• Vereint im Kampf um den guten Ruf - Russische Staatsbeamte glauben nicht, dass Politiker-Kollegen die Kredite veruntreut haben

Wirtschaft : Vereint im Kampf um den guten Ruf - Russische Staatsbeamte glauben nicht, dass Politiker-Kollegen die Kredite veruntreut haben

Vanessa Liertz

Eines haben viele russische Staatsbeamte zur Zeit gemeinsam: Sie sind verärgert. Sauer sind sie, dass Gerüchte über veruntreute Gelder des Internationalen Währungsfonds (IWF) Russlands ohnehin angeknacksten Ruf weiter ramponieren - und damit der Strom an Geld und Sachkapital gen Russland weiter versiegt. Allein die Direktinvestitionen nach Russland sind von 1997 bis 1998 von 6,2 Milliarden Dollar auf knapp zwei Milliarden Dollar geschrumpft. Nun fürchten Politiker in Moskau und in den Regionen, dass der Ärger um die IWF-Gelder weitere Kapitalgeber vergraulen wird. "Dabei ist noch nichts bewiesen", ruft der Gouverneur der Stadt Samara, Konstantin Titow, empört aus.

Mit einigen Kollen ist er nach Berlin gereist, um an der Jahresversammlung des deutsch-russischen Forums über "Privatbesitz an Grund und Boden in Russland" zu diskutieren. Doch die Debatte, ob die russische Erde vom Staats- in Privateigentum übergehen soll, ist für diesen Macher-Typen überflüssig. Für ihn steht längst fest: "Freies Land für alle", postuliert der Gründer der marktwirtschaftlich orientierten Partei "Stimme Russlands" und macht eine ungeduldige Handbewegung. Denn jetzt beschäftigt ihn wichtigeres. Titow fürchtet, dass die täglichen Spekulationen über verlorene IWF-Gelder Investoren aus seiner Region vertreiben könnten. Dabei hat der seit neun Jahren amtierende Gouverneur seinen guten Ruf unter ausländischen Investoren nutzen können, um Unternehmen wie Nestlé in die Wolga-Region zu locken.

Alleine im vergangenen Jahr hatten Investoren zugesagt, rund 215 Millionen Dollar in Samara zu investieren - das sind knapp zehn Prozent der Direktinvestitionen für ganz Russland. Und dass diese Zusagen sich nicht plötzlich in Worthülsen auflösen, dafür setzt sich Titow ein. Also verteidigt er den Ruf der Moskauer Politiker-Kollegen vehement. Niemals, sagt er nachdrücklich, würde Moskau IWF-Gelder für persönliche Zwecke nutzen. Es dauert allerdings keine drei Minuten, da ist Titow selbst dabei, die Freizügigkeit seiner Moskauer Politiker-Kollegen anzuprangern.

Richtig in Rage gerät der Gouverneur, während er mit plastischen Formulierungen jene Herren in der Duma beschimpft, die den Boden, "auf dem andere ernten und säen", für ihre eigenen Machenschaften nutzten. Diese Leute verstimmen ihn ebenso wie jene Gouverneure, die "einerseits im Mercedes vor ihrer Haustür parken und andererseits gegen Privateigentum wettern mit der Begründung, die Bauern würden ihren Boden sowieso nur versaufen". Er, Titow, sei da anders. Und die Moskauer Kollegen? Die Stimme des Gouverneurs wird leiser, der Tonfall nüchterner. "Das kann und will ich nicht glauben", sagt er.

In diesem Anti-Credo zumindest stimmt er mit dem ehemaligen Vize-Premierminister Viktor Chlystun überein, der ansonsten andere Ansichten vertritt als Titow: Chlystun hält weniger von den freien Kräften des Marktes. Und Chlystun will auch nicht, dass der Ruf seines Landes "unnötig leidet", fungiert er doch heute als Chef des Zentrums für Internationale Investitionen in Russland. Er stöhnt darüber, dass ihm dieser "angebliche Skandal" mögliche Deals verhageln könnte. Zur Zeit verhandele er zum Beispiel mit internationalen Investoren über ein Agrar-Projekt im Gesamtwert von einer Milliarde Dollar. Mit den Gerüchten um die IWF-Gelder seien einige von ihnen zögerlich geworden.

Doch auch Chlystun gibt nicht auf. Bis es keine Beweise gibt, wird das ehemalige Kreml-Mitglied die Ehre seines Landes standhaft verteidigen - ebenso wie Michael Sadornow, einst Finanzminister. Während seine Kollegen in Berlin den guten Ruf ihres Landes propagieren, wiederholt Sadornow dieser Tage in Moskau die Behauptung, dass die Veruntreuung von IWF-Geldern "technisch gar nicht möglich" sei. Allerdings gibt der IWF-Gesandte der russischen Regierung zu: "Zuviel hängt bei der Zahlungsvergabe noch von einzelnen Beamten ab." Aber Abzweigungen seien "allenfalls im zehnten oder fünfzehnten Stadium möglich, wenn schon diverse Operationen mit den Geldern vorgenommen wurden". Und diese Gelder definiert Sadornow eben um: "Das ist dann schon kein Geld des IWF mehr, sondern allgemeine russische Geldmenge."

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