Wirtschaft : Verdi: ÖTV stimmt für Super-Gewerkschaft

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Mit großem Jubel haben die Delegierten der ÖTV am Freitag auf die deutliche Mehrheit für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi reagiert. 474 von 541 Delegierten stimmten für Verdi, 65 waren dagegen, zwei enthielten sich. Damit votierten 87,1 Prozent für die Fusion zur Dienstleistungsgewerkschaft; erforderlich waren 80 Prozent. "Das haben uns viele nicht zugetraut, doch wir haben es ihnen gezeigt", kommentiert ÖTV-Chef Frank Bsirske das Ergebnis.

Mit einer kämpferischen Rede hatte zuvor Bsirske für Verdi geworben. Er beschwor die Delegierten, "das größte, ehrgeizigste und anspruchsvollste Fusionsprojekt in der Geschichte freier Gewerkschaften kann heute Wirklichkeit werden". "Verdi ist kein Verbund von Schwachen", sagte der ÖTV-Chef, der Anfang kommender Woche als erster Verdi-Vorsitzender gewählt werden will. Und Bsirske warnte die Delegierten: Verdi sei ein Schlüsselprojekt für die Zukunft der ÖTV. "Aber was ist, wenn wir uns bei dem Schlüsselprojekt als nicht handlungsfähig erweisen? Zur vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wollen sich neben der ÖTV die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), die IG Medien, die Deutsche Postgwerkschaft (DPG) und die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV) zusammenschließen. Von Freitag bis Sonntag veranstaltet jede Gewerkschaft für sich einen so genannten Verschmelzungskongress. Von Montag bis Mittwoch findet dann der gemeinsame Verdi-Gründungskongress im Berliner Kongresszentrum ICC statt.

Nach der Abstimmung beglückwünschten die ehemaligen ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker, Monika Wulf-Mathies und Herbert Mai den designierten Verdi-Chef Bsirske. Der bedankte sich ausdrücklich bei seinem Vorgänger Herbert Mai, was die Delegierten mit Standing Ovations quittierten. Im vergangenen November war Mai zurückgetreten, nachdem eine Probeabstimmung über Verdi beim Leipziger Gewerkschaftstag schief gegangen war. Bsirske betonte in seiner kurzen Rede nach dem Abstimmungserfolg, dass auch die Verdi-Gegner eingebunden werden sollten: "Wir sind eine Organisation und wir gehen einen gemeinsamen Weg in Verdi."

Bereits die Aussprache zu Bsirskes Grundsatzreferat hatte einen Hinweis auf das Abstimmungsverhalten gegeben. Nur ein Delegierter meldete sich zu Wort und lobte die "Veränderung der Streitkultur" innerhalb der ÖTV nach dem Führungswechsel von Leipzig. Bsirske hatte in seiner Rede offenbar den Nerv der Gewerkschafter getroffen. Er spannte einen großen Bogen von politischen Themen, über lobende Worte für die Verdi-Partnergewerkschaften bis hin zu den Zukunftsaufgaben, die die ÖTV allein nicht bewältigen könne. Bsirske sagte er habe in den vergangenen Monaten viele Gespräche geführt, Diskussionen seien in einer Gewerkschaft "das A und O". Aber jetzt müsse eine Entscheidung her. Er appelliert an die Delegierten, sich ihrer Verantwortung bewußt zu werden und direkt ein Votum für Verdi zu fordern. Nach der deutlichen ÖTV-Mehrheit ist nun sehr wahrscheinlich, dass am heutigen Dienstag auch die DAG, die Postgewerkschaft und die IG Medien für Verdi votieren. Größere Widerstände sind - wenn überhaupt - nur bei der HBV zu erwarten.

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