Wirtschaft : Vattenfall: Schwedischer Stromkonzern mit neuer Kraft

Antje Sirleschtov

Der Chef des schwedischen Stromkonzerns Vattenfall, Lars Josefsson, scheint sein Partnerunternehmen, den US-Energiekonzern Mirant, mit politischem Druck aus dem deutschen Markt drängen zu wollen. Weil sich die Amerikaner bei den laufenden Verhandlungen zur Bildung des drittgrößten deutschen Stromkonzerns, der so genannten "Neuen Kraft" in Berlin (bestehend aus Bewag, Veag, Laubag und HEW), hartnäckig den Anordnungen Josefssons widersetzen, hat sich der Schwede nun offenkundig Schützenhilfe in Sachsen und Brandenburg gesucht - und diese auch gefunden.

Als Vermittler zwischen Josefsson und den Landesregierungen in Dresden und Potsdam diente Hans-Erich Bilges. Bilges, früher Journalist und jetzt Miteigentümer und Geschäftsführer der Berliner Werbeagentur WMP Eurocom AG, berät seit geraumer Zeit Vattenfall-Chef Josefsson. Bilges verschickte am vergangenen Donnerstag vorformulierte Interviews an die Wirtschaftsministerien in Sachsen und Brandenburg mit der Bitte um Autorisierung und diskrete Weiterleitung an deutsche Zeitungen. Fiktive Interviewpartner: der sächsische CDU-Wirtschaftsminister Kajo Schommer und sein Potsdamer Parteifreund und Amtskollege Wolfgang Fürniß.

In den Interviews legt Bilges in der Rolle des Fragestellers die Einschätzung nahe, dass "Mirant aus dem großen Energieverbund aussteigen möchte" - was die Amerikaner allerdings bisher heftig dementierten. Danach lässt Bilges die Minister das US-Unternehmen in klaren Worten daran erinnern, dass "der schwedische Konzern Vattenfall die Mehrheit (an dem zu bildenden Stromkonzern, die Red.) hat und demzufolge die bestimmende Kraft sein wird".

Das Potsdamer Ministerium riet seinem Minister vorsorglich davon ab, sich auf "den Versuch einer Presseagentur" einzulassen, "das brandenburgische Wirtschaftsministerium zu einer solchen kontraproduktiven Stellungnahme zu animieren". So steht es in einem Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt. Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer hingegen nutzte den Text von Bilges bereitwilliger: Er sei schon lange "in großer Sorge um die Arbeitsplätze in dem neu zu bildenden Stromkonzern", sagte er dem Tagesspiegel zur Begründung. Deshalb habe er noch am Donnerstag den Text, "der im Inhalt meiner Intention entspricht", der Tageszeitung "Die Welt" zugesandt.

Rechtzeitig zu Beginn eines wichtigen Koordinierungstreffens der Unternehmen Vattenfall und Mirant zitierte die Zeitung den sächsischen Minister dann mit den Worten: "Derzeit klemmt es, und das liegt an Mirant." Dass eine solche Schuldzuweisung die ohnehin schwierigen Verhandlungen beider Unternehmen erheblich stören könnte, bedachte Schommer offenbar nicht. Beide Seiten hatten sich nach langem Streit um die Vorherrschaft bei der "Neuen Kraft" erst vor einigen Wochen zu einer "gemeinsamen und partnerschaftlichen Lösung" bekannt.

Schommer verteidigte sich jetzt, er habe "Informationen über den Fortgang der Gespräche zwischen Vattenfall und Mirant einholen wollen" - und diese von WMP-Chef Hans-Erich Bilges in Form des Interviews erhalten. Eine Stellungnahme des amerikanischen Konzerns Mirant sei zu seiner persönlichen Information nicht notwendig gewesen. "Seit längerem", sagte Schommer, habe er keinen Kontakt zu den Amerikanern gehabt, von denen "man ja aus der Zeitung weiß, dass sie sich (... aus dem zu bildenden Konzern ...) zurückziehen wollen".

Warum der sächsische Wirtschaftsminister in der Auseinandersetzung zwischen zwei Konzernen derart eindeutig Position bezieht, ohne die Meinung beider Seiten einzuholen und abzuwägen? Kajo Schommer sagt, er kenne Hans-Erich Bilges "schon fast 16 Jahre aus Schleswig-Holstein", er vertraue ihm. Warum auch nicht? Die von Bilges geführte WMP Eurocom AG ist ein gut gehendes Unternehmen. Ein Unternehmen, das nicht nur der Chefin der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover, Birgit Breuel, in den Zeiten der Vorbereitung als Kommunikationsberater zur Verfügung stand. Die WMP ist außerdem ein Unternehmen, zu dessen Eigentümern profilierte Persönlichkeiten der deutschen Politik und Wirtschaft gehören. Günter Rexrodt, FDP-Spitzenkandidat in Berlin, Mitgeschäftsführer und 2,5-prozentiger Eigentümer der WMP, Hans Dietrich Genscher, deutscher Außenminister a. D. und WMP-Aufsichtsrat (fünf Prozent), der Hamburger Manager Ludger-Eduard Werner Staby (2,5 Prozent), Unternehmensberater Roland Berger (fünf Prozent), der ehemalige Springer-Journalist Hans-Hermann Tiedje (47,5 Prozent) - das Aktionärsverzeichnis liest sich wie ein Auszug aus dem Who is Who.

Hinzu kommt: Eines von Schommers erfolgreichsten sächsischen Unternehmen, die Zwickauer Sachsenring Automobiltechnik AG, ist auch Aktionär. Außerdem ist sie durch mehrere Vorstände und Aufsichtsratschef Staby an der Werbe-Gesellschaft beteiligt. Summe der Anteile: 27 Prozent.

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