Wirtschaft : Verdi: Die New Economy im Visier

Alfons Frese

Das ÖTV-Mitglied Gerhard Schröder will es, der ÖTV-Chef Herbert Mai sowieso und die Basis, also die rund 1,5 Millionen Mitglieder, wollen es auch. Warum tut sich dann die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) so schwer mit der vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi)? Unter anderem deshalb, weil ÖTV-Funktionäre Angst um ihren Job haben. Schätzungen zufolge werden durch die Fusion der fünf Verdi-Gewerkschaften 20 Prozent des jetzigen Personals nicht mehr gebraucht: Das heißt, gut 1000 Arbeitsplätze würden bei den beteiligten Gewerkschaften wegfallen.

Doch es ist nicht allein die Angst der Funktionäre. So sind finanzielle Ausstattung und Kompetenzen der 13 Verdi-Fachbereiche umstritten. Der ÖTV-Bezirk Sachsen-Anhalt befürchtet beispielsweise, dass "die Eigenständigkeit der Fachbereiche zu einer Spaltung in 13 Einzelgewerkschaften führen wird". Der Bezirk Nordrhein-Westfalen II, neben Sachsen-Anhalt kommen aus NRW die schärfsten Verdi-Kritiker, sieht "einen neuen Zentralismus durch Fachbereiche" aufziehen. Der Anspruch, "aus fünf mach eins" werde fallengelassen und ersetzt durch die Devise "aus fünf mach dreizehn", klagen ÖTVler aus Paderborn/Höxter. Welche Programmatik und Strategie Verdi verfolgt, bleibt für viele im Hintergrund.

Mit mehr als drei Millionen Mitgliedern wäre Verdi die größte Gewerkschaft der Welt, die die Interessen von Beschäftigen aus rund 1000 Berufen vertritt: Müllmänner und Studienräte, Bankangestellte und Schauspieler, Versicherungskaufleute, Programmierer, Krankenschwestern und Postboten. Noch nie wurde eine Gewerkschaft gegründet, die Beschäftigte aus so vielen Branchen und Berufen organisiert. Die Zielsetzung: Mehr Beratung und Service für die Mitglieder und damit den Mitgliederschwund stoppen; ein größeres politisches Gewicht und größere Durchsetzungskraft in Tarifverhandlungen; schließlich würde die Konkurrenz zwischen den fünf beteiligten Gewerkschaften verschwinden. Insbesondere hat Verdi die Beschäftigten in der New Economy, in den Informations- und Kommunikationsbranchen im Visier. ÖTV-Chef Mai veranschlagt das Potenzial in diesen Wachstumsbereichen auf knapp 1,5 Millionen Arbeitnehmer.

"Die Zukunft der Gewerkschaften entscheidet sich im Dienstleistungsbereich", heißt es in einem Positionspapier der Verdi-Gewerkschaften. Und diesen Bereich haben die Gewerkschaften mehr oder weniger verschlafen. In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Anteil des Dienstleistungssektors am Bruttosozialprodukt von 40 auf rund 65 Prozent erhöht. Doch bescheidene zehn Prozent der Dienstleistungsbeschäftigten sind gewerkschaftlich organisiert. Das hängt damit zusammen, dass die im DGB zusammengeschlossenen Gewerkschaften auf ihre Industrieklientel ausgerichtet sind. Eine Dienstleistungsgewerkschaft, die diesen Namen auch verdient, sich also als Dienstleister für die Mitglieder versteht, könnte den gewerkschaftlichen "Anachronismus zumindest formal auflösen", meint das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Die Unternehmen geben sich neue Strukturen, Inhalte und Formen der Arbeit verändern sich. "Eine zukunftsweisende Antwort auf diesen umfassenden Wandel wäre seitens der Gewerkschaften notwendig und verständlich", schreibt das IW.

Die Organisation von Verdi stützt sich auf eine räumliche und eine fachliche Säule. Die räumliche Gliederung geht über drei Ebenen: Bezirke (inklusive örtlicher Untergliederungen), Landesbezirke und die Bundesebene. Fachlich teilt sich Verdi in 13 Fachbereiche auf. In diesen Bereichen soll die gewerkschaftliche Branchenpolitik entwickelt und umgesetzt werden. Fachbereiche und die jeweiligen Landesvorstände sollen gemeinsam die Tarifpolitik abstimmen.

Nur vorläufig ist die Frage beantwortet, welche Gewerkschaft künftig in welchen Branchen und Unternehmen tätig ist. Zwar haben sich alle DGB-Gewerkschaften vor ein paar Tagen auf einer Krisensitzung darauf verständigt, dass Verdi in den klassischen Industriebranchen keine Tarifverträge abschließen darf. Stattdessen führen IG Metall, IG Bergbau, Chemie, Energie und die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten die Tarifverhandlungen für Verdi-Mitglieder; das betrifft vor allem die rund 35 000 DAG-Mitglieder in Industriebetrieben, die künftig Verdi-Mitglieder sind. Doch für die Wachstumsbranchen Information und Kommunikation sind keine klaren Grenzen gezogen. So werden voraussichtlich die beiden Riesen IG Metall und Verdi künftig um die Beschäftigten in Mobilfunkbetrieben oder Softwareunternehmen konkurrieren. Da wird es noch ein Hauen und Stechen geben. In der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft entstehen die wettbewerbsfähigen und damit sicheren Arbeitsplätze. Deshalb ist es "für die Gewerkschaften von existenziellem Interesse, dass das Experiment Verdi zum Erfolg wird", meint das IW.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben