Verkaufsschlager : So muss sich ein Chihuahua fühlen

Der Kleinwagen Smart ist in den USA ein großer Hit. Wer jetzt einen bestellt, wartet ein Jahr lang auf ihn.

Matthias B. Krause
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Klein, aber beliebt: Der Smart in San Francisco. Wer ihn in den USA fährt, muss extrovertiert sein und viele Fragen beantworten. -Foto: picture-alliance/dpa

New York - Irgendwann war es David Wachtel einfach zu bunt. Jedes Mal, wenn er zu seinem geparkten Auto zurückkam, war es von Neugierigen umzingelt, die ihn mit Fragen bombardierten: „Ist das elektrisch?“, „Fühlen Sie sich darin sicher?“. „Die Leute sind wie Fliegen, die man wegscheuchen muss“, sagt Wachtel. Also hat er ein kleines Informationsblatt zusammengestellt mit den wichtigsten Fakten zu seinem Auto und es an die Scheibe geklebt. Seitdem muss er wenigstens nicht immer dieselben Fragen beantworten.

So wie dem Mann aus Forest Hills im New Yorker Stadtteil Queens geht es vielen Smart-Besitzern in den USA. Sie und ihr Auto sind der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, eine kleine Attraktion auf den Straßen, die immer noch überwiegend von Geländewagen, Kleinlastern, Vans und PS-starken Limousinen befahren werden.

Die Frage ist allerdings, wie lange noch. Im vergangenen Monat überstieg der Benzinpreis im Landesdurchschnitt erstmals die Vier-Dollar-Schallgrenze. Vier Dollar (rund 2,55 Euro) für eine Gallone (das sind 3,79 Liter) sind im Vergleich zu den Preisen in Europa immer noch lächerlich wenig. Aber den amerikanischen Vielfahrern jagt der Besuch an der Zapfsäule Angstzustände ein. Mittlerweile müssen sie in einigen Städten gar mehr als fünf Dollar bezahlen. Zwischen Juni 2007 und Juni 2008 fiel der Marktanteil der großen Wagen in den USA laut einer Erhebung des Power Information Network um sieben Prozentpunkte auf 35,3 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Verkäufe der Kleinwagen und der unteren Mittelklasse um fünf Prozentpunkte.

So gesehen war das Timing der Daimler AG fast perfekt. Seit Anfang des Jahres gibt es den Smart in den USA zu kaufen, bis dahin mussten Liebhaber bis zu 30 000 Dollar für einen Grauimport hinblättern. Nun können sie den kleinen Flitzer ab etwa 12 000 Dollar aufwärts kaufen, die teuerste Ausstattungsvariante kostet fast 18 000 Dollar. Daimler bietet den Zweisitzer in drei Varianten an, den einfach ausgestatteten „Pure“, den luxuriöseren „Passion“ und ein „Passion“-Cabriolet, jeweils ausschließlich als Benziner. Die sind im Verbrauch nur unwesentlich günstiger als „ausgewachsene“ Kleinwagen wie Honda Fit oder Toyota Yaris, die vier Personen Platz bieten und einen ansehnlichen Kofferraum haben.

Aber die Vernunft kommt auch in den USA nur an zweiter Stelle. Viel wichtiger ist es den meisten Käufern, cool zu sein. Darin schlägt der Smart auch den mit einem umweltfreundlichen Hybridantrieb ausgestatteten Toyota Prius. Marktforscher Jack Plunkett drückt das so aus: „Der Smart ist das neue Statement der Leute, die grün sein wollen, der Toyota Prius ist ein alter Hut.“ Zudem dürfe man den „Süß-und-neu-Faktor“ nicht übersehen.

Der überwältigt selbst das Herz der Autotester. Die nörgeln zwar kräftig an dem schwachbrüstigen Ein-Liter-Motor herum und der mehr als gewöhnungsbedürftigen Schaltung, aber wenn sie den Charme des Smart beschreiben, geht ihnen das Herz auf. So schwärmt der sonst so nüchterne Wirtschaftsdienst „Bloomberg“: „Der Smart ist ein Auto für eine Ära, in der weniger mehr und wenig Verbrauch auf einmal sexy ist. Daran gemessen ist der Wagen einer der größten mit dem meisten Sexappeal auf der Straße.“

Nur wenn es um die Sicherheit der Insassen geht, sind die Amerikaner überdurchschnittlich kritisch. Und wer den Smart zwischen den vielen tonnenschweren Luxuskarossen auf der Autobahn sieht, dem kann in der Tat angst und bange werden. Im Mai hat das Insurance Institute for Highway Safety, ein Forschungsinstitut der US-Autoversicherer, dem kleinen Automobil jedoch ein gutes Zeugnis ausgestellt. Für den Schutz bei Frontal- und Seitenaufprall gab es erstklassige Noten, für den Schutz bei einem Auffahrunfall ein „akzeptabel“.

Den Käufern scheint das zu genügen, seit Jahresbeginn wurden 11 400 Smart in den USA ausgeliefert. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr setzte Mercedes-Benz in den USA knapp 120 000 Fahrzeuge ab. Mehr als 30 000 Interessenten haben sich für 99 Dollar auf der zentralen Warteliste für einen Smart eingetragen. Nach Auskunft von Daimler entscheiden sich mehr als 80 Prozent von ihnen, den Wagen dann auch abzunehmen. Die meisten gehen nach Kalifornien, aber in allen großen Küstenstädten und selbst im Mittleren Westen ist der Smart beliebt. Wer jetzt einen in Amerika bestellt, muss mehr als ein Jahr lang auf das Fahrzeug warten.

Für viele Amerikaner dient der Kleine als Zweit-, Dritt- oder Viertwagen – nicht als Ersatz für die Familienkutsche oder die Luxus-Karosse. Carolyn Alper aus der Hauptstadt Washington hat sich einen zugelegt, weil sie angesichts der Benzinpreise ihren Lexus einfach öfter in der Auffahrt stehen lassen will. Von ihrer Anschaffung ist sie begeistert: „So muss sich ein Chihuahua fühlen, so kraftvoll, und man merkt gar nicht, dass der Wagen von außen so klein wirkt.“ In der US-Hauptstadt kommt zudem die größte Stärke des Smart voll zum Tragen: Er passt in jede Parklücke. Ob man ihn allerdings im 90-Grad-Winkel zum Bürgersteig hinstellen darf, darüber sind sich die Verkehrspolizisten uneinig. In Washington verteilen sie dafür bislang keine Strafzettel, in New York dagegen schon.

„Man muss definitiv extrovertiert sein, um das Ding zu fahren“, sagt der New Yorker David Wachtel – und manchmal muss man auch mit gemeinen Reaktionen klarkommen. Neulich brüllte jemand auf der Autobahn beim Überholen zu ihm runter: „Wo ist denn die andere Hälfte von deinem Auto?“

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