Wirtschaft : Verdi: Suche nach der verlorenen Jugend

Alfons Frese

Es ist geschafft. Nach sechstägigen Kongressmühen, unzähligen Regularien und Abstimmungen, Reden und Grußworten, Abschieds- und Eröffnungsfesten fahren die Gründer der neuen vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi heute nach Hause. Vermutlich erschöpft, denn das Durchschnittsalter des Gewerkschaftsdelegierten liegt bei knapp 50 Jahren. Sind das die Leute, die mit Elan die Aufbruchstimmung der Verdi-Gründung an die Basis weitergeben?

Die Vergreisung der Gewerkschaften - nur etwa fünf Prozent der 7,7 Millionen Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sind jünger als 25 Jahre - ist insbesondere für Verdi problematisch. Denn Verdi muss jetzt gelebt werden von Postlern und Druckern, Krankenschwestern und Büroangestellten, die oft seit Jahrzehnten Mitglied in einer ganz anderen Organisation waren. Kommt die in der HBV (Handel, Banken, Versicherungen) aufgewachsene Bankangestellte mit dem Kollegen klar, der 20 Jahre in der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG) mitmachte? Ein Schub junger Leute, die sich als Verdi-Mitglieder verstehen und mit den alten Organisationen nicht viel am Hut haben, bekäme dem Zusammenwachsen der neuen Gewerkschaft gewiss gut.

Jedem sein Dinosaurier

Aber woher nehmen? Bundespräsident Johannes Rau hat dem Neuling Verdi ein bisschen Mut gemacht. Aus der gesellschaftlichen Tendenz, "dass Einzelinteressen immer stärker in den Vordergrund drängen", leitete Rau die Forderung ab, "die traditionell großen Organisationen in unserer Gesellschaft wieder zu stärken"; namentlich Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Verbände. Eine gewagte These des Präsidenten. Mit Dinosauriern gegen die Beweglichkeit und Autonomie des Einzelnen? Mit einem Apparat für Kollektivinteressen gegen die Individualisierung in der Gesellschaft?

Vielleicht mit Verdi. Größe und Vielfalt sind die Hauptmerkmale der neuen Gewerkschaft; das sind gute Voraussetzungen für gesellschaftlichen Einfluss und gleichzeitig die Wahrnehmung individueller Interessen.

Den gewerkschaftlichen Aufbruch mit Verdi personifiziert Frank Bsirske. Er ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und bricht schon deshalb mit dem traditionellen Klüngel von Gewerkschaft und Sozialdemokratie. Bsirske sucht das Abenteuer, er will "raus aus den gewerkschaftlichen Ghettos", er akzeptiert neue Beschäftigungsformen, flexible Arbeitszeiten, eine differenzierte Tarifpolitik. Die Individualisierung sei eine "positive Herausforderung".

Bsirske gegen Zwickel

Das sind neue Töne aus dem Spektrum deutscher Gewerkschaften. Und ein neuer Stil. Bsirske steht für Frische, Offenheit und Souveräntität, dabei locker und ideologisch nicht borniert. Ein Modernisierer, der mit Charme für Arbeitnehmerinteresssen kämpft. Neben Bsirske sieht Klaus Zwickel alt aus. Jedenfalls in diesen Tagen, wo Verdi und der erste Verdi-Chef einen so glänzenden Start hingelegt haben.

Bsirske gegen Zwickel, neu gegen alt, IG Metall gegen Verdi im Kampf um Mitglieder? Die beiden wichtigsten Gewerkschaften haben einen Modernisierungswettbewerb gestartet, die IG Metall will sich in einer dreijährigen Zukunftsdebatte programmatisch erneuern und die Mitgliederorientierung verbessern. Wichtigste Zielgruppe: die Jugend - bei der IG Metall genauso wie bei Verdi. "Wegen Umbau geöffnet - das ist das Leitmotiv der neuen Dienstleistungsgewerkschaft. Wenn dieses Motto Schule macht, dann können die deutschen Gewerkschaften ihre Zukunftsangst überwinden.

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