Wirtschaft : Verbraucherpreise im März um 2,4 Prozent gestiegen - Zinserhöhung im Mai scheint erforderlich

Jacob M. Schlesinger,Yochi J. Dreazen

Seit drei Jahren weist der Präsident der Federal Reserve, Alan Greenspan, darauf hin, das schnelle Wachstum der New Economy in den USA werde von irgendeinem Punkt an Inflation auslösen. "Wir wissen nicht, wann dieser Punkt erreicht ist", pflegt er zu sagen. Aber "wenn wir an diesem Punkt anlangen", werde die Inflation zurückkommen. Der Bericht über die März-Verbraucherpreise hat den überzeugendsten Beweis der letzten Zeit dafür geliefert, dass die Inflationsgefahr nicht gebannt ist: Die Einzelhandelspreise ohne Lebensmittel und Energiepreise, die so genannte Kernrate, sind im März um 0,4 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen - und waren 2,4 Prozent höher als im Vorjahr. Das ist nicht viel, wenn man es mit der Preispanik in den 70er Jahren vergleicht oder sogar der moderaten Inflation in den 80er Jahren. Doch es handelt sich um den größten monatlichen Anstieg der Kerninflationsrate in den vergangenen fünf Jahren. Und selbst eine kleine Bodenschwelle kann eine große Auswirkung auf ein Auto haben, wenn es zu schnell fährt.

Die März-Verbraucherpreise und der damit einhergehende dramatische Börseneinbruch bringen nun Greenspan in eine unangenehme Lage: Seine wichtigste Aufgabe ist es, Inflation - und die Ängste vor einer Inflation - unter Kontrolle zu halten. Da dies der Notenbank offenbar nicht ganz gelungen ist, scheint ein Anheben der Leitzinsen beim nächsten Treffen der Währungshüter am 16. Mai unbedingt erforderlich.

Statistische Daten eines Monats liefern natürlich nur einen flüchtigen Eindruck der Realität. Auch diese könnten sich, wie so viele zuvor, als eine Ausnahmeerscheinung erweisen. Allerdings kommt der Anstieg der Verbraucherpreise zu einem Zeitpunkt, wo sich vieles verändert, was in den 90er Jahren die Inflation in Zaum gehalten hat: Die Kosten von Rohstoffen, Importen und der Gesundheitsfürsorge sinken nicht länger. Ausländische Märkte, die lange den Bedürfnissen der amerikanischen Wirtschaft entgegen kamen, weil sie schwach waren, gewinnen an Kraft. Die Arbeitsmärkte sind angespannter, die Arbeitskosten steigen. Der große Shopping-Exzess zeigt kein Anzeichen, sich zu verlangsamen. Daher muss eine höhere Inflation ernster genommen werden, als in den vergangenen Jahren. "Wir befinden uns in einer Phase erhöhter Alarmbereitschaft", sagt Edward Boehne, Präsident der Notenbank von Philadelphia. Die Aussicht, dass die Inflation wieder auftaucht, ist vor allem deshalb beunruhigend, weil bis auf eine Ausnahme jede Rezession in der Nachkriegszeit die direkte Folge von Preisanstiegen und der darauf folgenden Erhöhung der Leitzinsen durch die Fed war. Und die März-Verbraucherpreise werden jenen Notenbankmitgliedern frische Munition liefern, die dafür plädieren, die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt im kommenden Monat anzuheben - statt um einen Viertelpunkt, wie das seit vergangenem Juni fünf mal erfolgt ist. Der "graduelle Ansatz" war so lange richtig, wie die Fed "präventiv gegen die Gefahr höherer Inflation vorgegangen ist", sagte der Fed-Gouverneur Laurence Meyer, einer der führenden Köpfe der Zentralbank kurz vor der Bekanntgabe der März-Verbraucherpreise. Aber, fügte er hinzu, wenn Inflationserwartungen zunehmen würden, "wird es notwendig, aggressiver zu reagieren".

