Verdi : "So verrückt wie die Berliner ist keiner"

Margret Mönig-Raane, stellvertretende Verdi-Chefin, über Streiks im Weihnachtsgeschäft, Leiharbeiter als Streikbrecher und die Forderungen der Verkäufer.

Raane
Magret Mönig-Raane. -Foto: Promo

Frau Mönig-Raane, Sie haben angekündigt, die Streiks im Weihnachtsgeschäft zu verschärfen. In den Geschäften merkt man davon nichts. Was läuft schief?

Wir wollen ja an erster Stelle nicht die Kunden treffen, sondern die Unternehmen. Darum konzentrieren wir uns im Moment mit unseren Streiks auf die Lager und die bedienungsintensiven Bereiche, wie zum Beispiel die Frischtheken.

Die Unternehmen kratzt das offenbar wenig – sie setzen einfach Leiharbeiter als Streikbrecher ein, die zudem weniger kosten als Tarifkräfte. Müssen Sie Ihre Streikstrategie überdenken?

Die Einzelhändler setzen nicht nur Leiharbeiter, sondern auch Führungskräfte und Beschäftigte aus anderen Unternehmen ein. Viele Beschäftigte trauen sich nicht, sich dagegen zu wehren. Oder sie arbeiten als Leiharbeiter in Unternehmen, die Tarifverträge mit christlichen Gewerkschaften haben. Dort ist der Anspruch, nicht als Streikbrecher eingesetzt zu werden, nicht präzisiert. Die riskieren tatsächlich ihre Kündigung.

Ist das schon vorgekommen?

Ich kenne Fälle von Verkäufern, die sich geweigert haben, als Streikbrecher zu arbeiten und die dann mit Kündigungen überzogen worden sind.

Die Tarifverhandlungen kommen nicht voran. Streiken Sie trotzdem weiter?

Wir wollen nicht berechenbar werden, Streiks sollen die Arbeitgeber überraschen. Das macht die Planung für Unternehmen schwieriger und teurer.

Bisher hatten Sie mit der Strategie wenig Erfolg.

An unseren Streiks haben sich seit Juni 100 000 Beschäftigte beteiligt. Unser Problem ist allerdings die Struktur des Einzelhandels, mit Tausenden von einzelnen Geschäften. Vier Prozent der Unternehmen beschäftigen 70 Prozent der Mitarbeiter. Wir können also in der Vielzahl der Fläche gar nicht effizient und sinnvoll streiken, das ist logistisch außerordentlich schwierig. Damit können wir keine Streiks wie zum Beispiel die Lokführer oder die Metaller durchführen.

Dann könnten Sie es auch ganz lassen.

Und dann? Alles hinnehmen, was die Arbeitgeber ihren Beschäftigten zumuten? Das kommt nicht in die Tüte! Wir setzen die ökonomisch Mächtigen, wie Metro, Kaufland, Rewe wirtschaftlich unter Druck. Die Unternehmen kostet das siebenstellige Summen pro Streiktag, weil die Leute bei Streiks woanders einkaufen.

Was haben Sie konkret vor?

Wir haben in den nächsten Wochen noch mehr Streiks geplant. Im Weihnachtsgeschäft war das bisher tabu.

Nicht in Berlin, wo das Weihnachtsgeschäft auch 2005 bestreikt worden ist.

Aber nicht in der Größenordnung wie jetzt mit Tausenden Streikenden pro Streiktag und mehrtägigen Streiks hintereinander. Die Planung bleibt allerdings dezentral. Die Beschäftigten entscheiden selbst mit, wann und wie lange sie streiken. Es wird ja auch regional verhandelt.

Bleibt der Sonntag weiter streikfrei?

Es gibt bundesweit nur wenige Geschäfte, die sonntags geöffnet haben, so verrückt wie die Berliner, mit vier offenen Adventssonntagen, ist sonst keiner. Darum werden wir auch künftig nicht am Sonntag streiken, auch nicht in Berlin.

Was muss passieren, damit die Tarifverhandlungen wieder aufgenommen werden?

Der absolute Knackpunkt sind die Zuschläge. Dass an den Samstagen und abends länger gearbeitet und dafür weniger Geld gezahlt werden soll, wie die Arbeitgeber fordern, ist eine Frechheit. Wir fordern die Arbeitgeber auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und diese Forderung endlich fallen zu lassen.

Sie fordern – je nach Bundesland – bis zu 6,5 Prozent mehr Lohn. Aber für den Einzelhandel war es bisher ein schwaches Jahr. Wo soll das Geld herkommen?

Es wäre genug Geld da, wenn der Wettbewerb vernünftiger gestaltet würde. In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Industrieländern die vierfache Verkaufsfläche pro Kopf. Und die Preiskämpfe werden von den Beschäftigten durch niedrige Löhne gesponsert.

Schon jetzt setzen Unternehmen immer mehr Leiharbeiter ein. Müssen Sie damit rechnen, dass künftig noch mehr reguläre Jobs abgebaut werden?

Das ist zu befürchten. Darum fordern wir, dass Leiharbeiter schon ab dem ersten Tag gleich entlohnt werden wie Tarifmitarbeiter. Das könnte der Gesetzgeber relativ schnell und einfach regeln, wenn er verhindern will, dass die Zahl der Niedriglohnempfänger steigt, die gleichzeitig Hartz IV bekommen müssen. Wir können das nicht als einzelne Tarifvertragspartei wuppen, sondern nur gemeinsam mit den Unternehmen und der Politik.

Real und Metro zahlen Mitarbeitern vor Weihnachten 200 Euro extra. Eine nette Geste zum Einlullen?

Wir nehmen das als erste Rate. Aber mit einer Einmalzahlung wird es nicht getan sein. Wir wollen einen Abschluss, in dem die Zuschläge gut geregelt sind und die Löhne dauerhaft und reallohnwirksam angehoben werden.

Ist ein Verhandlungstermin in Sicht?

Die Chancen stehen 50:50, dass im Pilotbezirk Nordrhein-Westfalen demnächst weiterverhandelt wird. Das werden die nächsten Tage zeigen.

Ist ein Abschluss vor Weihnachten drin?

Die Chancen stehen 50:50 – und die Hoffnung stirbt zuletzt.

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