Verbraucherschutz : Frischmilch wird rar

Immer mehr Läden ersetzen Frischmilch durch haltbare ESL-Milch – gegen den Willen der Kunden.

Heike Jahberg
Milch
Erst kommt die Kuh, dann kommt der Ärger. -Foto: ddp

Berlin - Verbraucher finden in deutschen Supermärkten immer seltener frische Milch. Nur in gut einem Drittel der Läden werde noch herkömmliche Frischmilch verkauft, berichtete der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) am Freitag in Berlin. Bei Discountern wie Aldi oder Lidl suche man bereits vergeblich. Die Verbraucherschützer hatten 80 Lebensmittelgeschäfte überprüft, in 29 fanden sie keine frische Milch.

Viele Kunden merken das jedoch zunächst nicht, weil die länger haltbare sogenannte ESL-Milch als frisch deklariert werde, kritisierte VZBV-Chef Gerd Billen. Von 660 Proben, die die Verbraucherschützer bundesweit eingekauft hatten, waren 420 falsch oder gar nicht gekennzeichnet. ESL-Milch kann einen leichten Kochgeschmack haben, beim Erhitzen können zudem Vitamine verloren gehen, deshalb lehnen zahlreiche Verbraucher diese Milch ab.

Die Milchindustrie hatte sich im Februar mit dem Einzelhandel und Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) auf eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Milchkennzeichnung geeinigt. Danach soll ESL-Milch als „länger haltbar“ und herkömmliche Frischmilch als „traditionell hergestellt“ gekennzeichnet werden. In der Praxis wird ESL-Milch jedoch oft als „länger frisch“ oder „maxi frisch“ bezeichnet. Der Milchindustrieverband erklärte, es handele es sich um ein Übergangsproblem, weil die Molkereien noch die alten Verpackungen aufbrauchten. Dagegen betrachtet Billen die Selbstverpflichtung als gescheitert und fordert Aigner auf, eine gesetzliche Regelung zu schaffen. „Wenn die Ministerin ihren Job ernst nimmt, muss sie die Unternehmen gleich morgen einbestellen und Tacheles reden“, sagte der Verbandschef.

Aigner versprach, die Daten der Studie „kurzfristig“ zu prüfen. Sollte es nicht gelungen sein, eine für den Verbraucher eindeutige Kennzeichnung einzuführen, „müssen wir sehen, ob wir eine Verordnung noch vor der Bundestagswahl auf den Weg bringen können“, kündigte die CSU-Politikerin am Freitag an. „Der Verbraucher muss sofort erkennen können, was er kauft“, betonte Aigner.

Das will auch die SPD. „Wo Frischmilch drauf steht, darf nicht 30 Tage haltbare Milch drin sein“, sagte die verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Waltraud Wolff, dem Tagesspiegel. Wolff macht die Union verantwortlich für die mangelhafte Kennzeichnung – bei der ESL-Milch, dem Schwindelkäse oder beim Glibberschinken. „Eine bessere und genauere Kennzeichnung war mit dem Koalitionspartner nicht machbar“, sagte Wolff.

Fast jeden Tag werden die Verbraucher mit neuen Enthüllungen über den wahren Inhalt von Lebensmitteln konfrontiert. Nach dem Analog-Käse, der nicht aus Milch, sondern aus Pflanzenfett besteht, dem Mogelschinken, der mehr Wasser als Fleisch enthält, ist jetzt auch das Speiseeis in Verruf gekommen. Das rheinland-pfälzische Landesuntersuchungsamt teilte mit, dass fast jede zehnte von 164 untersuchten Milcheisproben weniger als die vorgeschriebenen 70 Prozent Milch enthalten habe. Bei Vanilleeis seien in 34 von 44 untersuchten Proben künstliche Vanillearomen gefunden worden. Vanilleeis darf aber nur mit natürlicher Vanille oder Vanilleextrakt hergestellt werden. Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) wies den Vorwurf, es handele sich um „Imitateis“, zurück. Die Produkte seien hochwertig, sicher und eindeutig gekennzeichnet, betonte der Verband.

Auch die Imitatliste der Verbraucherzentrale Hamburg wird immer länger. Vier neue Produkte sind hinzugekommen: ein Bio-Citrus-Ananas-Getränk von Rewe, „Gala“-Kaffee von Eduscho, der Karamell und Maltodextrin enthält, Truthahn-Brustfilet von „Gebirgsjäger“, das aus zerkleinertem Truthahnfleisch produziert worden ist, und ein Guacamole Dip von Lidl, in dem Avocadofett durch Rüböl ersetzt ist. Fortsetzung folgt. „Nächste Woche kommen neue dazu“, sagte die Ernährungsexpertin der VZ, Silke Schwartau. Unterdessen haben einige Firmen auf der Hamburger Liste angekündigt, ihre Rezepturen zu ändern.

Viele Politiker wollen die Verbraucher künftig besser schützen. „Wenn es sich im Imitate handelt, muss das bereits auf der Vorderseite der Verpackung gesagt werden“, fordert die SPD-Verbraucherpolitikerin Waltraud Wolff. Baden-Württembergs Verbraucherschutzminister Peter Hauk (CDU) will über eine Bundesratsinitiative schärfere Kennzeichnungsregeln durchsetzen. Dabei kann er auf Unterstützung aus Berlin zählen: „Alles, was die Verbraucher vor Täuschung schützt, ist sinnvoll“, sagte Marie-Luise Dittmer, Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz, dem Tagesspiegel.

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