Wirtschaft : Verdi wirft Telekom Tarifbruch vor

Beim Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes in Berlin setze der Konzern Mitarbeiter von Fremdfirmen ein – anders als vereinbart

Corinna Visser

Berlin – Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wirft der Telekom vor, beim Aufbau des neuen Hochgeschwindigkeitsnetzes geltende tarifliche Vereinbarungen zu unterlaufen und nicht die angekündigte Zahl der Stellen zu schaffen. „Wenn es um die Zusage geht, mit dem neuen Netz Arbeitsplätze zu schaffen, stellt sich das in der betrieblichen Realität in Berlin als Mogelpackung da“, sagte Verdi-Fachbereichsleiter von Berlin/Brandenburg Mike Döding dem Tagesspiegel. Statt eigene Mitarbeiter einzusetzen, vergebe die Telekom einen großen Teil der Aufträge an Fremdfirmen. Die Telekom bestreitet, Vereinbarungen zu brechen, und verweist zudem darauf, dass Berlin eine Sonderstellung einnehme.

Im geltenden Rationalisierungstarifvertrag und im Beschäftigungsbündnis aus dem Jahr 2004 haben Verdi und die Telekom vereinbart, dass alle anfallenden Arbeiten im Konzern nach Möglichkeit mit eigenen Kräften erledigt werden müssen (gegebenenfalls auch mit Qualifizierungsmaßnahmen). Arbeit soll möglichst nicht außerhalb des Unternehmens vergeben werden. „Die Telekom unterläuft diese Vereinbarungen in Berlin“, sagt nun Verdi-Vertreter Döding.

Im September vergangenen Jahres hatte die Telekom angekündigt, ein neues superschnelles Glasfasernetz aufbauen zu wollen und dafür in den kommenden Jahren rund drei Milliarden Euro auszugeben. Mit dem von der Telekom T-Home- Speed genannten Produkt, das Telefon, Internet und Fernsehen aus einer Hand umfasst, sollte nicht nur das Angebot in der schrumpfenden Festnetz-Sparte attraktiver werden. Auch neue Arbeitsplätze versprach Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. Und das in einem Unternehmen, das bis Ende des Jahres 2008 32 000 Jobs streichen will.

Längst ist das High-Tech-Netz zu einem Politikum geworden, denn die Telekom will nur investieren, wenn der Zugang zum Netz künftig nicht vom Staat reguliert wird. 5000 Arbeitsplätze sollen beim Aufbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes entstehen, kündigte Ricke an. Doch die Beschäftigungsmöglichkeiten seien stark von Regulierungsentscheidungen abhängig. Sollte etwa der Aufbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes wegen der Regulierung dieses neuen Marktes gefährdet sein, „droht ein zusätzlicher Entfall von 5000 Stellen“, warnte die Telekom. Dennoch hat das Unternehmen mit dem Netzaufbau bereits begonnen. Zur Fußballweltmeisterschaft im Juni soll das Angebot in Berlin und anderen WM-Städten bereits stehen. Allein für den Netzausbau in Berlin hat die Telekom nach eigenen Angaben einen Personalbedarf von 1200 Mitarbeitern ermittelt.

„5000 neue Arbeitsplätze – das ist eine Zahl, die schön klingt“, sagte Verdi-Vertreter Döding. „Von den 1200 Personalposten für das neue Netz bleiben in Berlin am Ende aber nur 50 Neueinstellungen von Nachwuchskräften übrig.“ Rechne man das auf die Gesamtzahl der benötigten Arbeitskräfte um, bleibe für Neueinstellungen eine Quote von nicht einmal fünf Prozent. „Das ist ein Skandal“, sagte Döding. Der Rest der Arbeit werde von Fremdfirmen erbracht, durch Kollegen erledigt, die aus anderen Niederlassungen herangezogen werden oder durch Überstunden der Mitarbeiter der Telekom-Niederlassung Nordost.

Bei der Telekom zeigte man sich überrascht von den Vorwürfen der Gewerkschaft. „Wir haben für die Personalisierung des Aufbaus des neuen Hochgeschwindigkeitsnetzes eine Vereinbarung mit Verdi und dem Gesamtbetriebsrat getroffen“, sagte ein Sprecher des Konzerns dieser Zeitung. „An die halten wir uns auch.“ Die Telekom gehe bei der Personalplanung nach einer strengen Reihenfolge vor: Bei der Personalauswahl hätten die eigenen Mitarbeiter oberste Priorität, erst ganz zum Schluss komme es zur Vergabe von Aufträgen an Fremdfirmen. „Das ist die letzte Option“, sagte der Telekom-Sprecher. Zudem würde die Verteilung regelmäßig geprüft, so dass so viel wie möglich eigenes Personal beim Aufbau des neuen Netzes eingesetzt werde.

Derzeit gebe es einen Personalaufwand von knapp 1200 Leuten für den Aufbau von T-Home-Speed in Berlin. 700 Stellen seien konzernintern besetzt, Arbeit für 500 Mitarbeiter sei an Fremdfirmen vergeben worden. „Rund 230 Leute aus der regionalen Niederlassung arbeiten im Moment in dem Projekt“, sagte der Sprecher. „Die Niederlassung will noch weitere Leute gewinnen.“ 100 Mitarbeiter sollen aus benachbarten Niederlassungen nach Berlin kommen, rund 270 aus der Telekom-eigenen Personalgesellschaft Vivento Technical Services. Bestandteil der Vereinbarungen mit Verdi sei auch, „dass die Mitarbeiter in den betroffenen Niederlassungen kurzfristig Mehrarbeit leisten können“, sagte der Sprecher.

Warum Arbeit für 500 Mitarbeiter an Fremdfirmen vergeben wurde, erklärt der Konzern so: „Berlin ist von den im ersten Ausbauschritt geplanten Städten das größte und damit personalintensivste Projekt“, sagte der Telekom- Sprecher. „Wir haben geeignete Leute derzeit in Berlin einfach nicht ausreichend zur Verfügung.“ Auch aus der Beschäftigungsgesellschaft seien kurzfristig nicht so viele Mitarbeiter verfügbar. Zudem sei die Situation in Berlin nicht repräsentativ. „Berlin ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit, und hier gibt es besonders viele Verteiler, die aufgerüstet werden müssen“, sagt der Sprecher. Die Berliner Zahlen auf ganz Deutschland hochzurechnen, sei daher falsch. „Die Niederlassung Südwest zum Beispiel plant den Ausbau des Stuttgarter Netzes derzeit ausschließlich mit eigenen Leuten.“

Doch Verdi will die Arbeitsaufteilung in Berlin so nicht akzeptieren. „Die Fremdvergabe muss vom Tisch“, sagte VerdiVertreter Döding dem Tagesspiegel. Damit die Arbeit trotzdem erledigt werden könne, sollten stattdessen sowohl Mitarbeiter aus Vivento eingesetzt als auch junge Nachwuchskräfte eingestellt werden. „Wir sind bei den Nachwuchskräften sogar bereit, befristete Einstellungen zu akzeptieren“, sagte Döding. Der Frust unter den Berliner Kollegen sei groß. Die Gewerkschaft sei aber in der Friedenspflicht. „Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass Kollegen in ihrer Freizeit kreative Proteste organisieren.“

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