Trotz all der Beunruhigung über die März-Preise lohnt es sich, die Zahlen im Verhältnis zu sehen. Obwohl es einen Preisanstieg auf breiter Ebene gab, wäre es verfrüht, einen Trend ausmachen zu wollen. Die 0,4-prozentige monatliche Zunahme der so genannten Kernrate folgte auf zwei Monate mit nur 0,2-prozentiger Zunahme. Die Verbraucherpreis-Daten vom März spiegeln die Auswirkung der höheren Erdölpreise auf andere Sektoren wider - vor allem Transporte, die neben Energie den höchsten Zuwachs aufwiesen. Doch da die Opec-Länder übereingekommen sind, die Produktion Ende März wieder zu erhöhen, werden die Energiepreise wieder fallen und damit, so die Erwartung, auch die "angeschlossenen" Preise. "Diese Zahl erinnert daran, dass es in der heutigen Wirtschaft eine Inflationsgefahr gibt", sagt der Vizepräsident der Fed, Roger Ferguson, nach dem Erscheinen des März-Berichtes. "Dennoch möchte man hoffen, dass die Zahl eines Monats nicht dazu führen wird, die Inflationserwartungen ganz neu zu bewerten."

Wenn die Inflationsbilanz in den 90er Jahren so großartig war, lag das an dem starken Produktivitätszuwachs oder Output pro Arbeiter und Stunde. Das hat den Unternehmen erlaubt, höhere Kosten zu verkraften, ohne die Preise zu erhöhen. Außerdem war nicht-inflationäres Wirtschaftswachstum möglich, weil ein Großteil der Welt sich abstrampelte. Das bedeutete, dass die weltweite Nachfrage nach zentralen Gütern noch schwach war.

Doch das jüngste amerikanische Wirtschaftswachstum kommt zu einem Zeitpunkt, wo sich der Rest der Welt von den verschiedenen Finanzkrisen erholt. Das ist ein Grund, warum die Importpreise im vergangenen Jahr um ein Prozent gestiegen sind, nachdem sie ein Jahr zuvor um 2,4 Prozent gesunken waren. Wirtschaftspolitiker befürchten, dass die schwächere Börse die Importpreise weiter in die Höhe treiben könnte. Das würde geschehen, wenn Ausländer ihr Geld aus den USA abziehen - denn das würde den Wert des Dollars schwächen und ensprechend die Einfuhrpreise erhöhen.

Doch höhere Preise für Vorprodukte führen nicht automatisch zu Inflation. Wenn in den vergangenen Jahren die Preise kaum gestiegen sind, dann lag das daran, dass Unternehmen in den 90er Jahren nicht länger die Preise setzen konnten, also höhere Kosten nicht in Form höherer Preise auf die Verbraucher abwälzen konnten. Auch weiterhin wirkt die New Economy mit internationalem Handel und E-Commerce der Inflation entgegen. Und viele Unternehmen sind weiterhin gezwungen, steigende Kosten mit höherer Produktivität wettzumachen. Eine Schlüsselfrage ist nun, ob die Konsumnachfrage so stark geworden ist, dass die Unternehmen ihren Preiserhöhungsspielraum zurückgewinnen, und andere wichtige Dämme unterhöhlt werden, die bislang die Inflation zurückgehalten haben.

Am schwierigsten dürfte die Auswirkung der Börse auf das Inflationsbild abzuschätzen sein. Greenspan hat geschätzt, dass ein voller Prozentpunkt des Wachstums in den vergangenen vier Jahren direkt den Verbraucherausgaben zuzuschreiben ist, die von den Aktiengewinnen motiviert wurden. Wenn die Börse schwach bleibt, wird das sicherlich die Nachfrage dämpfen und das Inflationsrisiko reduzieren. Allerdings: Nur mit großer Zeitverzögerung geben Konsumenten ihre Aktiengewinne aus. Der jüngste Ausgabenschub wurde und wird wahrscheinlich angeheizt von den zweistelligen Kursgewinnen von 1995 bis 1998. Außerdem: Selbst mit dem Börseneinbruch bleiben die Aussichten für das Entstehen weiterer Arbeitsplätze und Einkommenszuwächse gut - und das sind Faktoren, die das Konsumverhalten eher beeinflussen als der Dow Jones oder Nasdaq. Unabänderlich bleibt: "Es ist eine zu starke Vereinfachung zu sagen, die Börse zieht an oder fällt und das bedeutet für die Geldpolitik folgendes", sagt Notenbanker Boehne. "Wir müssen die gesamte Wirtschaft und deren Einflussgrößen betrachten."Der aus dem "Wall Street Journal" übernommene Text wurde übersetzt und gekürzt von Meira Meyer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben