Wirtschaft : Verdi braucht noch Jahre

Alfons Frese

Die wenigsten Fusionen klappen. Die Unternehmenskulturen hätten irgendwie nicht zusammengepasst, sagen dann oft die wieder Geschiedenen und freuen sich über den Schritt zurück: Besser allein, klein und fein, als groß und träge, gelähmt von den Bürokratien einer großen Organisation. Wäre Daimler-Benz nicht heute viel schöner ohne die schwerkranken Töchter Chrysler, Mitsubishi und Freightliner? Und könnte sich die gute, alte ÖTV nicht viel besser um ihre Mitglieder kümmern, wenn sie nicht alle Kräfte für das Zusammenwachsen zur Riesengewerkschaft Verdi bräuchte? Für den Moment gilt das gewiss, und auch für die nächste Zeit. Denn der Zusammenschluss von fünf Gewerkschaften ist ja nicht nur das größte Reformprojekt der deutschen Arbeitnehmerorganisationen. Er ist auch das größte Abenteuer, wie die Erfahrungen der ersten sechs Monate zeigen.

Alles in allem geht es in Verdi zu wie in einem Konzern nach der Fusion: Standorte werden geschlossen und neue Strukturen eingezogen, die EDV wird vereinheitlicht, Leute verlieren ihre Posten, viele sogar ihren Arbeitsplatz, weil es zum Beispiel statt fünf Personalabteilungen nur noch eine gibt. Das alles provoziert Widerstände und belastet die Integration. Darin liegt wiederum die eigentliche Gefahr: Nach der Fusion sind die Beteiligten so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihren Geschäftszweck und ihre Klientel vernachlässigen. Die Unternehmen ihre Kunden, die Gewerkschaften ihre Mitglieder. Bei den Schwierigkeiten, mit denen sich Verdi herumplagt, ist es fast schon erstaunlich, dass seit der Gründung im März nur 70 000 Mitglieder den neuen Verein verlassen haben. Wie langwierig die Verdi-Bosse den Prozess des Zusammenwachsens anlegen, zeigt die mittelfristige Mitgliederprognose: Erst in drei Jahren erwartet das Management wieder mehr Mitglieder. Mitarbeiter und Mitglieder dürfte im Übrigen die gerade eben gebilligte deftige Gehaltserhöhung für die Spitzenfunktionäre um 50 Prozent und mehr abschrecken. Eine ziemliche Eselei in Zeiten, in denen 1000 Mitarbeiter "abgebaut" werden müssen und den Gewerkschaften die Leute in Massen davon laufen.

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