Speicherung des Klimagases in unterirdischen Speichern muss eine gesetzliche Grundlage her. Bis vor ein paar Wochen sah es so aus, als würden die Deutschen dabei EU-weit vorn liegen und Vattenfall und der andere große Kohleverstromer, die Essener RWE, ihren technologischen Vorsprung ausbauen können. Aber dann muckten schleswig-holsteinische Bauern auf, weil unter ihren Wiesen und Äckern mögliche CO2-Speicher getestet werden sollten. Die CDU/CSU bekam einen Schrecken – es ist Wahljahr, und jeder Bauer wird gebraucht – und nahm das Gesetz von der Tagesordnung im Bundestag. Auf Wiedervorlage in der nächsten Legislaturperiode, Ausgang offen. Für Vattenfall sehr ärgerlich.

Überhaupt haben es die Energiekonzerne nicht leicht. Seit Jahren gibt es aus Brüssel, aber auch auf der nationalen Ebene, eine Regulierungsattacke nach der anderen. Dafür gibt es Gründe, die ehemaligen Monopolisten müssen Wettbewerb noch lernen. Und dabei auch noch zunehmend das Klima in die Geschäftsmodelle mit einbeziehen, denn der Preis der Verschmutzungsrechte im CO2-Zertifikatehandel zieht an. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen Großanlagen. Nur um Haaresbreite und mit Mehrkosten um die 600 Millionen Euro bekam Vattenfall den Bau eines Steinkohlekraftwerks in Hamburg- Moorburg durch. Einen ähnlichen Plan für Berlin ließ der Konzern fallen – zu groß war der Widerstand in der linksökologischen Berliner Öffentlichkeit. Vattenfall baut jetzt ein Erdgas- und Biomassekraftwerk. Und versucht sich überhaupt mit mehr Investitionen in erneuerbare Energien zu profilieren.

Das Wohlwollen der Verbraucher hat sich Hatakka mit der Festlegung auf stabile Preise gesichert. Nachdem der Konzern wegen des Kraftwerkdesasters und einer äußerst unglücklichen Preiserhöhung im Jahr 2007 rund 250 000 Kunden in den Kernmärkten Berlin und Hamburg verloren hatte, ist der Schwund gestoppt. Vielleicht bleibt das auch so trotz diverser Boykottaufrufe. Jedenfalls bekam Hatakka dieser Tage Hilfe von der Berliner Verbraucherzentrale, die vor einem Wechsel zu anderen Stromanbietern warnte. „Vattenfall ist in Berlin durch den Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung vorbildlich und nimmt in Europa die Führungsposition im Fernwärmenetz ein“, lobte der Berliner Energieberater Ulrich Kleemann. Außerdem „kann ein Wechsel des Anbieters auch nachteilig sein“.

Tuomo Hatakka hätte es nicht besser sagen können. Der Vorstandschef wollte auf der Basis der neuen Strukturen und der überstanden geglaubten Vergangenheit nun expandieren. „Ich habe Hunger auf Wachstum.“ Dann kam Krümmel. Ein Kernkraftwerk, so heißt es in der Szene, sei eine Welt für sich, in der von außen gesetzte Regeln nicht immer befolgt werden. Womöglich sei deshalb das Kontrollteil nicht an den Trafo montiert worden, weshalb dann im Endeffekt das ganze Akw abgeschaltet wurde. Bitter für Hatakka. Aber vielleicht übernehmen ja die Schweden die Verantwortung: Seit dem 1. Juli gehört die Kernenergie zum Geschäftsbereich Paneuropa – und der ist in Stockholm angesiedelt.

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