Wirtschaft : Vergessen Sie Kostolany!

Andreas Kosina

Das große Spiel mit den Aktien hat jeden von uns schon längst eingeholt. Andreas Kosina kann davon nicht mehr lassen und erklärt warumAndreas Kosina

Selbstverständlich werden viele von Ihnen eines Tages mit Spazierstock und dritten Zähnen auf der Parkbank sitzen, den Enkelkindern beim Spielen zuschauen und denken: Wie gut, dass wir damals Schwergewichte wie Procter & Gamble, General Electric, Coca-Cola und Old Blue Chips wie die Deutsche Bank, Allianz oder DaimlerChrysler ins Depot gelegt haben.

Bis vor kurzem war der Informationsfluss noch so zäh, dass Sie immer nur zu spät kommen konnten: Wenn man als Kleinanleger erfuhr, dass ein Crash an der Börse angesagt war, war der Crash schon wieder vorbei.

Inzwischen müsste sich aber auch der konservativste Anleger Gedanken gemacht haben, ob an den täglich schwankenden Börsenkursen nicht mehr Geld zu verdienen ist. Day Trading - also das Ausnutzen von Höchst- und Tiefstkursen an einem Tag - hat nichts mit dummem Zocken, sondern viel mit berechnendem Kapitalmanagement zu tun. Nebenbei: Day Trading ist mein Beruf. Und: Es lohnt sich. Nehmen Sie das Beispiel Microsoft, die Firma wird in ein Kartellverfahren verwickelt, und die Aktie fällt und fällt - um fünf, zehn, 15 Prozent.

Geschickte Day Trader suchen sich Aktiengesellschaften, die in diesen Abwärtssog geraten könnten und gehen auf "short". Das heißt: Sie verkaufen Aktien, die Sie noch nicht besitzen, zu einem hohen Preis mit dem Ziel, sie kurze Zeit später günstiger an der Börse nachkaufen zu können. Und richtig, die Aktie stürzt drei, fünf oder zehn Prozent in nur wenigen Stunden! Der Gewinn reicht! "Raus" - Die nächste Aktie bitte.

Kurze Zeit später ist die erst verkaufte Aktie sogar um über 20 Prozent gefallen (überverkauft), mit engen Stopps wird jetzt gekauft, was morgens verkauft wurde. Und richtig: Die Aktie schließt zwar mit fünf Prozent minus, für mich aber mit 15 Prozent plus im so genannten zweiten Handel. Im Tageshandel wurden die Preisschwankungen ausgenutzt und zehn Prozent auf "fallen" und 15 Prozent auf "steigen" verdient.

Wie Sie sehen, können Sie diesen schönen Moment auf der Parkbank früher genießen. Wenn Sie noch eigene Zähne haben, wenn Sie noch keinen Spazierstock brauchen, und wenn Ihre Enkel noch nicht geboren sind. Vergessen Sie für den Moment mal André Kostolanys Strategie der langfristigen Geldanlage. Ich weiss, er war unser großer Guru. Aber Day Trading ist einen Schritt weiter.

Die Preisschwankungen "rauf" oder "runter" werden sich wegen des wachsenden Business-to-Business-Geschäfts und der Fusionen bis in den Spätsommer fortsetzen. Preisschwankungen im Neuen Markt von drei bis fünf Prozent, in einzelnen Unternehmen sogar bis 20 Prozent am Tag rauf und runter - daran werden wir uns gewöhnen.

T-Online-Zeichner konnten sich gerade nach langem Hoffen über Zeichnungsgewinne von etwa 30 Prozent freuen. Na, herzlichen Glückwunsch! Day Trader hätten in den folgenden Tagen eine Preisschwankung dieser Aktie von zehn bis 15 Prozent gewinnbringend nutzen können - und das alles, ohne zu wissen, ob sie die Aktie überhaupt bekommen würden.

Übrigens: Aktien auf fallenden Preis zu handeln, ist auch mit deutschen Aktien in Deutschland möglich. Sprechen Sie mit Ihrer Bank darüber. Ich muss jetzt weiterhandeln.Der Autor der neuen Tagesspiegel-Kolumne "Börsenfieber" ist Day Trader in Hamburg.

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