Wirtschaft : Veag: Konzern hat Schlüsselposition im Strom-Verteilungskampf

Antje Sirleschtov

Der ostdeutsche Stromversorger Veag war Jahre lang ein ungeliebtes Kind. Als sich die großen Stromversorger des Westens Anfang der neunziger Jahre mit der letzten DDR-Regierung und der Bundesregierung darauf einließen, gemeinsam eine Stromerzeugungsunternehmen im Osten zu tragen, spekulierten sie auf ein rasantes Wirtschaftswachstum in den neuen Bundesländern - und damit auf einen satten Gewinn. 17 Milliarden Mark Investitionen: Wäre der deutsche Strommarkt in Monopolhänden geblieben und der Osten zur Boom-Region gewachsen, hätte sich das Engagement gelohnt. Beides ist nicht eingetreten, die Veag steht heute (fast) ohne eigene Kunden und mit Milliarden Mark Schulden da.

Dennoch kommt dem Unternehmen jetzt eine Schlüsselposition im Verteilungskampf um den deutschen Strommarkt zu. Denn vom Braunkohle-Lieferanten Laubag mit ortsnahen Rohstoffen versorgt stellt die Veag in den modernsten Kraftwerken der Welt äußerst effektiv so genannten Grundlaststrom her. Sieht man von den Investitions-Abschreibungen, die 2010 auslaufen, ab, gibt es in Deutschland keinen preisgünstigeren Kraftwerksbetreiber. Gemeinsam mit der Bewag, die in der Bundeshauptstadt über mehr Kunden verfügt, als jeder andere deutsche Erzeuger, entstünde in Deutschland ein Stromkonzern, der den großen drei Playern im Markt - nämlich Eon, RWE und EnBW - ebenbürtig wäre. Eine sinnvolle Konstruktion, die entstehen kann, weil die Wettbewerbsbehörden die einmalige Chance genutzt haben, die Konzerne RWE und Eon im Zuge ihrer Fusionsvorhaben zum Rückzug aus Berlin und dem Osten zu zwingen.

Soll diese "vierte Kraft" nun von Amerikanern oder Schweden regiert werden? Bei Lichte besehen sind die Eigentumsverhältnisse beinahe gleichgültig. Dominiert der US-Stromkonzern Southern Company die Bewag-Veag-Laubag-Kombi, hätte das den Charme, dass ein neuer "Spieler" auf dem europäischen Markt über einen eigenen Kraftwerkspark verfügt. Denn bisher spielen die Amerikaner nur als Stromhändler eine Rolle. Erfolgreich Erzeugerkapazitäten zu erwerben, ist ihnen außer bei der Bewag noch nirgendwo in Europa gelungen.

Aber auch der schwedische Konzern Vattenfall als mehrheitsbesitzende Kraft des Bewag-Veag-Laubag-Unternehmens ist für die Zukunft des Ost-Stromverbundes interessant. Die Schweden bringen in die Dreierkombi nicht nur den Hamburger Versorger HEW ein. Sie sichern der "vierten Kraft" in Deutschland auch einen starken europäischen Marktverbündeten. Weil die großen deutschen Konkurrenten in Europa bislang noch zu wenig präsent sind, brächte Vattenfall den Stromkonzern Bewag-Veag-Laubag-HEW in eine komfortable Wettbewerbsposition.

Ganz klar, dass sich Amerikaner und Schweden seit Wochen ein erbittertes Gefecht um die Vorherrschaft in der künftigen "vierten Kraft" liefern. Wo es um wirtschaftliche - und auch persönliche - Macht geht, da werden bekanntermaßen alle Mittel eingesetzt: Die Hamburger HEW-Manager streuen das Gerücht, Southern sei keinesfalls liquide genug, um den großen Brocken der "vierten Kraft" finanzieren zu können. Sie setzen darauf, dass die Kraft des Konzerns mit Sitz in Atlanta hierzulande wenig bekannt ist. Und die Berliner Bewag-Manager werden nicht müde, zu erläutern, dass in Berlin bald alle Kraftwerkslichter still stehen, wenn erst schwedischer Atomstrom die Hauptstadt überschwemmt. Sie vergessen allerdings darauf hinzuweisen, dass über die schon jetzt existierende Stromverbindung Deutschland-Schweden seit Jahren mehr Strom nach Schweden fließt als anders herum.

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