Wirtschaft : Verdi fehlen 66 Millionen Euro

Dienstleistungsgewerkschaft sammelt zwar mehr Beiträge ein, kann den Mitgliederschwund aber nicht stoppen

-

Berlin (alf). Obwohl die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi immer mehr Mitglieder verliert, gibt es eine leichte Entspannung bei der prekären Finanzsituation. In diesem Jahr werden die Mitglieder vermutlich 431 Millionen Euro an Beiträgen in die Kasse der größten deutschen Gewerkschaft zahlen, das sind vier Millionen Euro mehr als erwartet, sagte VerdiFinanzvorstand Gerd Herzberg dem Tagesspiegel am Rande des Bundeskongresses der Dienstleistungsgewerkschaft am Montag in Berlin. „Wir kommen voran, die Maßnahmen greifen jetzt auch in den Bezirken, wo wir einige Zeit noch nicht voll arbeitsfähig waren“, sagte Herzberg. Es habe zeitweise Beitragsrückstände von 20 Millionen Euro gegeben, weshalb in den vergangenen Monaten 50 000 Mahnungen verschickt worden seien. Herzberg zufolge hat das zu den Mehreinnahmen geführt.

Aktuell sind noch 2,643 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei Verdi organisiert, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske am Montag auf dem Bundeskongress im Berliner ICC. Die Dienstleistungsgewerkschaft, zu der sich im März 2001 fünf Gewerkschaften (ÖTV, Postgewerkschaft, HBV, DAG und IG Medien) zusammenschlossen hatten, hat seitdem 247 000 Mitglieder verloren.

Vor dem Hintergrund des negativen Trends bei den Mitgliederzahlen geht Finanzvorstand Herzberg bis 2006 von einem jährlichen Einnahmerückgang von zwei Prozent aus. Im Gesamthaushalt von 436 Millionen Euro klaffte im vergangenen Jahr ein Loch von 71 Millionen Euro, im laufenden Jahr liegt das Minus bei 66 Millionen Euro und für 2004 peilt Herzberg einen Fehlbetrag zwischen 30 und 40 Millionen Euro an. „Entscheidend dafür ist, ob die Personalmaßnahmen zum 1. Januar 2004 greifen.“

Zu teures Personal

Herzberg meint damit umfangreiche Einsparungen bei den Beschäftigten. Die rund 5000 Verdi-Mitarbeiter kosten in diesem Jahr 59 Millionen Euro mehr, als sie eigentlich kosten dürften. Der Vorstand führt nun mit dem Gesamtbetriebsrat Verhandlungen, um die Personalkosten um zehn Prozent zu senken, das wären insgesamt 18 Millionen Euro im Jahr. Im Wesentlichen geht es dabei um eine kürzere Arbeitszeit bei reduzierten Bezügen sowie um die Erleichterung von Versetzungen. Aber auch bei Sach- und Reisekosten wird gekürzt. Künftig fahren die Gewerkschafter in der Bahn ausschließlich 2. Klasse, was etwa 400 000 Euro im Jahr einsparen soll. Und von der Mitgliederzeitung „Publik“ gibt es zwei Ausgaben weniger, wodurch immerhin 1,35 Millionen Euro im Jahr gespart werden.

Geschrumpftes Vermögen

Spätestens 2007 will Herzberg einen ausgeglichen Haushalt vorlegen. Bis dahin wird er das Vermögen der Gewerkschaft – das bei der Verdi-Gründung vor zweieinhalb Jahren noch bei drei Milliarden Mark gelegen hat – allerdings auch um einige Hundert Millionen Euro reduziert haben, um die jährlichen Verluste auszugleichen. Dennoch betonte Verdi-Chef Bsirske vor den rund 1000 Delegierten in Berlin, die Organisation sei „in der Lage, große Arbeitskämpfe durchzustehen, mehrere hintereinander und auch gleichzeitig“. Alles in allem habe sich Verdi in den ersten Jahren bewährt und sei in die „Champions-League der internationalen Gewerkschaftsbewegung aufgestiegen“.

Im Rahmen seines Rechenschaftsberichtes setzte sich der Verdi-Chef ausführlich mit der Sozialpolitik der Bundesregierung auseinander. Mit der Agenda 2010 würden „die ohnehin Begünstigten weiter begünstigt und die schlechter Gestellten noch schlechter gestellt“. In Richtung SPD und Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte Bsirske, „wichtige Akteure schicken sich an, ihre sozialen Verpflichtungen abzuschütteln“. Sowohl in Arbeitgeberverbänden als auch in der Politik gebe es immer mehr Vertreter, „die die ökonomische Krise zu einem umfassenden Roll Back nutzen wollen“ und dabei vor allem geringere Löhne anstrebten. Bei den Sozialsystemen, der kommunalen Selbstverwaltung und dem Tarifvertragssystem „steht dieses Land an einem Scheideweg“, sagte Bsirske. Für den 1. November ist ein bundesweiter Aktionstag gegen die Agenda 2010 geplant.

Der Verdi-Chef stellt sich den Delegierten am heutigen Dienstag zur Wiederwahl. Insgesamt wählt der Gewerkschaftskongress den Vorsitzenden sowie vier Stellvertreter und elf weitere Vorstandsmitglieder.

0 Kommentare

Neuester Kommentar