Wirtschaft : Verdi: DAG will die historische Spaltung überwinden

Alfons Frese

Der Blick zurück soll die nötige Kraft für den Sprung nach vorn bringen. Ein Videofilm zeigt zu Beginn des Gewerkschaftskongresses ein paar Höhepunkte der eigenen Geschichte, zum Beispiel den DAG-Chef Roland Issen Hand in Hand mit der HBV-Vorsitzenden Margret Mönig-Raane, wie sie Demonstranten anfeuern: "Hände weg vom Ladenschluss." Längere Öffnungszeiten werden ziemlich unwahrscheinlich, wenn sich die Großgewerkschaft Verdi mit der fusionierten Kraft von fünf Gewerkschaften gegen die Liberalisierung sperrt. Doch das ist heute nur am Rande ein Thema. An diesem Sonnabend geht es in den Berliner Messehallen um die Selbstauflösung der DAG, nachdem die ÖTV am Freitag mit einer Mehrheit von 87,1 Prozent pro Verdi die Richtung vorgegeben hat. Mit 89,3 Prozent der Stimmen konnte die DAG das ÖTV-Ergebnis sogar noch übertreffen.

Roland Issen, seit 1987 an der Spitze der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, ist die treibende Kraft hinter der Fusion. Dabei muss Issen weiter springen als seine Partner Frank Bsirske (ÖTV), Detlef Hensche (IG Medien) Kurt van Haaren (Postgewerkschaft) und Margret Mönig-Raane (HBV). Denn nach gut 50 Jahren Eigenständigkeit geht die DAG nicht nur in Verdi auf, sondern sie siedelt sich auch unterm Dach des DGB an. Einen historischen Seitenhieb kann sich Silvia Benz, Vorsitzende des DAG-Gewerkschaftsrats, am Sonnabend nicht verkneifen: "Es war ein historischer Fehler des DGB, die DAG als eigenständige Angestelltenorganisation auszugrenzen." Das war 1947.

Mit der Vergangenheit hält sich Roland Issen in seiner Grundsatzrede jedoch nicht lange auf. Er wirbt für Verdi und erzählt dazu die Fabel vom Pferd und dem Esel. Der Esel ist vollbepackt, das Pferd dagegen will dem Esel keine Last abnehmen sondern trabt locker nebenher. Irgendwann bricht der Esel zusammen, jetzt muss das Pferd die komplette Last übernehmen. Die Moral von der Geschichte laut Roland Issen: "Wer vorausschauend denkt, der verweigert sich nicht, wenn andere in Not sind. Jeder braucht einmal Hilfe."

Deshalb also Verdi. Ob er die DAG eher als Pferd oder Esel sieht, sagt Issen nicht. Jedenfalls steht die DAG unter den beteiligten Gewerkschaften, die in den vergangenen Jahren rund ein Drittel ihrer Mitglieder verloren haben, noch relativ gut da. Finanziell zumindest: Die DAG bringt ein Vermögen von rund 820 Millionen Mark mit zu Verdi, das ist annähernd so viel, wie die deutlich größere ÖTV in der Kasse hat. Trotzdem hat Issen Angst vor der Zukunft, ohne Verdi sehe er "die DAG mit den Hühnern scharren", im Verdi-Rahmen aber "mit den Adlern fliegen". "Wir allein werden gegen die gut organisierte Interessenpolitik der Arbeitgeber nicht bestehen können", glaubt Issen und gibt zu, dass "wir seit Jahren Probleme haben". Übrigens auch mit den vier anderen Verdi-Organisationen. Die Konkurrenz untereinander sei "kräftezehrend gewesen", wechselseitig habe man sich das Leben schwer gemacht und dabei Ressourcen verschwendet. Ressourcen die künftig für die Akquisition neuer Mitglieder eingesetzt werden könnten.

Roland Issen sagt, Verdi werde "das Stärkste sein, auf das sich die Schwachen verlassen können". Das kommt an, die DAG-Delegierten folgen ihrem Vormann, der sich mit dem Abschluss seines Lebenswerkes von der Bühne verabschiedet. Mit der Verdi-Gründung Anfang der Woche geht Issen in den Ruhestand. Er denkt wohl weniger an sich, wenn er den Verdi-Bedenkenträgern ein Zitat John F. Kennedys zuruft: "Ja, das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten."

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