Wirtschaft : Verdi feiert Frank Bsirske

Wiederwahl als erster Vorsitzender mit 92,6 Prozent – Gewerkschaftsführer mit dem stärksten Rückhalt

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Berlin (alf). Jetzt ist er richtig angekommen. Vor zweieinhalb Jahren, als Frank Bsirske zum ersten VerdiChef gewählt wurde, war das eher eine Formalität. Der gesamte Vorstand wurde damals auf dem Gründungskongress der Dienstleistungsgewerkschaft im Block gewählt, es gab 95,9 Prozent für alle. Am Dienstag stand Bsirske allein auf der Bühne, um sich das Zeugnis für die Integrationsarbeit der letzten Jahre zu holen: 92,6 Prozent. Dem Strahlen des alten und neuen Vorsitzenden nach zu urteilen hatte er damit nicht gerechnet. Jetzt ist Bsirske der stärkste deutsche Gewerkschafter, zu dem IG Metall-Chef Jürgen Peters, der vor acht Wochen mit 66,1 Prozent gewählt worden war, neidvoll aufblickt. Bsirske ist in seiner 2,6-Millionen-Organisation unumstritten.

Die Krisenmanager der ÖTV hatten ein glückliches Händchen, als sie Ende 2000 einen neuen Vormann brauchten. Herbert Mai war als Gewerkschaftsboss zurückgetreten, weil die ÖTV ihm nicht geschlossen folgte auf dem Weg zur Fusion mit vier anderen Organisationen zur vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). Damals erinnerte sich der niedersächsische ÖTV-Chef an seinen früheren Stellvertreter Bsirske. Zwei Stunden überlegte der Personaldezernent von Hannover, dann entschied er sich für einen einzigartigen Karriereschritt.

Die ÖTV auf Linie gebracht

Bsirske wurde ÖTV-Chef, er brachte die widerspenstigen öffentlichen Bediensteten auf Verdi-Linie und wurde vier Monate später zum ersten Vorsitzenden der neuen und größten deutschen Gewerkschaft gewählt. Damals, im März 2001, zählte Verdi noch rund 2,8 Millionen Mitglieder, heute sind es 250000 weniger. Mit Bsirske hängt das kaum zusammen. Seine Vorgänger an der ÖTV-Spitze, Herbert Mai und Monika Wulf-Mathies, litten in den eigenen Reihen unter Vertrauensverlust infolge von Tarifabschlüssen, die von den Staatsdienern als zu „billig“ eingeschätzt wurden. Nicht so Bsirske. Er handelte Anfang 2003 einen Tarifkompromiss mit Innenminister Otto Schily aus, über den bei Verdi kaum gemeckert wurde. Ganz anders dagegen die Kommunen und Länder, für die der Abschluss zu teuer war. Die Tarifgemeinschaft der öffentlichen Arbeitgeber (Bund, Länder, Kommunen) ist schwer beschädigt, einzelne Bundesländer wollen die Gemeinschaft verlassen und das Weihnachtsgeld der Staatsbeschäftigten steht zur Disposition. Bsirskes Tariferfolg war ein Pyrrhussieg. Mit klassenkämpferischen Tönen hatte der Verdi-Chef Stimmung gemacht für die Tarifverhandlungen. Das Argument der Arbeitgeber, die Kassen seien leer, es gebe also kein Geld für Einkommenserhöhungen, konterte Bsirske mit der Forderung nach Einführung einer Vermögensteuer und Erhöhung der Erbschaftsteuer. Schließlich sei nicht akzeptabel, wenn Feuerwehrleute und Krankenschwestern auf höhere Löhne verzichten müssten zu Gunsten der Reichsten im Lande. Und denunziatorisch nannte der Verdi-Chef sogar die Namen von Millionären und Milliardären.

Eigentlich ist Demagogie nicht seine Sache. Der 51-jährige Politologe versucht eher „die Dinge inhaltlich zu entwickeln“, wie er im Sozialwissenschaftler-Deutsch sagt. Der Sohn einer Krankenschwester und eines Arbeiters aus Helmstedt bezeichnet sich selbst als „freundlich und zugewandt“, womit er sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren in der Riesenorganisation Verdi eine gewisse „Grundpopularität“ erarbeitet hat. Arbeiten kann er. Der Tag hat 18 Termine und am Sonntag, dem einzigen freien Tag, gehen regelmäßig acht Stunden in der Charlottenburger Wohnung für Akten drauf. Immerhin wird die Arbeitswut gut bezahlt, nach IG Metall-Chef Jürgen Peters (17400 Euro) ist Bsirske mit 13800 Euro der bestbezahlte deutsche Gewerkschafter.

Unermüdlich ist er im Lande unterwegs, um in den unzähligen Gremien der unübersichtlichen Organisation mit den Leuten zu reden. Bsirske kann zuhören und er sucht das Gespräch. Und er hat schnell gelernt, worauf insbesondere viele alte ÖTVler Wert legen, und schlägt deshalb auch bisweilen laute Töne an. Unter den deutschen Gewerkschaftsführern ist er der konsequenteste Gegenspieler der Regierung - und hat das schlechteste Verhältnis zum Kanzler. Als Bsirske beim letzten Bündnis für Arbeit über die Finanznot der Kommunen referierte, fiel ihm Schröder ins Wort: So einen Blödsinn wolle er sich nicht anhören, giftete der Kanzler. Das Wahlergebnis vom Dienstag verschafft Bsirske nun neuen Schwung gegen die Politik der Agenda 2010.

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