Wirtschaft : Verdi lehnt Sanierungsplan ab

Gewerkschaft will mit Karstadt-Konzern nur über Sonderzulagen verhandeln

Rolf Obertreis/Maren Peters

Berlin/Frankfurt am Main - Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Karstadt-Gesamtbetriebsrat haben das Sanierungskonzept des Konzernvorstands im Kern abgelehnt. Sie wiesen die geforderten Kürzungen bei den tariflichen Leistungen ebenso zurück wie Arbeitszeitverlängerungen. Allenfalls übertarifliche Leistungen, die den Beschäftigten freiwillig gewährt werden, stünden zur Disposition, sagten Verdi-Bundesvorstandsmitglied Franziska Wiethold und Wolfgang Pokriefke, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates der Karstadt Warenhaus AG, am Dienstag in Frankfurt. Das Angebot geht Karstadt-Quelle nicht weit genug. „Zur Sanierung des Konzerns reichen diese Vorschläge nicht aus“, sagte ein Sprecher. Es gebe keine Alternative zu dem vorgelegten Sanierungsprogramm.

Um den Konzern wieder auf die Beine zu bringen, hatte Karstadt-Quelle-Chef Christoph Achenbach von den Beschäftigten Gehaltsverzicht und längere Arbeitszeiten verlangt und auch betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen. 77 kleinere der 181 Karstadt-Häuser sowie mehrere Fachhandelsketten sollen verkauft werden.

Die Verhandlungen über die Zukunft des Konzerns stehen dabei unter größerem Zeitdruck als bislang gedacht. Achenbach sagte am Dienstagabend nach einem Treffen mit Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement und zahlreichen Bürgermeistern in Düsseldorf, die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern über ein Sanierungspaket müssten bis Mitte Oktober abgeschlossen sein. Dies sei Voraussetzung für die dringend notwendige Kapitalerhöhung und die Verhandlungen mit den Banken. Bisher war von Ende Oktober ausgegangen worden. Spekulationen über eine mögliche Insolvenz widersprach Achenbach: „Weder sind wir insolvent, noch werden wir insolvent werden.“ Clement zeigte sich nach dem Treffen vom Sanierungskonzept des Vorstands überzeugt: „Das Unternehmen ist in der Lage, sich aus eigener Kraft zu retten.“

„Die Verhandlungen sind schwierig“, sagte dagegen Peter Müllers, Mitglied im Gesamtbetriebsrat der Karstadt Warenhaus AG, dem Tagesspiegel. „Es ist unwahrscheinlich, dass wir bis Ende Oktober eine Einigung finden werden.“ Verdi verteidigte das sparsame Verhandlungsangebot. „Die Einschnitte werden den Beschäftigten sehr, sehr weh tun“, sagte Wiethold. Oberstes Ziel müsse es sein, alle Arbeitsplätze und alle Karstadt-Häuser zu erhalten. Nach Einschätzung von Verdi könnten durch die anstehenden Maßnahmen 7000 der knapp 100000 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Sollte es doch zu Verkäufen kommen, müsse auch der Käufer die Arbeitsplätze garantieren.

Interesse am Karstadt-Haupthaus in Essen hat die ECE Projektmanagement. Dies erfuhr das Handelsblatt aus den beteiligten Firmenkreisen. Die ECE ist der größte Betreiber von Shoppingcentern hier zu Lande. Gerüchte, die US-Investmentgesellschaft Blackstone wolle Karstadt- Quelle komplett übernehmen, wurden dagegen dementiert. Blackstone zeigte aber Interesse an Immobilien des Konzerns, ebenso die Düsseldorfer Corpus-Gruppe.

Handelsexperten befürchten, dass durch die geringe Verhandlungsbereitschaft der Arbeitnehmer die Sanierung insgesamt auf dem Spiel stehen könnte. „Wenn die Arbeitnehmer keine weiteren Zugeständnisse machen, sind die Kreditlinien gefährdet“, sagte Andreas Kaapke, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung, dem Tagesspiegel. Bei den Verhandlungen dürfe es kein Tabu geben. „Man muss über alles sprechen, auch über den Tarifvertrag.“ Das lehnt die Belegschaft ab. „Wenn wir den Tarifvertrag anrühren, wird das einen Flächenbrand auslösen“, sagte Gesamtbetriebsrat Müllers. „Dann werden alle anderen Handelskonzerne auch nachziehen wollen.“ Die Verhandlungen sollen kommende Woche beginnen.

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