Wirtschaft : Verkaufen oder nicht?

Aktionärsschützer raten Anlegern, ihre Rhön-Aktien an Fresenius abzugeben. Die Zeit drängt.

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Berlin - Die Aktionäre des Klinikkonzerns Rhön müssen jetzt Farbe bekennen: Verkaufen sie ihre Aktien an den Dax-Konzern Fresenius oder nicht? An diesem Mittwoch um 24 Uhr endet die Frist, die Fresenius für den Kauf der Anteilsscheine gesetzt hat. Tatsächlich müssen sich viele Kleinanleger aber schon früher entscheiden. Kreditinstitute wie die Commerzbank oder die Berliner Sparkasse brauchen die Verkaufsaufträge bereits bis Dienstag, um sie pünktlich weiterzuleiten.

Aktionärsschützer raten zum Verkauf: „Das Angebot ist attraktiv“, sagte Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, dem Tagesspiegel. „Wir halten das Angebot für fair“, meint auch Markus Neumann, Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. 22,50 Euro bietet Fresenius pro Aktie. Das liegt über dem aktuellen Börsenkurs von 21,24 Euro. Dass beides auseinanderklafft, wundert Neumann nicht. „Der Markt glaubt nicht daran, dass die Übernahme zustande kommt“, sagte der Finanzexperte dem Tagesspiegel. Denn Fresenius-Chef Ulf Schneider hat eine hohe Hürde gesetzt. Er will mindestens 90 Prozent der Anteile, gelingt das nicht, wird die Fusion abgeblasen. Das dürfte nicht spurlos an der Rhön-Aktie vorbeigehen: „Der Kurs wird sinken“, ist Neumann sicher. Nach dem Übernahmeangebot am 26. April war der Kurs in die Höhe geschossen.

Fresenius hat große Ziele: Der Konzern hat mit Helios bereits eine Krankenhaustochter, die 75 eigene Kliniken betreibt, darunter auch zwei in Berlin. Schneider will Helios mit Rhön zusammenführen und aus beiden Unternehmen einen mächtigen Klinikverbund mit einem Jahresumsatz von sechs Milliarden Euro schmieden. Der neue Verbund wäre mit Abstand der größte private Klinikkonzern in Deutschland. Das Bundeskartellamt hat bereits angekündigt, sich die Übernahme „sehr genau anschauen“ zu wollen.

Dass Schneider 90 Prozent will, begründet er mit einer Besonderheit in der Rhön-Satzung. Danach ist die ungewöhnlich hohe Mehrheit nämlich bei allen Grundsatzfragen nötig. Die Sperrminorität hat Rhön-Gründer Eugen Münch im eigenen Interesse in die Satzung schreiben lassen – seine Familie besitzt nämlich 12,45 Prozent. Börsenbeobachter halten das aber nicht für den einzigen Grund. Schafft Fresenius die 90 Prozent, ist auch ein Herausdrängen der verbliebenen Anteilseigner leichter. Denn in diesem Fall gilt der Kaufpreis von 22,50 Euro als fairer Preis für die Entschädigung der Rest-Anteilseigner. Lange Prozesse und komplizierte Bewertungsfragen entfallen. Doch ob Schneider diese Hürde schafft, ist unklar. Zwar hat Münch seine Anteile Fresenius bereits angedient. Auch der schwedische Pensionsfonds Alecta, der 9,13 Prozent hält, und der US-Investor John Paulson, der über 3,6 Prozent verfügt, wollen ihre Anteile abgeben.

Für Unsicherheit sorgen aber Meldungen, dass die Großbanken UBS und SEB inzwischen teils zweistellige Beteiligungen an Rhön aufgebaut haben. Ob das rein technische Gründe hat oder ob Investoren dahinterstecken, ist offen. „Wir sind sehr, sehr zuversichtlich, die 90 Prozent zu schaffen“, hieß es am Freitag bei Fresenius. Nachgebessert werde das Angebot aber auf keinen Fall. Und Fresenius werde selbst keine Aktien kaufen, betonte Ulf Schneider. Er geht davon aus, dass die meisten Aktionäre auf den letzten Drücker verkaufen. Das wäre auch nötig: Am Freitag hatte Fresenius erst 27,03 Prozent eingesammelt. Heike Jahberg

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