Wirtschaft : „Verdi schürt den Klassenkampf“

Ärzte-Funktionär Montgomery über den Streik und die Folgen

-

Herr Montgomery, wie fühlen Sie sich nach ihrem Doppelsieg – über Arbeitgeber und Dienstleistungsgewerkschaft Verdi?

Den Erfolg über die Arbeitgeber habe ich nie so hoch eingeschätzt. Das war eine ganz normale Tarifauseinandersetzung ...

… die aber sehr lange gedauert hat.

Das ist richtig, weil es neue Kampflinien und ungewohnte Allianzen gab. Beide Seiten waren auch nicht daran gewöhnt, dass Ärzte streiken. Trotzdem war es in meinen Augen eine relativ normale Auseinandersetzung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Ganz anders der Konflikt mit Verdi. Da ging es um ein politisches Prinzip, nämlich das der Einheitsgewerkschaft. Deshalb schätze ich den Erfolg gegenüber Verdi ungleich höher ein. Das wird wirklich die Gewerkschaftspolitik der Bundesrepublik verändern.

Es gab ja zwei Abschlüsse, einen für Uni- Ärzte und einen für Ärzte an kommunalen Kliniken. Welcher war schwieriger?

Das kann ich nicht gewichten. Es hat mich aber erstaunt, dass wir nach dem langwierigen und komplizierten Abschluss für die Uni-Ärzte noch so lange für die Kommunen gebraucht haben. Jeder vernünftige Mensch sah doch, dass man am Ende zu einem ähnlichen Ergebnis kommen würde. Das Problem war, dass Politiker bei den Arbeitgeberverbänden zu zocken versucht haben. Dabei hätte man den Streik total vermeiden können. Wir haben das erhalten, was wir in der ersten Verhandlungsrunde gefordert haben.

Beim ersten Abschluss gab’s Unmut im Osten, beim zweiten finden manche die Gehaltserhöhungen nicht so üppig …

Der Abschluss für die Unikliniken im Osten war für uns schwer zu schlucken, auch die Erhöhungen für kommunale Klinikärzte hätte ich mir höher gewünscht. Es gibt hier ja eine Spreizung: Junge unverheiratete Ärzte ohne Kinder kriegen richtig viel mehr. Die sind aber nicht so laut wie die Älteren, die feststellen, dass sie nur sehr wenig mehr bekommen. Das liegt daran, dass wir einen kompletten Strukturwechsel hinlegen mussten – weg von der preußischen Alimentierungsordnung hin zu einem modernen Tarifvertrag. Die Steigerungen sind jetzt sehr ungleich verteilt. Denen, die deshalb berechtigt Unmut haben, muss man jetzt erklären, was der Wert eines eigenen Tarifvertrags ist.

Was nützt dem jungen Arzt das höhere Gehalt, wenn seine Klinik wegen zu hoher Personalausgaben dichtmachen muss?

Das stimmt so doch gar nicht. Für Kliniken, die früher BAT bezahlt haben, bedeutet der Abschluss keine nennenswerten Steigerungen. Und wir wissen seit Langem, dass ein erheblicher Teil der Krankenhäuser von der Schließung bedroht ist. Diese Häuser sind nicht bedroht durch die Tarifpolitik, sondern durch die Fehler der Gesundheitspolitik. Die wird man auch mit tarifpolitischen Mitteln nicht retten können. Außerdem gibt es derzeit 4500 nicht besetzbare Klinikstellen. Mit ein bisschen mehr Flexibilität braucht niemand Angst vor Jobverlust zu haben.

Und was nützt es dem Arzt, wenn ihn seine Klinik besser bezahlt und dafür das Pflegepersonal abbaut?

Nichts. Aber ich halte auch das für eine Tartarenmeldung. Eine kluge Klinik wird kein Pflegepersonal abbauen, weil Ärzte und Schwestern ihre Leistungen gemeinsam erbringen. Daher freuen wir uns auch darüber, dass das Pflegepersonal nun durch unseren Streik 35 Euro mehr im Monat bekommt. Das war der Judaslohn, den Verdi-Chef Bsirske einstecken durfte, weil er versucht hat, den Vertrag für Ärzte billig zu machen. Aber das gönnen wir den Krankenschwestern, denn auch die werden unter dem Tarifvertrag, den Verdi ausgehandelt hat, zu schlecht bezahlt.

Man hört, dass sich das Klima in den Kliniken durch die Streiks verschlechtert hat …

In manchen Kliniken wird der Klassenkampf durch Arbeitgeber und Verdi gezielt geschürt. Aber in funktionierenden Teams, etwa an meiner Klinik, ist das überhaupt nicht zu bemerken.

Wäre es nicht sinnvoll, qualifizierte Pflegekräfte gegenüber den Ärzten aufzuwerten?

Ja, uneingeschränkt. Deutsche Ärzte erledigen heute in den Kliniken viele Aufgaben nur deshalb, weil sie die billigsten sind. Ich habe die Regression der deutschen Pflegekräfte auf die rein körperliche Pflege, vorangetrieben übrigens auch durch die Gewerkschaftspolitik von Verdi, nie verstanden. Während hier eine immer größere Abschottung von anderen Bereichen des Gesundheitswesens stattfindet, erleben wir in anderen Ländern eine immer stärkere Professionalisierung und Qualifizierung der Pflege. Dort können Pflegekräfte den Ärzten Aufgaben abnehmen. Darüber wären wir heilfroh.

Die Fragen stellte Rainer Woratschka

Frank Ulrich Montgomery , der Vorsitzende des Marburger Bundes, will nun auch Krankenschwestern und Pfleger in den Kliniken für seine „Ärzte-Gewerkschaft“ gewinnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben